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11.5.2010 | Von:
Michael Meyen

Die ARD in der DDR

Die Wirkung der ARD auf die DDR-Bevölkerung wird heute gern überschätzt. Viele DDR-Bürger schalteten ihren Fernseher nur ein, um "abzuschalten" – also, um sich unterhalten zu lassen.

Einleitung

Wer diese Überschrift liest, erwartet eine Erfolgsgeschichte. "Abends kommt der Klassenfeind", hat das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" 1977 eine Serie über den Alltag des ARD-Korrespondenten Lothar Loewe genannt und damit eine Interpretationslinie vorgegeben, die sich bis in die Gegenwart zieht.[1] "Die Einheit, sie hat sich zuerst auf dem Bildschirm vollzogen", sagte der ehemalige ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen 50 Jahre nach dem Fernsehneustart in beiden deutschen Staaten. Die ARD habe ihre Berichte "fast in jeden Winkel der DDR" gestrahlt, so dafür gesorgt, dass "die ganze Republik Abend für Abend" in den Westen übergelaufen sei, und damit "die Autorität des Ost-Berliner Regimes" ausgehöhlt. Zur Feier des Tages erlaubte sich Pleitgen sogar ein "Gedankenspiel": Wer weiß, wie schnell die Einheit gekommen wäre, wenn schon "die Helden des 17. Juni" von TV-Bildern aus dem Westen unterstützt worden wären? Dass die "Lampen des Westfernsehens" den Bürgern im November 1989 den Weg in die Leipziger Stasi-Zentrale zeigten, habe ja am Ende selbst die "dunkelsten Ahnungen" von Stasi-Chef Erich Mielke bestätigt.[2]

In diesem Beitrag wird die These vertreten, dass solche Sonntagsreden die Wirkung der ARD in der DDR überschätzen - weil das Bild der vereinten Fernsehnation westdeutschen Journalisten schmeichelt und ihren deutschlandpolitischen Auftrag legitimiert, weil gar nicht vorstellbar scheint, dass DDR-Bürger nicht an Informationen aus der "freien Welt" interessiert gewesen sein könnten, und weil übersehen wird, dass die meisten Menschen auf dem Bildschirm nicht nach Politik suchen. Das Fernsehen der DDR hat im Dezember 1982 die "alternative Programmgestaltung" eingeführt und fortan um 20 Uhr, zur Hauptsehzeit, in beiden Programmen das gesendet, was die große Mehrheit der Zuschauer überall auf der Welt in erster Linie sehen will: Spielfilme, Serien und große Shows, Quiz, Talk und Humor. Die Publizistik wurde auf spätere Sendeplätze verbannt.[3] Dieser Verzicht hatte Folgen: Nachdem die Sehbeteiligung Ende der 1970er Jahre auf einem Tiefpunkt angekommen war, erreichten die DDR-Programme zumindest bis Ende 1988 im Jahresdurchschnitt stets mehr ostdeutsche Zuschauer als die Sendungen aus dem Westen (Vgl. Tabelle in der PDF-Version).[4]

Um diesen Befund erklären zu können, gehe ich zunächst den Fragen nach den Empfangsbedingungen und der Glaubwürdigkeit der ARD in der DDR nach. Anschließend wird eine Mediennutzer-Typologie präsentiert, welche die Idee von der allabendlichen "kollektiven Ausreise" differenziert und zeigt, in welchen Milieus der Klassenfeind tatsächlich jeden Abend zu Hause war und wo die Türen verschlossen blieben. Beide Abschnitte stützen sich neben den Überlieferungen der DDR-Zuschauerforschung auf eine Studie, bei der zwischen 2000 und 2002 etwas mehr als hundert DDR-Bürger ausführlich zu ihren Medienbiografien interviewt wurden. Die Befragten sind dabei nach dem Prinzip der "theoretischen Sättigung" ausgewählt worden - ein Verfahren, das den Anspruch hat, alle Nutzungsmuster zu erfassen, allerdings keine Aussagen über zahlenmäßige Verteilungen erlaubt.[5] Im letzten Teil schließlich schaue ich mit Hilfe von Akten aus dem Bundesarchiv auf ein ARD-Publikum, das Lothar Loewe und Fritz Pleitgen offenbar vergessen haben: auf die SED-Führung. Öffentlich-rechtliche TV-Programme aus der Bundesrepublik haben die DDR-Spitze nicht nur gezwungen, das Hauptabendprogramm weitgehend von Ideologie zu befreien, sondern auch die Informationspolitik diktiert. Genau wie Loewe und Pleitgen gingen die Genossen um Erich Honecker davon aus, dass die eigenen Bürgerinnen und Bürger im Zweifel eher dem Gegner glauben, und haben die Sendungen aus dem Westen deshalb gebannt verfolgt.

Fußnoten

1.
Vgl. Lothar Loewe, Abends kommt der Klassenfeind. Fünf Teile, in: Der Spiegel, Nr. 33-37 1977; Kurt R. Hesse, Westmedien in der DDR, Köln 1988; Gunter Holzweißig, Zensur ohne Zensor, Bonn 1997, S. 168f.; Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Bonn 1998, S. 71; Konrad Dussel, Deutsche Rundfunkgeschichte, Konstanz 1999, S. 177f.
2.
Fritz Pleitgen, Impressionen zur deutsch-deutschen Fernsehgeschichte, in: Deutsches Rundfunkarchiv (Hrsg.), In geteilter Sicht. Dokumentation eines Symposiums, Potsdam 2004, S. 17-24.
3.
Vgl. Rüdiger Steinmetz/Reinhold Viehoff (Hrsg.), Deutsches Fernsehen Ost, Berlin 2008.
4.
Vgl. Michael Meyen, Kollektive Ausreise? Zur Reichweite ost- und westdeutscher Fernsehprogramme in der DDR, in: Publizistik, 47 (2002) 2, S. 200-220.
5.
Vgl. ders., Denver Clan und Neues Deutschland. Mediennutzung in der DDR, Berlin 2003, S. 15-35.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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