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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2007)

Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus


Hans Mommsen
Inhalt

Einleitung

Funktionalismus vs. Ideengeschichte

Kumulative Radikalisierung

"Gefälligkeitsdiktatur"?

Einleitung
Seit einigen Jahren steht die Geschichte der nationalsozialistischen Zeit weniger stark im Mittelpunkt der historischen Forschung, während der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR zunehmende Aufmerksamkeit gewidmet wird, ja als Reaktion auf die Wiedervereinigung geradezu ein Übergewicht der DDR-Forschung zu verzeichnen ist. Dabei scheint die historische Perspektive des Diktaturvergleichs den Blick auf das Alltagsleben und die soziale Lage der Bevölkerung der DDR eher unterbelichtet zu haben, obwohl vor allem Lutz Niethammer und seine Mitstreiter mit der Entfaltung der Oral History wesentlich dazu beigetragen haben, diese Lücke im bislang stark von Westdeutschland her geprägten Bild der DDR auszufüllen.[1]

Zur Person
Hans Mommsen
Dr. phil., geb. 1930; em. O. Professor für Neuere Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum; korrespondierendes Mitglied der British Academy und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; Mitglied der deutsch-tschechischen und deutsch-slowakischen Historiker-Kommission sowie der Weiße Rose-Stiftung e.V.; Possenhofener Straße 14, 82340 Feldafing.
E-Mail: hans.mommsen@t-online.de

Bei der NS-Forschung hingegen ist eine deutliche Schwerpunktverschiebung zu konstatieren. Sie hängt einerseits damit zusammen, dass seit einer Reihe von Jahren die Judenverfolgung und der Holocaust zum zentralen Paradigma der Behandlung des Dritten Reiches geworden sind. Zwar hat sich die so genannte "Täterforschung" auch auf andere verfolgte Gruppen, etwa die Sinti und Roma, ausgeweitet, aber im Mittelpunkt steht die Frage nach der direkten und indirekten Beteiligung von Funktionsträgern des Regimes an der Judenvernichtung. Dabei tritt die individuelle Schuld und weltanschauliche Indoktrination in den Vordergrund und wird tendenziell von den politischen Prozessen, die zur "Endlösung" geführt haben, abgekoppelt. Daraus ergibt sich eine Ex-Post-Sicht, welche die einzelnen Verläufe in einen stufenförmigen Prozess rassenpolitischer Radikalisierung einordnet, der notwendig in der Shoah endet.

Parallel dazu hat sich die Zahl der Studien zur nationalsozialistischen Lagergesellschaft, insbesondere zur Geschichte der Konzentrationslager vervielfacht. Zugleich konzentriert sich die Forschung auf die Instrumente des Terrors. Neben der bahnbrechenden Studie von Michael Wildt über das Personal des Reichsicherheitshauptamtes liegt eine Fülle von Studien zu den einzelnen Apparaten im Bereich von SS und Polizei vor, die eingehende Informationen über die politisch-weltanschauliche Indoktrination der an der Vernichtungspolitik des Regimes aktiv beteiligten Tätergruppen vermitteln. Den Anfang machte die verdienstvolle Untersuchung von Christopher Browning.[2] Zugleich haben sich die verfügbaren Daten über die Repression gegen die Arbeiterschaft, in erster Linie die Zwangsarbeiter, darunter das System der Arbeitserziehungslager, entscheidend erweitert.[3]

Eine ähnliche Ausweitung der Forschung ist auch für andere Politikbereiche zu verzeichnen, so für den Komplex der Euthanasie und der Eugenik. Davon ausgehend liegen aufschlussreiche Studien über die privilegierte Stellung der Ärzte und ihre aktive Unterstützung der Rassenpolitik vor. In den vergangenen Jahren ist auch der bis dahin eher vernachlässigte Bereich der Wissenschaftspolitik als Bestandteil der NS-Politik berücksichtigt worden. Einerseits stellt sich immer klarer heraus, dass sich große Teile der Hochschullehrer und Akademiker, auch wenn sie nicht immer den vorgegebenen Linien der NS-Wissenschaftspolitik zustimmten, in den Dienst der Ostraumexpansion gestellt oder mit dem Programm rassischer Homogenisierung sympathisiert haben.[4]

Die Vorstellung, dass die Wehrmacht sich bis in die letzten Kriegsmonate hinein eine gewisse Autonomie bewahrt und von der verbrecherischen Politik des Regimes freigehalten hat, ist nicht erst durch die Hamburger Wehrmachtsausstellung vollständig widerlegt worden. Von der jüngeren Forschung ist die Mitverantwortung namentlich der Armeeführung im Einzelnen nachgewiesen worden. Auch wohlmeinende Bestrebungen, die Angehörigen der Militäropposition von dem Vorwurf freizusprechen, jedenfalls zunächst die von Hitler proklamierte Linie des "Rassenvernichtungskrieges" unterstützt und die Tätigkeit der Einsatzgruppen gebilligt zu haben, erwiesen sich als unhaltbar.[5] Vielmehr zeigen jüngste Forschungen, dass die Generalität aus unterschiedlichen Motiven heraus die Vernichtungspolitik gegenüber der Sowjetunion gedeckt und bejaht hat. Prominente Vertreter des "Anderen Deutschland" waren zumindest anfänglich in die kriminellen Zielsetzungen des Regimes verstrickt, wenngleich sie - allerdings erst sehr spät - den Entschluss zum Bruch mit Hitler und dem Führerstaat fassten.
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10. Februar 2012
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Nationalsozialismus
Editorial
Tendenzen und Perspektiven der Täterforschung - Essay
Eine integrierte Geschichte des Holocaust
Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus
Die Deutschen und ihr "Drittes Reich"
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Kommunen und NS-Verfolgungspolitik
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