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14.5.2010 | Von:
Inken Wiese

Das Engagement der arabischen Staaten in Afghanistan

Die Rahmenbedingungen, die die Unterstützung aus den arabischen Staaten für Afghanistan vor dem Jahr 2001 bedingten, existieren in dieser Form nicht mehr. Arabisches Engagement orientiert sich an einer neuen Problemanalyse.

Einleitung

Kaum ein (populär)wissenschaftliches Werk über Afghanistan kommt ohne einen Verweis darauf aus, dass das Land während der Zeit des sogenannten Dschihads gegen die Sowjetunion (1979-1989) umfassend von finanzieller, materieller und personeller Unterstützung aus den arabischen Staaten und vor allem aus den Golfstaaten profitiert habe. Auch der Hinweis, dass lediglich Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Pakistan das Taliban-Regime anerkannt hätten, bleibt in diesem Kontext nie unerwähnt. Differenzierende Auseinandersetzungen über die innen- und außenpolitischen Konstellationen, die dieses Engagement der jeweiligen arabischen Staaten bedingten, sowie über die individuellen Motivationen der in Afghanistan aktiven Araber kommen dabei meist zu kurz.

Westliche Regierungen, die seit dem Jahr 2001 im Rahmen der ISAF-Intervention am Wiederaufbau Afghanistans, der Stabilisierung der afghanischen Regierung und am Kampf gegen den internationalen Terrorismus beteiligt sind, reagieren oft mit Unverständnis auf die Zurückhaltung eben dieser arabischen Staaten, sich heute wieder in ähnlichem Maß für Afghanistan zu engagieren.[1] Auch die afghanische Regierung zerbricht sich bisher nur mit mäßigem Erfolg den Kopf, wie den finanzstärkeren arabischen Golfstaaten Investitionen in und Aufbauhilfe für Afghanistan attraktiver gemacht werden können.[2] Dabei haben Staaten wie Saudi-Arabien und die VAE in diversen Geber-Konferenzen der vergangenen Jahre weitaus mehr Geld in Aussicht gestellt als beispielsweise Frankreich, Italien oder Spanien. Dennoch besteht beim konkreten Mittelabfluss noch großes Steigerungspotenzial.[3] Bessere historische wie aktuelle Detailkenntnis mag also dienlich sein, die Erwartungen an ein offizielles Engagement auf ein realistisches Maß zu reduzieren.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, dass die Grundlage für das arabische Interesse an Afghanistan in den 1980er Jahren in dieser Form nicht mehr besteht, da sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die regionalpolitischen Machtstrukturen verändert haben. Aktuelles und zukünftiges Engagement orientiert sich daher an einer neuen Problemanalyse. Die noch sehr junge und geringe politikwissenschaftliche Forschung zu den arabischen Golfstaaten macht die gesonderte Betrachtung dieser Staaten im Afghanistan-Kontext allerdings zu einer Herausforderung.

Fußnoten

1.
Vgl. beispielhaft die Meldung der Associated Press vom 7.3.2010: "NATO: Muslim nations must aid Afghanistan", oder "NATO looks to Gulf States for help in Afghanistan", in: Al-Arabiyya vom 1.11.2009.
2.
So der damalige afghanische Finanzminister Anwar-ul Haq Ahady im Gespräch mit der Autorin im August 2008 in Kabul. Weitere Interviews mit Vertretern des afghanischen Finanz- und Außenministeriums im Juni 2009 und Anfang des Jahres 2010 in Kabul bestätigen, dass diese Herausforderung auch weiterhin auf der politischen Agenda steht.
3.
Vgl. Islamic Republic of Afghanistan/Ministry of Finance, Donors Financial Review, Report 1387, Kabul 2009, S.V.