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8.2.2010 | Von:
Horst Entorf

Strafvollzug oder Haftvermeidung - was rechnet sich?

Der Aufsatz geht der Frage nach, ob der Nutzen des Strafvollzugs die Kosten der Sicherung und Resozialisierung von Straftätern überschreitet oder ob alternative, haftvermeidende Strategien vorzuziehen sind.

Einleitung

Rechnet sich der Strafvollzug? Eine einfache Antwort liefert die Gegenüberstellung der jährlichen Haftkosten eines Inhaftierten mit dem Schaden, den er in Freiheit anrichten könnte. Wie im Verlauf des Artikels im Detail ausgeführt wird, kommt man so bei der Betrachtung des Nutzens durch Inhaftierung eines durchschnittlichen Haftinsassen in Höhe von 59 000 Euro und dessen Haftkosten in Höhe von etwa 29 000 Euro zu einer Nutzen-Kosten-Differenz in Höhe von 30 000 Euro. Ebenso kommt der US-amerikanische Ökonom und Kriminologe Steven Levitt[1] in einer vergleichbaren Analyse zu einem Überschuss von rund 21 000 Euro (29 000 US-Dollar).






So einleuchtend die Gegenüberstellung von Jahresbilanzen auch ist, so verstellt sie dennoch den Blick auf die gesamte Problematik der Evaluation des Strafvollzugs. Die Rechnung ist nur dann korrekt, wenn man von einem langfristigen Flussgleichgewicht der Kosten- und Nutzenströme ausgehen kann (Ökonomen würden von einem Steady State sprechen). Sie wäre aber irreführend, wenn beispielsweise kurzfristig sehr teure Aufwendungen zur Resozialisierung von Inhaftierten erst in zukünftigen Jahren die Kosten von Kriminalität senken würden. Umgekehrt gilt, dass eine Vernachlässigung von integrativen "Behandlungsmaßnahmen" (so der kriminologische Ausdruck für Anstrengungen zur Resozialisierung von Inhaftierten) kurzfristig mit geringen Haftkosten zu realisieren sind, langfristig aber zu einer verstärkten und kostenintensiven Kriminalisierung der Gefangenen führt.

Es ist zwar nicht von einer derzeitigen grundlegenden Veränderung der deutschen Strafvollzugspolitik auszugehen, so dass die auf Jahresbasis angestellte Kosten-Nutzen-Rechnung informativ und sinnvoll ist. Möchte man jedoch grundsätzlich über Reformen des Strafvollzugs und über eine "rationale" Kriminalpolitik nachdenken, so gilt es, die Kosten- und Nutzenkomponenten im Detail und unter langjährigen Investitions- und Nachhaltigkeitsaspekten zu betrachten. Das ist unumgänglich, da der Verzicht auf eine verantwortungsbewusste Kriminalpolitik eine Vergeudung knapper Ressourcen bedeutet, die unser Staat für andere Zukunftsaufgaben wie Bildung und ähnliches dringend benötigt.

Fußnoten

1.
Vgl. Steven Levitt, The Effect of Prison Population Size on Crime Rates: Evidence from Prison Overcrowding Litigation, in: Quarterly Journal of Economics, 111 (1996), S. 319 - 352.

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