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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 47/2004)

Ein nachhaltiges Minderheitenmodell


Deutsche und dänische Minderheiten beiderseits der Grenze
Jürgen Kühl
Inhalt

Einleitung

Minderheitenverbände und Institutionen

Die deutsche Minderheit in Dänemark

Die dänische Minderheit in Deutschland

Grundelemente eines nachhaltigen Minderheitenmodells

Minderheitenverbände und Institutionen
Beide Minderheiten verfügen über ein umfassendes, durch Zuwendungen aus beiden Staaten finanziertes Netzwerk von Verbänden und Institutionen. Sie zeichnen sich durch eine funktionale kulturelle Autonomie aus, die Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer friedlichen Koexistenz gewesen ist. Dabei müssen die Minderheiten sich stets innerhalb der allgemeinen Gesetzgebung bewegen. Heute gibt es keine öffentlichen Minderheitenschulen mehr. Früher war dies anders, da nach 1920 ein duales Minderheitenschulsystem entstand, mit Einrichtungen in kommunaler und privater Trägerschaft, wobei letztere in Schulvereinen organisiert wurden. Seit 1945 in Nord- bzw. 1949 in Südschleswig gibt es nur noch private Minderheitenschulen. Dennoch wird in Nordschleswig das Fach Deutsch als Fremdsprache von den meisten Schülern in öffentlichen Schulen belegt, während in Südschleswig an Schulen Dänisch als Wahlfach angeboten wird. Im Schuljahr 2002-2003 lernten an 50 Schulen ca. 3600 Schüler Dänisch.

Hauptverband der deutschen Minderheit ist der Bund deutscher Nordschleswiger, mit etwa 3800 Mitgliedern in 13 Bezirken und 21 Ortsvereinen.[7] Bildungsaufgaben werden vom Deutschen Schul- und Sprachverein wahrgenommen. Er betreibt 17 Schulen mit ca. 1450 Schülern und 24 Kindergärten mit ca. 500 Kindern. In Aabenraa (Apenrade) befindet sich das deutsche Gymnasium. Der Deutsche Jugendverband für Nordschleswig ist die Dachorganisation für 28 Mitgliedsvereine und etwa 2500 Mitglieder. Der Deutsche Büchereiverband für Nordschleswig verfügt über die Zentrale in Aabenraa sowie Filialen in Haderslev (Hadersleben), S?nderborg (Sonderburg), T?nder (Tondern) und Tinglev (Tingleff). Die Tageszeitung "Der Nordschleswiger" erscheint in einer Auflage von rund 2400 Exemplaren. Das kirchliche Leben ist zweifach organisiert: In den vier Städten Nordschleswigs ist jeweils ein deutscher Pastor im Rahmen der dänischen Volkskirche angestellt, um die deutschsprachigen Gemeindemitglieder zu betreuen. Im ländlichen Raum arbeitet die Nordschleswigsche Kirchengemeinde der Nordelbischen Kirche als Freikirche in sieben Gemeinden. Die Schleswigsche Partei nimmt die politische Interessenvertretung wahr. Sie ist seit der Kommunalwahl 2001 mit einem Mitglied im Kreistag von Nordschleswig sowie mit sieben Vertretern in fünf von 23 Gemeinderäten vertreten. Ferner finden sich weitere Vereine, die unterschiedliche Tätigkeitsbereiche wie Landwirtschaft, Museen, Forschung und Archiv abdecken.

Auch die dänische Minderheit verfügt über eine Reihe eigenständiger Organisationen.[8] Die kulturelle Hauptorganisation ist der Sydslesvigsk Forening (Südschleswigscher Verein) mit etwa 14 000 Mitgliedern in 130 Ortsvereinen und 25 angeschlossenen Vereinen mit rund 13 000 Mitgliedern. Das private Bildungswesen ist im Dansk Skoleforening for Sydslesvig (Dänischer Schulverein für Südschleswig) mit 49 Schulen mit zurzeit etwa 5750 Schülern, darunter das Gymnasium Duborg-Skolen in Flensburg, und 57 Kindergärten mit rund 1900 Kindern organisiert. Er hat derzeit etwa 8000 Mitglieder. Die politischen Interessen werden vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW) vertreten. Der SSW ist seit der Landtagswahl 2000 mit drei Abgeordneten im schleswig-holsteinischen Landtag vertreten. Seit der Kommunalwahl im März 2003 verfügt er über zehn Mandate in den Kreistagen Schleswig-Flensburg und Nordfriesland sowie elf im Flensburger Stadtrat. Auf kommunaler Ebene hat der SSW 134 Mandate in 74 Gemeinderäten errungen. Jugendarbeit und Sport wird vom Sydslesvigs danske Ungdomsforeninger (Dänischer Jugendverband für Südschleswig) organisiert. Das kirchliche Leben entfaltet sich innerhalb der Dansk Kirke i Sydslesvig (Dänische Kirche in Südschleswig) mit 24 Pastoren, 39 Gemeinden und rund 6600 Mitgliedern. Der Dansk Sundhedstjeneste for Sydslesvig (Dänischer Gesundheitsdienst für Südschleswig) beschäftigt 21 Krankenschwestern, hat vier Sozialstationen und ist Träger von 52 Rentnerwohnungen sowie dem Dansk Alderdomshjem (Dänischen Altenheim) in Flensburg. Das Büchereiwesen ist in der Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig (Dänische Zentralbibliothek für Südschleswig) organisiert. Schließlich gibt es die in einer Auflage von 5500 Exemplaren erscheinende Tageszeitung "Flensborg Avis", die neben dem dänischen Hauptteil auch eine deutschsprachige Sektion umfasst. Die Organisationen koordinieren ihre Aktivitäten im Det sydslesvigske Samråd (Der gemeinsame Rat Südschleswigs), wo auch der Verein der nationalen Friesen, Friisk Foriining, vertreten ist.

Die weitaus meisten Angehörigen der Minderheiten leben im Alltag und Berufsleben mit den Mehrheiten friedlich und konfliktfrei zusammen. Dabei dominieren die Sprache und Themen der Mehrheitsgesellschaft. Auf individueller Ebene sind deshalb die meisten Minderheitenangehörigen in den jeweiligen Gesellschaften integriert, übrigens auch persönlich durch zahlreiche deutsch-dänische Ehen und Beziehungen. So findet sich eine komplexe Situation, wo das Selbstverständnis der Minderheitenverbände dem Prinzip der Segregation entspricht, während die Mehrzahl der Angehörigen in der Regel integriert ist. Dies bezieht sich auch auf den Sprachgebrauch, wo die Muttersprache bei den weitaus meisten Angehörigen jeweils die der Mehrheit ist. Dennoch verfügt der größte Teil über aktive oder passive Kenntnisse der jeweiligen Minderheitensprache.[9]

In beiden Minderheiten finden sich in den Schulen und Vereinen neben den Angehörigen der Minderheit auch andere, die sich aus unterschiedlichen, nichtnationalen Gründen für eine Minderheitenschule oder die Betätigung in einem Verein entschieden haben. Minderheitenidentitäten sind im Grenzland ein multidimensionales Phänomen, da es keine eindeutigen Übergänge zwischen den Gruppen gibt. Vielmehr handelt es sich beiderseits der Grenze um ein Kontinuum zwischen den Polen "ganz Deutsch" und "ganz Dänisch" mit zu- bzw. abnehmender Intensität der nationalen Identifikation. Dabei ergeben sich zum Teil multiple Identitäten, die oftmals mit dem Begriff "Zweiströmigkeit" umschrieben werden.[10]

Es bietet sich heute ein Bild gut organisierter Minderheiten, die in friedlicher Koexistenz mit den Mehrheiten leben. Es gibt zwar Friktionen zwischen Dänen und Deutschen, die sich aus kulturellen Unterschieden oder Unverständnis ergeben, dennoch ist das Verhältnis zwischen Dänen und Deutschen insgesamt gesehen heute so gut wie nie zuvor.[11]
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09. Februar 2012
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