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Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft


26.5.2002
Die wissenschaftlichen Publikationen der Zeithistorie können immer nur relativ kleine Teile der Öffentlichkeit erreichen. Die meisten Bürger begegnen der Zeitgeschichte auf andere Weise.

I. Einleitung



"Bei zeitgeschichtlichen Dokumentationen zum Nationalsozialismus erscheinen so gut wie nie Historiker vor der Kamera." Diesen Befund konnte man unlängst in einer Fachzeitschrift lesen. Der Autor brachte die Abwesenheit der Historiker in Verbindung mit einer ZDF-Medienforschungsstudie, wonach die Zuschauer "am wenigsten gern aus Gesprächen mit Historikern lernen" [1] . Man möchte hinzufügen: Die Abneigung des Publikums wäre wohl geringer, wenn die Historiker sich verständlicher und lebendiger ausdrücken würden. Doch wirft der Passus auch ein Schlaglicht auf einen grundlegenden Sachverhalt, der sich nicht beliebig ändern lässt: Die Fachwissenschaft kann immer nur relativ kleine Teile der Öffentlichkeit erreichen; die meisten Bürger begegnen der Zeitgeschichte auf andere Weise.

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  • Grundsätzlich neu ist diese Situation nicht. Die Geschichtswissenschaft hat noch nie das Monopol für die Vermittlung von Geschichte besessen. Friedrich Meinecke notierte anno 1908, "daß unsere historischen Studien nicht mehr wie damals das Ohr der Nation haben, nicht mehr getragen sind von einer allgemeineren Teilhabe" [2] . Mit "damals" meinte er die Zeit, als die geschichtswissenschaftliche und die nationalpolitische Bewegung sich im 19. Jahrhundert verschwisterten. Die Werke historiographischer "Meistererzähler" von Ranke bis Treitschke standen damals hoch im Kurs der öffentlichen Meinung. Aber auch sie bestimmten das Geschichtsbild nicht allein. Andere Formen und Instanzen traten hinzu, so der historische Roman oder die Historienmalerei, und die Publizistik des sozialistischen Flügels der Arbeiterbewegung präsentierte den Gang und deutete den Sinn der Geschichte ohnehin ganz anders.

    Doch ist die Konkurrenz, der sich die Zunft der Historiker ausgesetzt sieht, in den letzten zwei, drei Jahrzehnten viel stärker geworden. Geschichte ist eine Ressource, um deren Nutzung eine steigende Zahl von Akteuren mit unterschiedlichen Zielen und Interessen in wachsender Formenvielfalt konkurriert. Zur Verdeutlichung genüge zunächst der Hinweis auf den Boom an Museen, Ausstellungen und Gedenkfeiern sowie den breiten Einzug historischer Themen in die audiovisuellen Medien. Der Geschichtsboom hat nicht nur Deutschland erfasst, sondern ist international. Henri Rousso, ein führender französischer Zeithistoriker, hat kürzlich ein Buch mit dem Titel "La hantise du passé" veröffentlicht, was man mit "Vergangenheitsbesessenheit" übersetzen könnte. Die Verhältnisse in Frankreich vor Augen, polemisiert er gegen das, was er "medial verordnete Gedächtnispflicht" nennt; er verwahrt sich gegen das Treiben der "Gedächtnisindustrie", die den Marktwert der Geschichte ausbeute und dabei das historische Wissen eher verneble als erhelle [3] .

    Ein solches Buch verlängert die Kette der Indizien dafür, dass die Tradierung der Geschichte und die Auseinandersetzung mit ihr vielfältiger und diffuser geworden sind. Der Boom erfasst nicht nur die Zeitgeschichte, sondern greift über die Epochen hinweg. So zählt die Stuttgarter Ausstellung über die Zeit der Staufer, die 1977 unerwartet viele Besucher anzog, zu den frühen Anzeichen des Booms in Deutschland. Aber er betrifft die Zeitgeschichte doch besonders stark. Die Nähe zur Gegenwart verdichtet das Interesse. "Vergangenheitsbewältigung" als Medium der politischen Auseinandersetzung und als Prüfstein der politischen Kultur steigert die Resonanz. Zudem bezieht sich Zeitgeschichte auf Zeitgenossen, die über persönliche Erinnerungen und somit über eine Art Direktzugang zur jüngeren Vergangenheit verfügen; das wirkt motivierend und erweitert den Stimmenchor der Deutungskonkurrenz.

    Es mag also nützlich sein, Klarheit über einige grundsätzliche Fragen zu gewinnen, wie: Welche Zugangsweisen zur Zeitgeschichte gibt es und wie kann man sie in typologisierender Absicht voneinander abgrenzen? Worin liegt das Spezifische des fachhistorischen Zugangs? Was macht "die Konkurrenz" anders und warum ist sie seit den siebziger Jahren stärker geworden? Welche Spannungen gibt es zwischen den - und womöglich auch innerhalb der - einzelnen Domänen der Vermittlung von Zeitgeschichte?


    Fußnoten

    1.
    Frank Bösch, Das "Dritte Reich" ferngesehen. Geschichtsvermittlung in der historischen Dokumentation, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, (1999), S. 204-220, hier S. 218.
    2.
    Geleitwort zum 100. Band der Historischen Zeitschrift (1908), in: Friedrich Meinecke, Zur Geschichte der Geschichtsschreibung, hrsg. von Eberhard Kessel, München 1968, S. 5-11, hier S. 9.
    3.
    Vgl. Henri Rousso, La hantise du passé: entretien avec Philippe Petit, Paris 1998.