
Durch den Geburtenrückgang in den letzten drei Jahrzehnten wurden in Deutschland die Weichen für einen langfristigen Bevölkerungsrückgang gestellt. Wenn die Geburtenrate z.B. auf dem seit drei Jahrzehnten nahezu konstanten Niveau von 1,2 bis 1,4 Kindern pro Frau unverändert bliebe und die Lebenserwartung weiter zunähme, würde die Bevölkerungszahl - ohne Ausgleich durch Wanderungen - bis 2050 von rd. 82 Mio. auf 50,7 Mio. und bis 2100 auf 22,4 Mio. abnehmen. Wenn die Geburtenrate innerhalb von z.B. 15 Jahren auf das Niveau der EU (= 1,5) stiege, betrüge die Bevölkerungszahl im Jahr 2050 55,4 Mio. statt 50,7 Mio. und im Jahr 2100 32,2 Mio. statt 22,4 Mio. Würde der angenommene Anstieg der Geburtenrate nicht schon im Jahr 2000, sondern erst im Jahr 2010 bzw. 2020 beginnen, betrüge die Bevölkerungszahl im Jahr 2050 53,6 Mio. bzw. 52,3 Mio. (Schaubild 2).
Die hier referierten Ergebnisse der Berechnungen sind unrealistisch, weil sie auf der Annahme beruhen, dass keine Wanderungen stattfinden, aber sie können gerade deshalb zu einem vertieften Verständnis der Bevölkerungsdynamik beitragen. Im Folgenden werden die Ergebnisse von weiteren Vorausberechnungen unter Berücksichtigung von Wanderungen dargestellt. Auch dabei handelt es sich jedoch nicht um Prognosen, sondern um Wenn-dann-Aussagen über die Zukunft, die unter alternativen Annahmen über die Zahl der Zu- und Abwanderungen und deren Alters- und Geschlechtsstruktur berechnet wurden, ohne dass eine bestimmte Variante, wie bei Prognosen üblich, als die wahrscheinlichste herausgestellt wird.
Die frühere Bundesrepublik hatte in den vergangenen Jahrzehnten einen Wanderungssaldo (= Zuwanderungen minus Abwanderungen) von durchschnittlich etwa 170 Tsd. pro Jahr. Bei den folgenden, nach alten und neuen Bundesländern untergliederten Berechnungen einschließlich Wanderungen wurde alternativ ein jährlicher Wanderungssaldo von Null bzw. von 150 Tsd., 225 Tsd. und 300 Tsd. zugrunde gelegt. Diese vier Migrationsvarianten wurden mit drei unterschiedlichen Annahmen für die Geburtenrate sowie mit drei Annahmen über die künftige Zunahme der Lebenserwartung kombiniert, sodass sich insgesamt 36 Berechnungsvarianten ergaben.
Welcher der vier Migrationsvarianten die höchste Wahrscheinlichkeit zukommt, hängt entscheidend von der politischen Gestaltung des Bevölkerungsprozesses in der Zukunft ab. Für die Entwicklung einer auch an demographischen Zielen orientierten politischen Gestaltungskonzeption sind die Kenntnisse über die demographischen Prozesse wichtig, die sich in den potentiellen Herkunftsländern der Zuwanderer vollziehen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Deutschland und Europa - in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers von Marokko über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten bis zur Türkei - betrug die Einwohnerzahl 1998 236 Mio. Selbst wenn die Geburtenzahl pro Frau in diesen Ländern in der Zukunft rasch abnimmt, wächst die Bevölkerung wegen der vom Wachstum der Geburtenzahl in der Vergangenheit bewirkten starken Zunahme der Elternzahl in der Zukunft von 1998 bis 2050 von 236 Mio. auf 394 Mio., darunter z.B. in der Türkei von 66,6 Mio. (2000) auf 100,7 Mio. (2050) und in Ägypten von 68,5 Mio. auf 114,8 Mio. In den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers beträgt der Bevölkerungszuwachs bis 2050 also 158 Mio. Schon weniger als die Hälfte dieses Zuwachses würde ausreichen, um die Bevölkerungsschrumpfung der EU bis 2050 mehr als auszugleichen, denn die zugewanderte Bevölkerung würde wegen ihrer jungen Altersstruktur auch nach einer Anpassung ihrer Geburtenrate an das europäische Niveau stark wachsen.
Die demographisch bedingte Erhöhung des Einwanderungsdrucks bedeutet, dass bei einer Fortsetzung des bisherigen einwanderungspolitischen Laissez-faire mit noch höheren Zuwandererzahlen nach Deutschland gerechnet werden muss als in der Vergangenheit. Dabei hat Deutschland in der Vergangenheit - entgegen der in der Öffentlichkeit verbreiteten Vorstellung - ein Vielfaches an Asylbewerbern, Flüchtlingen, nachziehenden Familienangehörigen und anderen Zuwanderern aufgenommen als die USA, Frankreich, England, Italien und alle anderen Länder der EU (Schaubilder 3 und 4).
Vor diesem Hintergrund könnte sogar die höchste Variante des hier zugrunde gelegten Wanderungssaldos (300 Tsd.) von der tatsächlichen Entwicklung übertroffen werden. In der Zukunft ist daher eine wirksamere Zuwanderungsbegrenzungspolitik als bisher erforderlich, wenn ein jährlicher Wanderungssaldo in der bisherigen Größenordnung von durchschnittlich rd. 170 Tsd. nicht überschritten bzw. unterschritten werden soll. Bei einem Wanderungssaldo von null und einer Geburtenrate von rd. 1,4 Lebendgeborenen pro Frau würde die Bevölkerungszahl Deutschlands bis 2050 von 82,0 Mio. auf 58,7 Mio. zurückgehen, bei einem Wanderungssaldo von z.B. 300 Tsd. würde die Zahl vorübergehend bis 2020 sogar noch auf 83,9 Mio. wachsen und erst danach bis 2050 auf 77,9 Mio. wieder abnehmen.
Schon ein Anstieg der Geburtenrate auf z.B. 1,6 Lebendgeborene pro Frau würde bei einem Wanderungssaldo von z.B. 225 Tsd. statt 300 Tsd. ebenfalls ein vorübergehendes Wachstum der Bevölkerungszahl bis 2020 auf 83,8 Mio. bewirken, gefolgt von einer Abnahme bis 2050 auf 78,6 Mio. Würde die Geburtenzahl pro Frau bis 2030 allmählich bis auf 2,1 steigen, würde die Bevölkerungszahl bei einem Wanderungssaldo von null dennoch bis 2080 schrumpfen, weil die zusätzlich geborenen Kinder erst ihrerseits Kinder haben müssten, ehe die Geburtenzahl und die Zahl der Sterbefälle wieder gleich sind und das Geburtendefizit verschwindet.
Die hier dargestellten Berechnungsergebnisse zeigen, dass sich die bei einer konstanten Geburtenrate ohne Wanderungen ergebende Bevölkerungsschrumpfung bis 2050 um 23 Mio. durch einen relativ mäßigen Anstieg der Geburtenrate auf das Niveau beispielsweise von Frankreich schon bei einem Wanderungssaldo von 225 Tsd. in einen Bevölkerungszuwachs umkehren lässt, der bis 2020 anhält und der auch danach bis 2050 nur eine Bevölkerungsabnahme von 3,6 Mio. zur Folge hätte. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Bevölkerungswachstum bzw. die nur geringfügige Schrumpfung auf den hohen Geburtenüberschüssen der zugewanderten Bevölkerung beruhen würde, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung dadurch stark zunähme. Dies lässt sich allerdings nur erkennen, wenn die Bevölkerungsvorausberechnungen, wie im Folgenden im Einzelnen dargestellt, nach Einheimischen und Zugewanderten getrennt durchgeführt werden. |
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