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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 26-27/2000)

Vom Korporatismus zum Lobbyismus?


Die Zukunft der Verbände zwischen Globalisierung, Europäisierung und Berlinisierung
Ulrich von Alemann
Inhalt

I. Abschnitt

II. Abschnitt

III. Abschnitt

I. Abschnitt
Korporatismus hat in Deutschland keinen guten Klang [1] . Der Begriff weckt immer noch negative Assoziationen, ob an die anachronistischen korporierten Studentenverbindungen mit Pflichtmensur und seltsamen Saufritualen oder an die Idee des stato corporativo von Mussolini - ein Korporativismus, mit dem in den zwanziger Jahren nicht nur die katholische Kirche, sondern auch Teile des "Gildensozialismus" oder reaktionäre Kräfte wie Ottmar Spann mit seinem "wahren Staat" oder "linke" Nationalsozialisten sympathisierten. Der liberale (Neo-)Korporatismus der Sozialwissenschaften in den achtziger Jahren blieb Fachjargon und verließ kaum die Seminare und Diskurse. Nicht einmal den Duden der neuen Rechtschreibung hat er erreicht - im Gegensatz zu Neueintragungen wie "Art Director" oder "Non-Food-Abteilung".

Zur Person
Ulrich von Alemann
Dr. phil., Master of Arts, geb. 1944; Universitätsprofessor für Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Anschrift: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Sozialwissenschaften, Universitätsstr. 1, 40225 Düsseldorf.

Veröffentlichungen u. a.: (zus. mit Bernhard Weßels) Verbände in vergleichender Perspektive, Berlin 1997; (zus. mit Patrick Brandenburg) Nordrhein-Westfalen. Ein Land entdeckt sich neu, Köln 2000.

Seit 1979, als Rolf G. Heinze und ich das erste deutsche Buch zum Korporatismus in Deutschland [2] herausgaben, ist die Korporatismus-Debatte in Deutschland und der Welt eine Wachstumsindustrie geworden - aber auch ein bisschen ein Glasperlenspiel geblieben. Immer neue Suffixe wurden erfunden: Mikro-, Meso-, Makrokorporatismus und wie sie alle heißen. Nur eines blieb klar: Korporatismus war kein neues oder altes Zeitalter, wie der legendäre Korporatismus-Pionier Philippe C. Schmitter ursprünglich propagierte, also kein neues System, sondern nur eine Strategie, ein Instrument, manchmal auch nur eine kleine politische Taktik. Und damit sind wir in der Gegenwart angelangt. Das Bündnis für Arbeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder ist sicherlich kein System, nicht einmal Strategie: Es ist nichts anderes als politische Taktik. Vielleicht klug, sicher sinnvoll und plausibel, auch rational, aber nicht epochal.

Konsens herrscht heute wohl darin, dass Korporatismus den Pluralismus nicht obsolet gemacht hat. Im Gegenteil: Pluralismus ist die übergreifende Kategorie, Korporatismus nur ein möglicher, durch historisch bestimmte Konstellationen begünstigter Unterfall. So werfe ich heute einen Blick auf die ursprünglich nackte Verkörperung des Pluralismus pur: den Lobbyismus. Er ist mitnichten untergegangen, sondern feiert fröhliche Urständ.

Aber in Deutschland hat auch Lobbyismus keinen guten Klang. Der Begriff weckt immer noch negative Assoziationen - wie manipulierte Machenschaften von Interessenvertretern, illegitime Einflussnahme in Hinterzimmern, wenn nicht gar Anklänge an Patronage und Korruption. Im Mutterland des Lobbyismus, im amerikanischen Kongress, ist das längst anders geworden. Das Begriffsbild hat sich neutralisiert, negative Wertungen sind in den Hintergrund getreten, positive Konnotationen beginnen zu dominieren.

Deshalb propagieren dort nicht nur wirtschaftliche Interessengruppen, sondern auch gesellschaftlich-politische Bürgerbewegungen, wie beispielsweise common cause, ganz unbefangen: "We lobby for democracy" (oder peace, the poor, the people, the minorities usw.). Politischen Einfluss nehmen, Druck machen, für die eigene Klientel etwas herausholen, das bedeutet "to lobby" in den USA heute.

Der Interessenrepräsentant, der in der Lobby des Capitol Hill auf Senatoren und Abgeordneten des Repräsentantenhauses wartet, die er umgarnen kann, ist weitgehend Vergangenheit. Natürlich ist damit die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Interessenvertretung und -wahrnehmung nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil: Sie hat sich professionalisiert.

Zwar sind noch die großen klassischen Interessenorganisationen präsent, wie die Gewerkschaften AFL/CIO (American Federation of Labor/Congress of Industrial Organizations), die National Association of Manufacturers, die National Chamber of Commerce oder auch die berühmt-berüchtigte National Rifle Association sowie neuerdings unzählige Umwelt- und Minoritätenorganisationen. Aber zwei andere Formen der Vertretung wirtschaftlicher Interessen sind in den USA typischer geworden: die Selbstrepräsentanz der Großunternehmen einerseits und die Fremdvertretung durch professionelle (Anwalts-)Kanzleien und Agenturen für kleinere Unternehmen und Interessen andererseits.

Insgesamt ist der US-amerikanische Lobbyismus extrem zersplittert, zumal da jeder der hundert Senatoren und der 435 Abgeordneten des House of Representatives als Chef-Lobbyist seiner eigenen constituency fungiert, was sowohl Wahlkreis als auch Wählerklientel bedeutet und immer die wirtschaftlichen Interessen der örtlichen Industrie und Arbeitsplätze mit einschließt. Und dies wird als absolut legitim erachtet.

Werden wir in Deutschland auch in dieser Hinsicht, wie das in Wahlkämpfen oft beschworen wird, amerikanisiert? Auch hier ist, so werde ich zeigen, wie im übrigen bei den Wahlkampagnen genauso, höchstens die Hälfte der herbeispekulierten Trends zutreffend.
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08. Februar 2012
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Korporatismus - Verbände
Editorial
Vom Korporatismus zum Lobbyismus?
Organisierte Interessen in Deutschland
Die Entwicklung des deutschen Korporatismus
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