APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Vom Korporatismus zum Lobbyismus?

Die Zukunft der Verbände zwischen Globalisierung, Europäisierung und Berlinisierung


26.5.2002
Korporatismus ist kein neues Zeitalter, sondern eine Strategie innerhalb pluralistischer Systeme organisierter Interessen. Der klassische Lobbyismus ist im Pluralismus noch lange nicht obsolet, sondern feiert im Gegenteil fröhliche Urständ.

I. Abschnitt



Korporatismus hat in Deutschland keinen guten Klang [1] . Der Begriff weckt immer noch negative Assoziationen, ob an die anachronistischen korporierten Studentenverbindungen mit Pflichtmensur und seltsamen Saufritualen oder an die Idee des stato corporativo von Mussolini - ein Korporativismus, mit dem in den zwanziger Jahren nicht nur die katholische Kirche, sondern auch Teile des "Gildensozialismus" oder reaktionäre Kräfte wie Ottmar Spann mit seinem "wahren Staat" oder "linke" Nationalsozialisten sympathisierten. Der liberale (Neo-)Korporatismus der Sozialwissenschaften in den achtziger Jahren blieb Fachjargon und verließ kaum die Seminare und Diskurse. Nicht einmal den Duden der neuen Rechtschreibung hat er erreicht - im Gegensatz zu Neueintragungen wie "Art Director" oder "Non-Food-Abteilung".

Seit 1979, als Rolf G. Heinze und ich das erste deutsche Buch zum Korporatismus in Deutschland [2] herausgaben, ist die Korporatismus-Debatte in Deutschland und der Welt eine Wachstumsindustrie geworden - aber auch ein bisschen ein Glasperlenspiel geblieben. Immer neue Suffixe wurden erfunden: Mikro-, Meso-, Makrokorporatismus und wie sie alle heißen. Nur eines blieb klar: Korporatismus war kein neues oder altes Zeitalter, wie der legendäre Korporatismus-Pionier Philippe C. Schmitter ursprünglich propagierte, also kein neues System, sondern nur eine Strategie, ein Instrument, manchmal auch nur eine kleine politische Taktik. Und damit sind wir in der Gegenwart angelangt. Das Bündnis für Arbeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder ist sicherlich kein System, nicht einmal Strategie: Es ist nichts anderes als politische Taktik. Vielleicht klug, sicher sinnvoll und plausibel, auch rational, aber nicht epochal.

Konsens herrscht heute wohl darin, dass Korporatismus den Pluralismus nicht obsolet gemacht hat. Im Gegenteil: Pluralismus ist die übergreifende Kategorie, Korporatismus nur ein möglicher, durch historisch bestimmte Konstellationen begünstigter Unterfall. So werfe ich heute einen Blick auf die ursprünglich nackte Verkörperung des Pluralismus pur: den Lobbyismus. Er ist mitnichten untergegangen, sondern feiert fröhliche Urständ.

Aber in Deutschland hat auch Lobbyismus keinen guten Klang. Der Begriff weckt immer noch negative Assoziationen - wie manipulierte Machenschaften von Interessenvertretern, illegitime Einflussnahme in Hinterzimmern, wenn nicht gar Anklänge an Patronage und Korruption. Im Mutterland des Lobbyismus, im amerikanischen Kongress, ist das längst anders geworden. Das Begriffsbild hat sich neutralisiert, negative Wertungen sind in den Hintergrund getreten, positive Konnotationen beginnen zu dominieren.

Deshalb propagieren dort nicht nur wirtschaftliche Interessengruppen, sondern auch gesellschaftlich-politische Bürgerbewegungen, wie beispielsweise common cause, ganz unbefangen: "We lobby for democracy" (oder peace, the poor, the people, the minorities usw.). Politischen Einfluss nehmen, Druck machen, für die eigene Klientel etwas herausholen, das bedeutet "to lobby" in den USA heute.

Der Interessenrepräsentant, der in der Lobby des Capitol Hill auf Senatoren und Abgeordneten des Repräsentantenhauses wartet, die er umgarnen kann, ist weitgehend Vergangenheit. Natürlich ist damit die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Interessenvertretung und -wahrnehmung nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil: Sie hat sich professionalisiert.

Zwar sind noch die großen klassischen Interessenorganisationen präsent, wie die Gewerkschaften AFL/CIO (American Federation of Labor/Congress of Industrial Organizations), die National Association of Manufacturers, die National Chamber of Commerce oder auch die berühmt-berüchtigte National Rifle Association sowie neuerdings unzählige Umwelt- und Minoritätenorganisationen. Aber zwei andere Formen der Vertretung wirtschaftlicher Interessen sind in den USA typischer geworden: die Selbstrepräsentanz der Großunternehmen einerseits und die Fremdvertretung durch professionelle (Anwalts-)Kanzleien und Agenturen für kleinere Unternehmen und Interessen andererseits.

Insgesamt ist der US-amerikanische Lobbyismus extrem zersplittert, zumal da jeder der hundert Senatoren und der 435 Abgeordneten des House of Representatives als Chef-Lobbyist seiner eigenen constituency fungiert, was sowohl Wahlkreis als auch Wählerklientel bedeutet und immer die wirtschaftlichen Interessen der örtlichen Industrie und Arbeitsplätze mit einschließt. Und dies wird als absolut legitim erachtet.

Werden wir in Deutschland auch in dieser Hinsicht, wie das in Wahlkämpfen oft beschworen wird, amerikanisiert? Auch hier ist, so werde ich zeigen, wie im übrigen bei den Wahlkampagnen genauso, höchstens die Hälfte der herbeispekulierten Trends zutreffend.


Fußnoten

1.
Eine kürzere Version dieses Beitrages erschien unter dem Titel "Lobbyismus heute" in: Wirtschaftsdienst, 80 (2000) 3, S. 142-145.
2.
Ulrich von Alemann/Rolf G. Heinze (Hrsg.), Verbände und Staat. Vom Pluralismus zum Korporatismus, Opladen 1979.

 
zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.