Regionalpolitische Optionen für schrumpfende Städte
Das Programm Stadtumbbau Ost ist zu einseitig auf den Abriss von Wohnungen und Sanierung großer Wohnungsunternehmen gerichtet. Umbaumaßnahmen könnten attraktivitätssteigernd wirken, wenn die vorhandenen städtischen Potenziale genutzt würden.Einleitung
Schrumpfende Städte und die sie begleitenden Abrisse scheinen sich als weiterer Stein in jenes Mosaik verschiedener Symptome zu fügen, die das Ende des "kurzen Traums immer währender Prosperität" (Burkart Lutz) in Deutschland anzeigen. Dass dieser Prosperitätszuwachs nicht nur bei den Privatvermögen, sondern auch in der öffentlichen Sphäre als "kollektiver Wohlstand" wahrzunehmen war - dafür sorgte in Westdeutschland die rasche Wiederauferstehung der Städte aus den Kriegsruinen, die gestiegene Attraktivität der Stadtzentren und die Verbesserung des Stadtbilds in einer vierzigjährigen Phase der stetigen Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums. Dieser Exportartikel "attraktive Städte und Innenstädte" wurde seit 1990 auch in den neuen Ländern als dominierendes Leitbild der Stadtentwicklung übernommen. Inzwischen ist nicht zu übersehen, dass die Planer in zahlreichen Städten trotz hartnäckiger Entwicklungshemmnisse in den Innenstädten und Konkurrenz der Handelsstandorte auf der "grünen Wiese" diesem Ziel inzwischen ein Stück näher gekommen sind.[1]
Die deutsche Vereinigung und die marktwirtschaftliche Integration Ostdeutschlands bewirkten aber nicht nur eine Neuausrichtung der Stadtentwicklungspolitik, sondern setzten die ostdeutschen Städte gleichzeitig einem über 40 Jahre nicht gekannten gesamtdeutschen Standortwettbewerb um Unternehmen und Haushalte aus. In diesem Wettbewerb hatten die ostdeutschen Städte schlechte Startchancen, da sich insbesondere die für die Wirtschaft wichtige Infrastruktur in einem desolaten Zustand befand und im Gefolge der wirtschaftlichen Transformation eine große Zahl von Unternehmen ihre Produktion einstellten und Arbeitsplätze wegfielen. Mit umfangreichen Infrastruktur- und Wirtschaftsförderprogrammen waren Bund und Länder von Anfang an bemüht, die Wettbewerbsposition ostdeutscher Standorte zu verbessern. Mit diesen Maßnahmen konnte aber nicht verhindern werden, dass in vielen Städten mehr Einwohner ab- als neu zugewandert sind. Zusätzlich wurde die Einwohnerzahl - wenn auch in geringerem Ausmaß - durch den Überschuss der Todesfälle über die Geburten reduziert. Die schleichende Erosion der Einwohnerbasis wurde im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung noch überlagert von expansiven Entwicklungen, wie man sie vom vertrauten Wachstumspfad her kennt: Bautätigkeit an allen Ecken der Städte, Ausdehnung der Einzelhandelsflächen, nachholende Wohnsuburbanisierung. Erst der wachsende betriebswirtschaftliche Problemdruck der großen Wohnungsgesellschaften veranlasste Bund, Länder und Kommunen, der Schrumpfungsproblematik mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wie beim Schwanken von einem Extrem ins andere scheint sich diese neue Aufmerksamkeit für Schrumpfungsprozesse derzeit zu verselbständigen: Überall wird plötzlich nur noch Schrumpfung wahrgenommen und für die Zukunft als nahezu unabwendbares Schicksal angesehen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist in einer solchen Situation ein nüchterner und differenzierender Blick gefragt - eine Perspektive, mit der im Folgenden einige Sachverhalte genauer betrachtet werden sollen.
Fußnoten
- Vgl. Peter Franz/Raimar Richert/Manfred Weilepp, Suburbanisierung von Handel und Dienstleistungen in Ostdeutschland - Auswirkungen auf die Innenstädte und Maßnahmen der Gegensteuerung, in: Archiv für Kommunalwissenschaften, 36 (1997) I, S. 48 - 72.

