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Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland

Ursachen, Organisationen, Gefahrenpotenzial


26.5.2002
Armin Pfahl-Traughber berichtet über das Wirken islamistischer Gruppierungen in Deutschland, dem im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft entgegengetreten werden muss.

I. Einleitung



Die islamistischen Terroristen zugeschriebenen Anschläge in den USA rückten auch die islamistischen Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland stärker ins Licht des öffentlichen Interesses. [1]

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  • Sie bilden allerdings keinen homogenen Block, wie auch die Reaktionen auf die genannten Ereignisse zeigen: Eine überwiegende Mehrheit der organisierten Islamisten lehnte die Terroranschläge offiziell ab. [2] Lediglich eine Minderheit sah in ihnen eine angemessene Handlung gegen die als erklärter Feind geltenden USA. Das Gefahrenpotenzial islamistischer Organisationen ergibt sich jedoch nicht nur aus der Einstellung zu den verheerenden Anschlägen oder aus dem Verhältnis zur Gewalt als politischem Mittel an sich. Auch unterhalb der Schwelle politisch motivierter Militanz können sich bedenkliche Entwicklungen für eine demokratische und pluralistische Gesellschaft vollziehen. Das gesamte Ausmaß damit angesprochener Handlungsstile, vom kulturpolitischen Wirken bis zum gewalttätigen Vorgehen, lässt sich bei Islamisten in der Bundesrepublik Deutschland ausmachen.

    Allein diese Einsicht verbietet eine pauschale Sicht und nötigt zu Differenziertheit in Beschreibung und Einschätzung. Gerade sie sind vor dem Hintergrund einer emotionalisierten Debatte zum Thema nötig, gilt es doch Dramatisierung ebenso wie Verharmlosung zu vermeiden. Erstere zeigt sich etwa, wenn die zu einem Glaubenskrieg aufrufende Gewaltrhetorik bestimmter Aktivisten direkt oder indirekt mit den Muslimen an sich oder den Islamisten in Gänze identifiziert wird. Verharmlosend wirkt demgegenüber die mitunter feststellbare kritiklose gesellschaftliche Akzeptanz einzelner islamistischer Organisationen als Dialogpartner durch bestimmte Politiker oder Institutionen. Eine andere - offenbar sogar dominierende - Reaktionsweise besteht in der weitgehenden Ignoranz gegenüber der Entwicklung islamistischer Organisationen. So besteht in der Mehrheit der deutschen Gesellschaft ein nicht besonders hohes Interesse an Alltagsleben, Einstellungen und Glaube der teilweise schon jahrzehntelang in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Angehörigen ethnischer und religiöser Minderheiten. [3]

    Bestärkt wird diese Haltung durch das bewusste Abschotten der islamistischen Organisationen, die sich teilweise um die Schaffung von Parallelgesellschaften bemühen und daher kritische Einblicke in ihre wahren Absichten und Aktivitäten vermeiden wollen. Die Kombination beider Umstände führte dazu, dass es an einem breiteren und tiefgründigen öffentlichen Wissen über den politisch motivierten Islamismus weitgehend mangelt. Die Medien berichten lediglich anlassbezogen, sporadisch und eher oberflächlich; nur wenige Journalisten spezialisierten sich auf das Thema. Im wissenschaftlichen Bereich bestehen zwar einige Einrichtungen und Institute zur Islam-Forschung, die aber bisher den islamistischen Organisationen insgesamt eher geringe Aufmerksamkeit widmeten. [4] Einige wenige Abhandlungen stellen hier nur Ausnahmen von der Regel dar. [5] Kontinuierliche Berichte über das Wirken des politisch organisierten Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland findet man bislang lediglich in den jährlichen Berichten der Ämter für Verfassungsschutz. [6]


    Fußnoten

    1.
    Die vorliegende Darstellung wird aus politikwissenschaftlicher Sicht formuliert und entspricht der persönlichen Auffassung des Autors.
    2.
    An der Basis solcher Organisationen gab es allerdings durchaus Freudenstimmung, vgl. u. a. Welt am Sonntag vom 23. September 2001.
    3.
    Vgl. Peter Heine, Halbmond über deutschen Dächern. Muslimisches Leben in unserem Land, München 1997; Ursula Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland. Nebeneinander oder Miteinander?, Freiburg 1998; Bassam Tibi, Der Islam und Deutschland. Muslime in Deutschland, Stuttgart 2000.
    4.
    Vgl. als Ausnahme Nils Feind-Rigers/Udo Steinbach, Islamische Organisationen in Deutschland. Eine aktuelle Bestandsaufnahme und Analyse, Hamburg 1997, S. 21-25. Bei dieser Veröffentlichung des deutschen Orient-Instituts Hamburg handelt es sich allerdings um eine eher oberflächliche und unkritische Darstellung.
    5.
    Vgl. etwa Bahman Nirumand (Hrsg.), Im Namen Allahs. Islamische Gruppen und der Fundamentalismus in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1990; Werner Schiffauer, Der Weg zum Gottesstaat. Die fundamentalistischen Gemeinden türkischer Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik, in: ders., Fremde in der Stadt. Zehn Essays zu Kultur und Differenz, Frankfurt/M. 1997, S. 190-212.
    6.
    Vgl. die jährlichen Berichte des Bundesamtes und der Landesämter für Verfassungsschutz mit den Eintragungen zum Ausländerextremismus. Für eine komprimierte Überblicksdarstellung vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Extremistisch-islamische Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1999.

     

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