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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 40-41/2003)

Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus


Viola B. Georgi
Inhalt

Wessen Geschichte?

Zur Gegenwart und Zukunft der Erinnerung

Theoretischer Bezugsrahmen

"Holocaust und NS-Geschichte,was bedeutet das für mich?"

Ergebnisse und Typen

Die Zukunft der Erinnerung

Wessen Geschichte?
Unbeeindruckt von der politischen Debatte um eine gesetzliche Regelung der Zuwanderung haben Migrationsprozesse in Vergangenheit und Gegenwart Deutschland faktisch zu einem Einwanderungsland gemacht. Wie alle Einwanderungsgesellschaften ist damit auch die bundesdeutsche Gesellschaft durch ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt gekennzeichnet. Auch Geschichtsbezüge, so meine These[1], werden durch die veränderte ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung und die Pluralisierung von Geschichte(n) transformiert. Ein beachtlicher Teil der heute in Deutschland lebenden Menschen verfügt über Familien- und Kollektivgeschichten sowie über historisch-politische Erfahrungen, die sich von den "deutschen" unterscheiden. Es handelt sich größtenteils um Menschen, deren Vorfahren keine direkten Verbindungen zum Nationalsozialismus haben, also weder Zuschauer oder Mitläufer noch Täter waren.

Zur Person
Viola B. Georgi
Dr. phil., geb 1967; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für angewandte Politikforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Anschrift: Centrum für angewandte Politikforschung (CAP), Maria-Theresia-Straße 21, 81675 München.
E-Mail: Georgi@lrz.uni-muenchen.de

Veröffentlichungen u.a.: Zur Vielfalt multikultureller Gesellschaftsentwürfe, in: Doron Kiesel (Hrsg.), Die Erfindung der Fremdheit, Frankfurt/M. 1999; (Hrsg. zus. mit Michael Seberich) A Survey on Human Rights Education, Gütersloh 2003.


Diese Menschen leben aber in einem Land, in dem die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust für die politisch-moralische Öffentlichkeit von immenser diskursiver und symbolischer Bedeutung ist.[2] Die Gegenwärtigkeit der Geschichte entfaltet sich in immer wiederkehrenden und neuen Debatten, in denen um Historisierung, Schuld und Verantwortung, geschichtliche Deutungen, die Besetzung von Gedenkorten und Erinnerungskultur gestritten wird. Als Beispiele seien hier nur die Debatte über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin oder aktuell die Diskussion über Deutsche als Opfer des Krieges (Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung) genannt.

Diese Kontroversen zeigen, wie zentral die Geschichte des Nationalsozialismus und dessen Nachwirkungen für das kollektive und individuelle Selbstverständnis der Deutschen sind, und unterstreichen zugleich die normativ-einheitsstiftende Bedeutung der Vergangenheitsbewältigung.[3] Da diese meist ausschließlich als Angelegenheit der durch Abstammung begründeten deutschen Schicksals-, Verantwortungs- oder Haftungsgemeinschaft begriffen wird, besteht die Gefahr, ein ethnisch-völkisches Selbstverständnis zu verstärken. Mit Blick auf eine deutsche Einwanderungsgesellschaft muss deshalb die Frage aufgeworfen werden, ob und inwiefern das Festhalten an einem solchen Selbstverständnis nicht zur Exklusion von Menschen nicht-deutscher Herkunft führt. Kann eine so definierte deutsche Erinnerungsgemeinschaft Menschen aus anderen Traditionszusammenhängen überhaupt integrieren? Kann von Einwandererinnen und Einwanderern überhaupt erwarten werden, dass sie, mit Jean Améry gesprochen, das "negative Eigentum"[4] der Aufnahmegesellschaft annehmen?

Die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust bildet sich in einer Mannigfaltigkeit von Repräsentationsformen ab: in kulturellen Objektivationen, öffentlichen Debatten und institutioneller Verarbeitung, etwa in der Schule oder in Gedenkstätten. An diesen Orten verhandeln junge Menschen unterschiedlicher Herkunft ihre Geschichtsbilder. Der Umgang mit der NS-Geschichte wird dabei häufig zu einem kritischen Testfeld für Anerkennungs- und Zugehörigkeitsfragen in der deutschen Aufnahmegesellschaft. Im interkulturellen Austausch über Vergangenheit werden Identitäten geformt, behauptet und abgegrenzt.

Aus der skizzierten Problemstellung ergeben sich zwei Fragen, die das Erkenntnisinteresse meiner Studie strukturieren. Erstens: Wie positionieren sich Jugendliche aus Einwandererfamilien zur NS-Geschichte und ihren Trägern - der deutschen Zuschauer-, Mitläufer- und Tätergesellschaft und ihren Nachkommen? Zweitens: Ist es auf der Grundlage sozialisationstheoretischer Erkenntnisse denkbar, dass Migranten sich ein kollektives, "historisches Erbe" der Aufnahmegesellschaft zu Eigen machen?

Gegenstand der Untersuchung ist die Bedeutung der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust für die Herausbildung historischer Identität von jugendlichen Migranten in Deutschland. Identitätsbildung wird hier mit Stuart Hall als Prozess der "Positionierung" gefasst: Positioning beschreibt das temporäre und strategische Beziehen von Positionen im Kontext einer als kontinuierlich verstandenen Identitätsarbeit.[5] Im untersuchten Zusammenhang besteht diese darin, sich seiner Geschichte in zweierlei Hinsicht zu vergewissern: erstens seiner Lebensgeschichte und zweitens der Geschichte der historischen Bezugsgruppe, der man sich zugehörig fühlt. Dabei muss das Individuum kollektive und individuelle Vergangenheit integrieren, d.h. die kollektive Geschichte muss biographisch anschlussfähig gemacht werden. Im Mittelpunkt steht also die Betrachtung der hergestellten Bezüge zwischen "kleiner" (persönlicher) und "großer" (nationaler) Geschichte. Die Studie untersucht deshalb die von jungen Migranten in Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges entwickelten Zeitdeutungen, Zugehörigkeitskonstruktionen, biographischen Strategien und Aneignungsformen der Geschichte.
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10. Februar 2012
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Deutsche Geschichte
Editorial
Die schwierige deutsch-polnische Vergangenheitspolitik
Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik
Kollektive Erinnerung im Wandel
Keine gemeinsame Erinnerung
Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953
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