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24.8.2009 | Von:
Svenja Goltermann

Kriegsheimkehrer in der west-deutschen Gesellschaft

Für Kriegsheimkehrer war das "normale Leben" nach 1945 prekär. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg und die Entnazifizierung blieben zermürbende Herausforderungen.

Einleitung

Als der englische Schriftsteller Stephen Spender im Sommer 1945 im Auftrag der Alliierten Kontrollkommission mehrere Reisen durch das zerstörte Deutschland unternahm, sammelte er eine Vielzahl von Eindrücken, die er schon bald nach seiner Rückkehr in Form eines Reiseberichts veröffentlichte. Zwei Monate lang hatte er sich im Rheinland aufgehalten, meist in den größeren Städten, deren Verwüstung auf ihn wie auf viele andere ausländische Besucher erschütternd wirkte.






Spender kam wiederholt auf die Deutschen und ihre seelische Verfassung zu sprechen, die er zu entziffern versuchte. So geschah es, als er bei einem seiner Streifzüge entlang des Rheins auf sechs Männer traf. Sie schauten still und "trübsinnig" auf den Fluss, Spender hielt sie für ehemalige Angehörige der Wehrmacht: "Deutsche Soldaten haben heute denselben seelenlos-niedergedrückten Gesichtsausdruck wie die aus Holz geschnitzten Figuren von slawischen Bauern", erläuterte er, bevor er einen Moment später feststellen musste, dass er keine deutschen Kriegsgefangenen, sondern ehemalige polnische Zwangsarbeiter vor sich hatte. Es war ein kurzes Gespräch, das sich mit den Männern entspann, bevor sie wieder in Schweigen verfielen. Spender sah in dieser "Apathie" nur ein "vordergründiges Symptom". "Hinter ihr steht etwas viel Bedrohlicheres", erklärte er, "etwas, was geschah und seine Spuren hinterlassen hat, die Feuer nämlich, in denen die Städte Europas verbrannten und die noch im Geist der Menschen schwelen. Dies ist ein Geisteszustand, der jenseits aller Verzweiflung weiterglüht." Spender fügte hinzu: "Denselben Ausdruck kannte ich von den Gesichtern der hoffnungslosen jungen Männer der aufgelösten Wehrmacht, aber auch von denen repatriierter französischer Gefangener und von Männern und Frauen, die man als Deportierte, als Displaced Persons bezeichnet."[1]

Spenders Beobachtung einer scheinbar auffallend apathischen Verfassung der Menschen war kein Einzelfall. Vor allem für Nachkriegsdeutschland ist diese Beobachtung häufig dokumentiert. Davon zeugt auch Hannah Arendts berühmt gewordener "Bericht aus Deutschland", in dem die Emigrantin das Verhalten der Deutschen außergewöhnlich fand. Nirgends werde der "Alptraum von Zerstörung und Schrecken weniger verspürt" als in Deutschland, interpretierte sie jedoch, und sah die Deutschen auf der Flucht vor der Wirklichkeit und damit auch vor ihrer Verantwortung für die begangenen Verbrechen. Die deutsche Gesellschaft schien von Gleichgültigkeit erfasst, auffallend war in Arendts Augen lediglich Selbstmitleid: "Die Angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann."[2] Stattdessen ließ sich offenbar bereits geraume Zeit nach Kriegsende unter den Deutschen eine ausgesprochene Neigung beobachten, den Besatzungsmächten für alle Notstände der Nachkriegszeit die Schuld zu geben. Das Bewusstsein darüber, wie man überhaupt in diese Lage geraten war, schien zwei Jahre nach dem Krieg vielerorts bereits dem Vergessen anheim gefallen zu sein. Mehr als vierzig Prozent der Bundesdeutschen betrachteten laut Umfragen aus dem Jahr 1951 das "Dritte Reich" als die beste Zeit ihres Lebens.[3]

Fußnoten

1.
Stephen Spender, Deutschland in Ruinen. Ein Bericht, Frankfurt/M. 1995 [engl. Orig.: European Witness, London 1946], S. 50 - 53 (Hervorh. im Orig.).
2.
Hannah Arendt, Bericht aus Deutschland, in: dies., In der Gegenwart. Übungen im politischen Denken II, München 2000, S. 38-63, Zitate auf S. 39 und S. 46.
3.
Vgl. Michael Geyer, Der Kalte Krieg, die Deutschen und ihre Angst, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 267-318, hier S. 163.

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