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10.9.2004 | Von:
Sylke Nissen

Europäische Identität und die Zukunft Europas

Es sind Zweifel angebracht, ob die Identifikation der Bevölkerung mit der EU als Basis für die Unterstützung ausreichend belastbar ist. Offenbar wird das Engagement der Bürgerinnen und Bürger für Europa von Kosten-Nutzen-Kalkülen beeinflusst.

Einleitung

Nach vollzogener Erweiterung bedarf das "Projekt Europa" mehr denn je der öffentlichen Unterstützung. Ein weiteres Forcieren der europäischen Integration als Elitenprojekt wird nach Auffassung zahlreicher Beobachterinnen und Beobachter für deren Erfolg nicht (mehr) genügen.[1] Denn die EU ist als Union demokratischer Staaten nicht nur auf die politische Legitimation durch die Bevölkerungen der Mitgliedsländer angewiesen, sie benötigt darüber hinaus auch deren finanzielle Unterstützung für eine erfolgreiche Integration.




Aber unterstützen die Europäer den Integrationsprozess? Tragen die Bürgerinnen und Bürger der Mitgliedstaaten die Entscheidungen, die von politischen Eliten gefällt werden, so dass eine stabile und dauerhafte Entwicklung erwartet werden kann? Die Existenz einer europäischen Identität würde jene Unterstützung sicherstellen, die für die zukünftige Entwicklung Europas als unentbehrlich gilt.

In den folgenden Abschnitten werde ich die Existenz und Konsequenzen europäischer Identität untersuchen. Dazu ist es erforderlich, zuerst einen Begriff von europäischer Identität zu entwickeln. Anschließend werde ich darstellen, wie kollektive Identität auf europäischer Ebene üblicherweise gemessen wird. Da anzunehmen ist, dass europäische Identität in Niveau und Intensität auf politische, ökonomische oder andere Einflüsse reagiert, wird sie von mir nicht nur definiert, sondern auch in ihrer Entwicklung beobachtet. Dies ist möglich auf der Basis von Daten aus dem Eurobarometer. Die Ergebnisse der halbjährlichen Umfrage in allen Mitgliedsländern, die im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt wird, geben darüber hinaus einige Hinweise auf die Stabilität europäischer Identität. Vor diesem empirischen Hintergrund kann ich dann abschließend danach fragen, ob europäische Identität für die Zukunft Europas notwendig ist und welche Bedeutung ihr in der politischen Praxis zukommt.


Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Habermas, Der gespaltene Westen, Frankfurt/M. 2004, S. 68ff.; Richard Münch, Europäische Identitätsbildung, in: Reinhold Viehoff/Rien T. Segers (Hrsg.), Kultur, Identität, Europa, Frankfurt/M. 1999, S. 223 - 252; Christopher J. Anderson/Karl C. Kaltenthaler, The Dynamics of Public Opinion toward European Integration, 1973 - 1993, in: European Journal of International Relations, 2 (1996) 2, S. 175 - 199.