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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 23-24/2004)

Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung


Matthias Kettner
Inhalt

Traumhafte Medizin

Euphorische Rechtfertigungsmuster

Patienten, Investoren und Spekulationen

Zwickmühlen der Faszination

Moralische Arbeitsteilung in der SZF

Unrechtsproportionale Erschwerung von Forschung

Der Anspruch der Menschenwürde

Toleranz und moralische Diversität

Das forschungsethische Regulativ der Menschenrechte

Der moralische Status der Forschungsfreiheit

Der Anspruch der Menschenwürde
Das dargestellte medizinethische Prinzip seinerseits leuchtet ein, wenn man den normativen Hintergrund unserer Menschenrechtskultur teilt: die moralische Idee der Menschenwürde. Denn wenn man versucht, den vernünftigen Sinn der moralischen Idee der Menschenwürde vernünftig zu erklären, erscheint ihr Gehalt als ein vollkommen ausschlussloser und vollkommen gleicher Anspruch: dass die Menschen die Menschen so behandeln, dass auf ihr eigenes Urteil, wie sie behandelt werden wollen und wie nicht, Wert gelegt wird - und zwar in allen Kontexten, in denen wir allgemeinverbindlich festzulegen versuchen ("normieren"), wie Menschen mit Menschen umzugehen haben.[6] Weil uns vor einer Welt graut, in der es nicht einmal als ein Unrecht wahrgenommen würde, wenn einer von anderen (einzeln oder in Gemeinschaft) so instrumentalisiert werden kann, wie man Dinge instrumentalisieren darf, wollen wir auch, dass das mit der Menschenwürde gesetzte Verbot der Totalinstrumentalisierung der individuellen Person ebenso in der eigentümlichen Welt der Medizin greift.

Als Staatsbürger würden wir in der skizzierten Lage unter Berufung auf Artikel 1 unseres Grundgesetzes mindestens eine öffentliche, informelle, und dann auch eine parlamentarische, auf Gesetzgebung zielende biopolitische Debatte fordern mit dem Ziel, die Nutzung von Ergebnissen aus "Senioren verbrauchender" Forschung im Rechtsbereich des deutschen Staates zu verhindern - und im Kontext internationaler Wissenschaftspolitik auf die Ächtung solcher Forschung zu drängen. Deutschen Forschern, die in die "Senioren verbrauchende" Forschung einsteigen wollen und sie vermutlich mit Hinweis auf eine "Ethik des Heilens" als Mittel zum Zweck der Hilfe für Alzheimerkranke finalisieren und rechtfertigen würden, sowie deutschen Forschungspolitikern, die ihnen mit dem - letztlich ökonomischen - Argument beispringen würden, dass die Forscher andernfalls ins Ausland abwandern und die Grundlagenforschung in Deutschland sich weiter verschlechtere, würden wir auffordern, sich selbst im entsprechenden Alter für die Forschung zu opfern oder wenigstens ihre Eltern zur aufgeklärten Einwilligung in das Selbstopfer zu bewegen.
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09. Februar 2012
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Inhalt
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Biopolitik
Editorial
Dem lieben Gott ins Handwerk pfuschen: Risiken und Chancen der Gentechnik
Menschenwürde als Maßstab
Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung
Klonen: ein Schlüssel zur Heilung oder eine Verletzung der Menschenwürde?
Der gute Tod. Zur Sterbehilfe in Europa
Ethische Aspekte nanotechnologischer Forschung und Entwicklung in der Medizin
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Die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts hat im Bereich der Gentechnik viele Möglichkeiten eröffnet. Vor nicht allzu langer Zeit wären sie als Science-fiction abgetan worden.
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