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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 35-36/2008)

Die Ukraine im europäischen Migrationssytem


Barbara Dietz
Inhalt

Einleitung

Zahlen und Fakten

Ukrainische Immigranten in der EU

Legale versus illegale Wanderungen

Fazit

Ukrainische Immigranten in der EU
Ukrainische (Arbeits)migranten sind in der EU mittlerweile keine Seltenheit mehr. Eine bedeutende Rolle spielen sie in der Tschechischen Republik und in Polen, wo sie jeweils an erster Stelle der Einwanderungsbevölkerung stehen. In der Slowakei und in Ungarn rangiert die Ukraine als zweitwichtigstes Herkunftsland von Immigranten. Auch in Italien, Griechenland, Portugal und Spanien sind Ukrainer vertreten, obwohl ihre Zahl in einigen dieser Staaten in den vergangenen Jahren geringfügig abgenommen hat (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). In Deutschland stehen ukrainische Zuwanderer mittlerweile auf dem achten Platz der ausländischen Bevölkerung, noch vor traditionellen Einwanderungsgruppen wie Spanier und Portugiesen. Festzuhalten ist allerdings, dass die OECD-Statistiken nur legal im Land lebende Immigranten registrieren. Die tatsächliche Zahl der Ukrainer in EU-Staaten dürfte aber aufgrund von illegalen Aufenthalten deutlich höher sein.

Aufgrund der geographischen Nähe, der Einbindung in die EU und der im Vergleich zu ihren östlichen Nachbarn stabilen ökonomischen Entwicklung verwundert es nicht, dass die neuen osteuropäischen Mitgliedsstaaten der EU ukrainische Migranten anziehen.[8] Diese Attraktivität ist auch dadurch zu erklären, dass diese Länder ebenso wie die Ukraine früher dem Warschauer Pakt angehörten. Neben vergleichsweise engen politischen Beziehungen existierte zwischen diesen Staaten und der Ukraine bis 2003 keine Visumpflicht (im Falle der Slowakei bis 2000). Diese Situation erleichterte den Grenzverkehr, den Kleinhandel und die saisonale Arbeit in grenznahen Gebieten für ukrainische Bürger erheblich. Auch wird die Wanderung von Ukrainern in die angrenzenden osteuropäischen EU-Staaten durch die steigende Nachfrage nach saisonalen Arbeitskräften in der Landwirtschaft und im Bauwesen gefördert, die durch heimische Kräfte nicht mehr gedeckt werden kann. Dazu kommt, dass es historisch etablierte Minderheitenbeziehungen zwischen der Ukraine, Polen und Ungarn gibt. Im ukrainischen Transkarpatien, nahe der Grenze zu Ungarn, leben beispielsweise 151 000 ethnische Ungarn, während die polnische Minderheit in der Ukraine etwa 140 000 Personen ausmacht. In Polen wiederum sind 312 000 Personen registriert, die in der Ukraine geboren wurden.[9] Aus der Sicht der Migrationsforschung stellen die durch Diasporagruppen etablierten Netzwerkbeziehungen eine starke Unterstützung grenzüberschreitender Wanderungen dar.[10]

Obwohl ukrainische Staatsbürger zu der wichtigsten Immigrantengruppe in Polen, Ungarn, der Tschechischen und der Slowakischen Republik zählen, unterscheiden sich ihre Migrationsmuster im Ländervergleich. Ukrainische Arbeitsmigranten in der Tschechischen Republik sind in erster Linie männlich, haben eine vergleichsweise gute Ausbildung und arbeiten dort teilweise über einen längeren Zeitraum, obwohl ihre Familien im Heimatland bleiben. In Polen, Ungarn und der Slowakei sind die ukrainischen Immigranten vor allem mit saisonaler, kurzfristiger und gering qualifizierter Arbeit beschäftigt.[11] Eine Dominanz männlicher Immigranten - wie in der Tschechischen Republik - ist jedoch nicht zu beobachten.

Im Kontext internationaler Migrationsbewegungen ist es eine spannende Frage, warum ukrainische Arbeitsmigranten in südeuropäische EU-Staaten wie Portugal, Spanien, Italien und Griechenland gingen, obwohl keine ökonomischen, ethnischen, kulturellen oder politischen Beziehungen zwischen diesen Staaten und der Ukraine existierten und eine vergleichsweise große geographische Distanz zu überwinden war. Auch sind die südeuropäischen EU-Staaten nicht die ökonomisch erfolgreichsten EU-Länder, was sich als Erklärung für die neue Ost-West-Migration anbieten könnte. Dennoch sind die existierenden Einkommensunterschiede zwischen der Ukraine und den südlichen EU-Staaten groß genug, um für Arbeitsmigranten attraktiv zu sein. Zudem gab es zwei weitere Motive, die eine Wanderung von Ukrainern in diese Regionen auslösten: die große Nachfrage nach flexiblen, gering qualifizierten Arbeitskräften in der Landwirtschaft, am Bau, im Tourismus und bei Haushaltsdienstleistungen und die vergleichsweise wenig regulierte Zuwanderung in diesen Staaten.[12]

Während traditionelle internationale Arbeitsmigrationen - zum Beispiel die so genannte Gastarbeiterbewegung nach West- und Nordeuropa - zu einer Dominanz von Männern in der Immigrantenbevölkerung führte, ist dies bei der ukrainischen Bevölkerung in den EU-Staaten nicht immer der Fall. Zwar leben mehr ukrainische Männer als Frauen in der Tschechischen Republik und in Portugal, wo die Nachfrage nach Immigranten im Baugewerbe und in der Landwirtschaft hoch ist. Dagegen kamen überwiegend ukrainische Immigrantinnen nach Italien und Griechenland, was sich durch die Beschäftigungsmöglichkeiten im Haushalt und in der Pflege erklärt.[13]

Während Immigrationen aus der Ukraine in ost- und südeuropäischen EU-Staaten ein neues Phänomen darstellen, reichen die Migrationsbeziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine bereits in die 1950er Jahre zurück, als die Aussiedlerbewegung aus der vormaligen Sowjetunion - und damit auch aus der ukrainischen Sowjetrepublik - ihren Anfang nahm.[14] Seit der Unabhängigkeit der Ukraine sind allein 40 000 Spätaussiedler mit ukrainischem Pass nach Deutschland eingereist. Zudem nimmt Deutschland seit 1991 jüdische Immigranten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion im Rahmen der Kontingentflüchtlingsregelung auf, die vor dem Hintergrund ethnischer bzw. religiöser Verfolgung getroffen wurde.[15]

Neben Russland, Weißrussland und Moldawien ist die Ukraine das wichtigste Sendeland jüdischer Kontingentflüchtlinge. Aufgrund der Aufnahmeregelungen für (Spät)aussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge hatten dieZuwanderungen aus der Ukraine nach Deutschland bis zur Mitte der 1980er Jahre einen überwiegend ethnischen oder religiösen und politischen Hintergrund. Allerdings kam es in den vergangenen Jahren auch vermehrt zu Arbeitswanderungen sowie Migrationen aufgrund von Ausbildung und Familienzusammenführungen.
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10. Februar 2012
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