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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 25/2004)

Hochschulen in den USA - Modell für Deutschland?


Hans N. Weiler
Inhalt

Prolog: Von den Problemen des Vergleichs

Umgang mit Qualität: Bewertung und Belohnung von Leistung

Der Umgang mit Entscheidungen: Hochschulen und ihre Leitung

Der Umgang mit Studierenden: Zahlende Kunden oder lästige Last?

Ausblick

Prolog: Von den Problemen des Vergleichs
In einem Brief an den Arzt Jared Eliot aus Connecticut vom 12. April 1753 erzählt Benjamin Franklin die Geschichte der Vertragsverhandlungen zwischen der Kolonialregierung von Virginia und den sechs dort ansässigen Indianer-Stämmen, den "Six Nations".[1] Als besonders großzügige Geste hatten die britischen Unterhändler den Vertretern der Indianer angeboten, ein halbes Dutzend ihrer besten jungen Leute für eine erstklassige britische Ausbildung auf Kosten der Kolonialregierung an das College von Williamsburg zu schicken - "to bring them up in the Best manner"[2]. Die Vertreter der Indianer überlegten sich die Sache und kamen am darauf folgenden Tag zurück an den Verhandlungstisch. Sie bedankten sich artig für das großzügige Angebot, lehnten es dann aber ab. Sie baten um Verständnis dafür, dass ihre Vorstellungen von Bildung nicht dieselben seien wie die ihrer weißen Gesprächspartner.

Biografie
Hans N. Weiler
Dr. phil., Dr. phil. h.c., geb. 1934; 1965-1993 Professor of Education and Political Science an der Stanford University; 1993-1999 Rektor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
Anschrift: Stanford University, 752 Tolman Drive, Stanford, CA 94305 - 1045, USA.
E-Mail: weiler@stanford.edu

Veröffentlichungen u.a.: (zus. mit Heinrich A. Mintrup und Elisabeth Fuhrmann) Educational Change and Social Transformation: Teachers, Schools, and Universities in Eastern Germany, London 1996; (zus. mit Hans-Jürgen Puhle) Career Centers - Eine hochschulpolitische Herausforderung, Hamburg 2001; Bildungsforschung und Bildungsreform: Von den Defiziten der deutschen Erziehungswissenschaft, in: Ingrid Gogolin/Rudolf Tippelt (Hrsg.), Innovation durch Bildung, Opladen 2003.


Die Vertreter der "Six Nations" erklärten weiter, dass vor einiger Zeit schon einmal einige ihrer jungen Stammesgenossen zur Ausbildung an die Colleges des weißen Mannes geschickt worden, bei ihrer Rückkehr jedoch für das Leben der Indianer eigentlich völlig unbrauchbar gewesen seien. Um sich aber nicht den Anschein von Undankbarkeit zu geben, fügten die Indianer das Angebot hinzu, dass die "Gentlemen of Virginia" doch ein halbes Dutzend ihrer besten Söhne zu den Indianern in die Ausbildung schicken sollten, und versprachen, sich mit der größten Sorgfalt ihrer Erziehung anzunehmen, ihnen all das beizubringen, was die Indianer wissen, und richtige Männer aus ihnen zu machen: "... and make men of them"[3].

So ist das mit unterschiedlichen Vorstellungen von Erziehung, und man wird gelegentlich an die Missverständnisse zwischen den "Gentlemen of Virginia" und den indianischen Stammesführern der "Six Nations" erinnert, wenn man sich die Diskussionen über den Vergleich zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Hochschulwesen anhört.

Meine Biographie bringt es mit sich, dass ich zu diesem Thema schon des Öfteren befragt worden bin.[4] Ich habe gelernt, dass man sich dabei einem nicht unbeträchtlichen Risiko aussetzt. Deshalb eine Klarstellung vorweg: Ich gehöre nicht zu denjenigen, von denen der ehemalige Wissenschaftsminister des Freistaates Sachsen einmal gesagt hat, dass sie sich "deutsche Hochschulen nur noch als amerikanischen Verschnitt vorstellen können"[5]. Mit anderen Worten: Nach meiner Einschätzung taugt das amerikanische Hochschulwesen nur bedingt als Modell für die deutsche Hochschulpolitik - aus Gründen, über die noch zu reden sein wird.

Gleichzeitig bin ich jedoch der Ansicht, dass man von der sorgfältigen Betrachtung anderer Hochschulsysteme sehr viel lernen kann - zum Mindesten die überaus heilsame Einsicht, dass das eigene Hochschulsystem auch anders sein könnte, als es ist. Die Nützlichkeit solcher Vergleiche für die Verbesserung des deutschen Hochschulwesens soll an drei Themen deutlich gemacht werden: am Umgang mit Qualität, am Umgang mit Entscheidungen und am Umgang mit Studierenden.

In jedem Fall ist von amerikanischen Erfahrungen zu berichten, die zwar nicht eins zu eins übertragbar sind, aus denen sich aber manches für die weitere Entwicklung der deutschen Hochschulen lernen lässt. Dabei geht es wohlgemerkt weniger um profunde Hochschulphilosophie als mehr um ganz handfeste Erfahrungen.
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10. Februar 2012
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