APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 Pfeil rechts

Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung


28.12.2005
Entwickeln sich Parallelgesellschaften von Zuwanderern aus der Türkei und was würde das für die Zukunft der Integration in Deutschland bedeuten? Die Behauptung, der Rückzug in die eigene Ethnie sei eines der drängendsten Integrationsprobleme, lässt sich durch empirische Ergebnisse nicht hinreichend belegen.

Einleitung



Die vermeintliche Entwicklung von "Parallelgesellschaften" in Deutschland ist seit Mitte dieses Jahrzehnts das am häufigsten vorgebrachte Argument für die Auffassung, dass die Integration von Zuwanderern in der Bundesrepublik misslungen sei.[1]

Von Beginn an bis zur breiten Debatte ab 2004 gilt dabei der Islam als Ursache oder Merkmal gesellschaftlicher Desintegration. Ende 2004 erfuhr die "Parallelgesellschaft" als Konzept zur Beschreibung der Zuwanderungswirklichkeit aber auch öffentliche Kritik. Ihre Kritiker argumentierten, die Behauptung der Existenz von Parallelgesellschaften diene in erster Linie dem Ziel der Abqualifizierung gesellschaftlicher Pluralität.[2]

Zwei Fragen an die Migrationsforschung wirft die Debatte indessen unmittelbar auf: eine phänomenologische und eine normativ-politische.

Erstens: Gibt es eine (türkische) Parallelgesellschaft?

Zweitens: Was bedeutet die Existenz einer Parallelgesellschaft für die gesamtgesellschaftliche Integration ihrer Angehörigen?

Im vorliegenden Text wird unter Rückgriff auf Ergebnisse von Befragungen der Stiftung Zentrum für Türkeistudien zu den Lebenslagen erwachsener Türkeistämmiger in Nordrhein-Westfalen aus den Jahren 1999 bis 2004 versucht, eine empirisch fundierte Antwort auf diese beiden Fragen zu geben. Jährlich wurden 1 000 Personen per Zufallsauswahl telefonisch befragt.

Voraussetzung ist zunächst die Definition dessen, was unter einer Parallelgesellschaft und unter Integration zu verstehen ist, wie beide Konzepte durch die Migrationsforschung operationalisiert werden können und wie sie sich zueinander verhalten.


1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Insbesondere nach der Ermordung des islamkritischen Journalisten Theo van Gogh in den Niederlanden am 2. November 2004 erlebte der Begriff eine starke Konjunktur in Politik und Medien. Siehe etwa den Kommentar von Jan Kanter in der "Welt" vom 4.11. 2004: "Seine [van Goghs, D.H/M.S.] Respektlosigkeit gegen die Ikonen der niederländischen Gesellschaft war beinahe legendär. Die Niederländer waren trotz seiner Provokationen stolz auf van Gogh. Letztlich starb er jetzt auf einer Straße in Amsterdam, weil er diese Toleranz auch von einer großen Bevölkerungsgruppe einforderte, die innerhalb der niederländischen Gesellschaft eine eigene, eine Parallelgesellschaft entwickelt hatte." Wilhelm Heitmeyer verwendet den Begriff erstmalig in seiner Studie zum islamischen Fundamentalismus unter Jugendlichen in interpretativer Weise und beschreibt damit das zur Aufnahmegesellschaft weitgehend berührungslose Leben einer großen Gruppe türkeistämmiger Jugendlicher. Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Für türkische Jugendliche in Deutschland spielt der Islam eine wichtige Rolle. Erste empirische Studie: 27 Prozent befürworten Gewalt zur Durchsetzung religiöser Ziele, in: Die Zeit vom 23.8. 1996.
2.
So z.B. Arno Widmann in seinem Kommentar in: Berliner Zeitung vom 23.11. 2004.