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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 42/2008)

Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar


Doris Kolesch
Inhalt

Einleitung

Theater und Theatralität

Die Notwendigkeit der Inszenierung

Der wahre Schein

Glaubwürdige Szenen

Darstellungsstile

Einleitung
Sommertheater", "billiges Schmierentheater", "unwürdiges Kasperletheater" - wer eine Politikerin oder einen Politiker verunglimpfen, eine politische Entscheidung desavouieren oder das Verhalten einer Partei missbilligen will, greift häufig und gern auf Begriffe aus dem Bereich des Theaters zurück. Da wird eine Wahl zur "Farce" erklärt, ein politischer Akteur zur "Marionette" oder eine politische Gruppierung zur "Laientruppe". In den USA bezichtigen Anhänger der Republikaner den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama, er habe außer "Show" und "Rhetorik" nichts zu bieten. Deutschland verfolgt seit Wochen, so die Ansicht von Kolumnisten, kopfschüttelnd die "griechische Tragödie in Hessen", und der überraschende Rückzug von Kurt Beck als Parteivorsitzender der SPD wird unisono als "dramatische Entscheidung" kommentiert.

Zur Person
Doris Kolesch
Dr. phil., geb. 1965; Professorin am Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin, Grunewaldstraße 35, 12165 Berlin.
E-Mail: mail@doris-kolesch.de
Internet: www.coaching-knowledge-transfer.de

Der Vorwurf, Politik sei zum bloßen Theater verkommen, ist ein beliebtes Totschlagargument. Er wird von Seiten der Bevölkerung pauschal gegenüber der politischen Klasse ebenso eingesetzt wie von Seiten der Medien und der politischen Akteure untereinander. Die Bewertung einer politischen Situation durch den Vergleich zum Theater hat eine lange Tradition und gründet sich auf zwei miteinander verbundene Phänomene. Erstens durchzieht die Übertragung von Theaterbegriffen wie Rolle, Bühne, Szene, Skript, Akteur und Zuschauer auf Bereiche des politischen, ökonomischen oder auch sozialen Alltags und der praktischen Lebensführung das abendländische Denken seit der antiken griechischen Philosophie bis heute. Von der Ansicht Platons, der Mensch sei Spielzeug in der Hand der Götter und müsse sich dieser Rolle fügen, über das Barock, welche die ganze Welt als eine Bühne, als theatrum mundi auffasste, bis hin zum bürgerlichen Anspruch, die Masken fallen zu lassen, scheinen insbesondere Begriffe aus dem Bereich des Theaters geeignet, das in jeder Gesellschaft - wenn auch mit unterschiedlichen Akzentuierungen- relevante Verhältnis von Wahrheit und Illusion, Individuum und Gesellschaft, Selbst- und Fremdbestimmtheit zu thematisieren. Dabei ist es jeweils abhängig von Zeitalter und Perspektive, ob die theatrale Verfasstheit sozialen Lebens positiv affirmiert, negativ verurteilt oder neutral konstatiert wird.

Zweitens hält sich hartnäckig ein Unbehagen, ja eine Ablehnung gegenüber einer zu großen Nähe oder gar Vergleichbarkeit von Theater und Leben. Denn bei aller Wertschätzung für das Theater als einer Kunst, die in so unterschiedlichen Gesellschaftsformen wie der griechischen Polis, dem absolutistischen Staat oder der bürgerlichen Republik als wesentliches Medium der Selbst- wie Fremddarstellung und der Selbstverständigung fungierte, wird es doch primär mit Schein, Täuschung und Betrug in Verbindung gebracht. Entsprechend kann und darf das bloße Spiel des Theaters niemals mit der harten Realität des Lebens konkurrieren, es kann allenfalls die Illusion dieser Realität erzeugen. Dieses antitheatrale Vorurteil ist selbst in alltägliche umgangssprachliche Formulierungen eingedrungen, etwa wenn wir jemanden auffordern, "mach' nicht so ein Theater", oder eine Situation mit dem Ausruf "welch' ein Theater!" abwerten.
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09. Februar 2012
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