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10.9.2004 | Von:
Jan Delhey

Transnationales Vertrauen in der erweiterten EU

Vertrauen zwischen den Völkern ist eine wichtige Ressource für den europäischen Einigungsprozess. Anhand von Umfragedaten wird gezeigt, wie sehr sich die Europäer gegenseitig vertrauen.

Warum Europa Vertrauen braucht

"Vertrauen ist der Anfang von allem" - mit diesem Slogan warb eine deutsche Großbank vor einiger Zeit um Kunden. Der Satz mag für Bankgeschäfte zutreffen - in Bezug auf Europa ist er nur die halbe Wahrheit. Denn die Anfänge der heutigen Europäischen Union gründeten gerade nicht auf überschäumendem Vertrauen zwischen den Völkern.[1] Misstrauen gegenüber den Deutschen war vielmehr das entscheidende Motiv zur supranationalen Institutionenbildung mit dem Ziel, einen weiteren Krieg zu verhindern. Heute, fünf Dekaden später, hat sich das Gesicht Europas radikal verändert. Deutschland ist seit langem ein verlässlicher Partner, und auch die Bedrohung durch den kommunistischen Block, die Westeuropa (und die USA) zusammengeschweißt hat, ist Vergangenheit. Mit der am 1. Mai 2004 abgeschlossenen Osterweiterung sind erstmals Länder der Union beigetreten, die bis 1989 zum feindlichen Lager zählten. Für die EU bedeutet der Verlust des äußeren Feindes, dass sie verstärkt auf innere Bindekräfte angewiesen ist. Doch welche Kräfte halten die Völker Europas zusammen?[2] Sprache fällt als identitätsstiftende Ressource aus, auch wenn Englisch immer mehr zur europäischen Funktionssprache wird; eine europäische Identität unter den EU-Bürgern ist nur schwach ausgeprägt; die kollektiven Erinnerungen an die zwei Weltkriege trennen und verbinden die Nationen gleichermaßen; und es gibt auch keine loyalitätsstiftende Krone wie beim Commonwealth. Gerade weil in der EU solcherart starke Bindungen fehlen, hängt viel von einer anderen Ressource ab: dem Vertrauen, dass die Völker Europas ineinander haben.




Im Fahrwasser der Sozialkapital-Forschung wurde Vertrauen in den letzten Jahren von den Sozialwissenschaften als wichtige gesellschaftliche Ressource identifiziert. Vertrauen ist die Erwartung, dass sich andere verlässlich und freundlich verhalten - oder einem zumindest nicht schaden.[3] Diese Erwartung beruht wesentlich auf der Annahme, dass fundamentale Werte geteilt werden. Vertrauen erleichtert das Miteinander. Wer vertraut, ist auch bereit, trotz Differenzen und Unterschieden zusammenzuarbeiten, was die Erstellung kollektiver Güter begünstigt. Vertrauen wird zudem als Grundlage für Solidarität angesehen, denn mit Vertrauen ist auch das Gefühl gegenseitiger Verpflichtung und Hilfe verbunden.[4] Wer misstraut, empfindet dagegen eine unüberbrückbare soziale Distanz gegenüber anderen, eine Distanz, die sich in Indifferenz oder Feindseligkeit ausdrücken kann.

Wenn Vertrauen für nationale Gesellschaften so wichtig ist, dann umso mehr für supranationale Gemeinschaften. Anders als Nationalstaaten können Letztere nur in geringem Umfang auf nicht hinterfragte, gleichsam "mechanische" Solidarität der Bevölkerung bauen. Weil geringere moralische Verpflichtungen zu kooperativem Verhalten und wechselseitiger Hilfe bestehen, ist Vertrauen im internationalen Kontext so wertvoll. Schon Forscher wie Karl Deutsch waren davon überzeugt, dass internationale politische Gemeinschaften Vertrauen und Gemeinschaftssinn brauchen, um eine "Sicherheitsgemeinschaft" zu bilden: eine Gemeinschaft, in der die Menschen erwarten, dass etwaige Konflikte friedlich bewältigt werden.[5] Es spricht viel dafür, dass Vertrauen eine gute Basis für solcherart Erwartungen ist.

Vertrauen über Landesgrenzen hinweg ist vor allem ein Indikator für die soziale Integration Europas, die zu unterscheiden ist von der politischen Integration.[6] Beide Prozesse spielen sich auf unterschiedlichen Ebenen ab: soziale Integration informell zwischen nichtstaatlichen Akteuren; politische Integration formell zwischen Staaten. Sozialintegration ist weiterhin davon zu unterscheiden, ob die Bürgerinnen und Bürger eine politische Integration Europas befürworten oder ablehnen. Man kann Menschen anderer Nationalität durchaus vertrauen, ohne eine engere Kooperation der Staaten und gemeinsame Institutionen zu wünschen. Doch umgekehrt ist eine weitergehende Einigung Europas schwer vorstellbar ohne entsprechendes grenzüberschreitendes Vertrauen in der Bevölkerung. Das gilt umso mehr, sollte die EU ihr Demokratiedefizit überwinden und sollten die Bürgerinnen und Bürger unmittelbarer über europäische Belange entscheiden können.

Max Weber hat eine Nation definiert als eine Gemeinschaft von Menschen, die füreinander solidarisch sind.[7] Analog kann man für Europa fragen, wie verbunden sich die Europäer fühlen und wie stark Solidarität und Gemeinschaftssinn sind: wie sehr sich die Europäer vertrauen. Die soziale Integration, europäisch gedacht, nimmt dann zu, wenn das Vertrauen in die Bürger der anderen EU-Mitgliedsstaaten steigt; sie sinkt, wenn Misstrauen auf dem Vormarsch ist. Ihre "natürliche" Grenze an Sozialintegration hat die Union dann erreicht, wenn die Menschen den Partnervölkern ebenso vertrauen wie den eigenen Landsleuten.


Fußnoten

1.
Im Folgenden schließt die Bezeichnung "Europäische Union" die institutionellen Vorläufer ein.
2.
Vgl. zu dieser Frage z.B. Peter Flora, Externe Grenzbildung und interne Strukturierung - Europa und seine Nationen, in: Berliner Journal für Soziologie, (2000) 2, S. 151 - 165; Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Bedingungen der europäischen Solidarität, in: Transit, 26 (Winter 2003/2004), S. 16 - 28.
3.
Zur soziologischen Interpretation von Vertrauen vgl. die Übersicht von Martin Endress, Vertrauen, Bielefeld 2002.
4.
Vgl. Eric Uslaner, The Moral Foundation of Trust, Cambridge 2002.
5.
Vgl. Karl Deutsch u.a., International Political Communities, Garden City-New York 1966.
6.
Zum Konzept der europäischen Sozialintegration vgl. Jan Delhey, European Social Integration. From convergence between countries to transnational relations between peoples. Discussion Paper, SP I 2004 - 201, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Berlin 2004.
7.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen, 19725.