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6.5.2003 | Von:
Herwig Birg

Dynamik der demografischen Alterung, Bevölkerungs-Schrumpfung und Zuwanderung in Deutschland

Prognosen und Auswirkungen

Der erstrebenswerte Zustand des demographischen Gleichgewichts wird in der Bevölkerungswissenschaft als ein Zustand ohne permanentes Wachstum bei einer konstanten Altersstruktur definiert. Man spricht hierbei vom so genannten stationären Gleichgewicht.

I. Einführung

Der erstrebenswerte Zustand des demographischen Gleichgewichts wird in der Bevölkerungswissenschaft als ein Zustand ohne permanentes Wachstum bzw. ohne permanente Schrumpfung bei einer konstanten Altersstruktur definiert (= stationäres Gleichgewicht). Die demographischen Statistiken und Prognosen der Vereinten Nationen zeigen, dass sich praktisch jedes der rd. 180 Länder der Welt in einem Zustand des demographischen Ungleichgewichts befindet: In der weitaus größten Ländergruppe - in den Entwicklungsländern mit ihren rd. 5 Mrd. Einwohnern - bewirkt die immer noch hohe Geburtenrate von etwa drei Kindern je Frau einen jährlichen Bevölkerungszuwachs von 75 Mio., während die Bevölkerung in der weitaus kleineren Gruppe der Industrieländer mit ihren 1,2 Mrd. Menschen entweder - wie im Falle Deutschlands - schon seit Jahrzehnten schrumpft oder schrumpfen würde, wenn das Geburtendefizit nicht durch Einwanderungen kompensiert bzw. überkompensiert würde.


Beide Ländergruppen sind aus unterschiedlichen Gründen außerhalb des Zustands des demographischen Gleichgewichts, aber ihnen ist gemeinsam, dass sich das Durchschnittsalter der Bevölkerungen wegen der steigenden Lebenserwartung, jedoch mehr noch wegen der weltweit sinkenden Geburtenraten, in den nächsten Jahrzehnten stark erhöht. Die auf dem Gebiet der Demographie tätigen Bevölkerungswissenschaftler und Praktiker haben seit Jahrzehnten auf die Ursachen und Folgen der demographischen Veränderungen hingewiesen. Aber erst heute wird der Öffentlichkeit allmählich die volle Tragweite der "demographischen Zeitenwende" bewusst.

Die Konsequenzen für die sozialen Sicherungssysteme, den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum, aber auch die Integrationsprobleme durch hohe Zuwanderung aus dem Ausland wurden schon vor 20 Jahren ziemlich genau prognostiziert. Die damals vorausberechnete Zukunft verwandelt sich jetzt Jahr für Jahr in Realität. Daran ist nichts Überraschendes, denn demographische Vorausberechnungen lassen sich 10 bis 20 Jahre im Voraus mit einem Promille bzw. mit weniger als einem halben Prozent Fehler durchführen. An der Abwärtsspirale wird sich in den nächsten Jahrzehnten nichts Wesentliches ändern lassen, denn die Weichenstellung durch den Geburtenrückgang der letzten 30 Jahre führt jetzt zu einem Elternrückgang und mit zwingender Logik zu weiteren Geburtenrückgängen in der Zukunft (Schaubild 1).

Lässt sich die Entwicklung durch eine moderne und wirksamere Familienpolitik oder durch eine effektive Migrationspolitik steuern? In dem Beitrag wird gezeigt, wie wichtig die Anhebung der Geburtenzahl pro Frau - selbst wenn es statistisch nur wenige Zehntelpunkte nach dem Komma sind - für die demographische Zukunft unseres Landes und für die Bewahrung des Wohlstands und der sozialen Sicherheit ist. In engem Zusammenhang damit steht die Frage, welche politischen Optionen sich aus den transnationalen Migrationsprozessen ergeben. Die beiden Fragen nach den familienpolitischen und den migrationspolitischen Optionen einer Gestaltung der demographischen Prozesse durch Politik werden immer noch in hochspezialisierten Expertengruppen getrennt voneinander diskutiert. Beide Optionen können jedoch nur bei einer gemeinsamen Betrachtung zu sinnvollen politischen Handlungsentwürfen führen.