|
|
 |

 |

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 18-19/2005)
 |
 |
 |
 |
 |
Konturen einer integrierten Nachkriegsgeschichte |

 |
 |
Christoph Kleßmann
|
 |
 |
 |
 |
Jenseits der Kapitulation" lautete das übergreifende Thema des "Journals für Geschichte" vom Mai 1985. Diese mittlerweile eingestellte ambitionierte historische Zeitschrift, die einen Brückenschlag zwischen der Fachwissenschaft und einer breiteren historisch interessierten Öffentlichkeit versuchte, veröffentlichte damals Beiträge von Zeithistorikern aus der Bundesrepublik und der DDR aus dem erstendeutsch-deutschen Kolloquium zur Zeitgeschichte nach 1945, das im Dezember 1984 an der Fernuniversität Hagen stattgefunden hatte. Angesichts der politischen Brisanz der jüngsten deutschen Geschichte und der hochgradigen ideologischen Kontaminierung von Zeitgeschichte in der DDR war das eine kleine Sensation, von der allerdings wenig nach außen dringen sollte, weil sonst die Basis eines solchen Versuchs als Werkstattgespräch wieder brüchig geworden wäre.
|
 |
Zur Person |
 |
 |
 |
 |
Christoph Kleßmann Dr. phil., geb. 1938; em.
Professor für Zeitgeschichte; bis 2004 Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF).
ZZF, Am Neuen Markt 1, 14467 Potsdam.
E-Mail: Klessmann@rz.uni-potsdam.de
|
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
Das Kolloquium fand drei Fortsetzungen - abwechselnd in der DDR und in der Bundesrepublik -, verschwand dann aber im Dezember 1988 rasch in der Versenkung. Die Debatte um das Verbot der sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" durch die SED irritierte auch die ostdeutschen Fachvertreter, ohne dass sie dazu offen Stellung nehmen konnten oder wollten, und markierte einmal mehr die engen Grenzen für eine kritische Diskussion der jüngsten Geschichte. Ein auf beiden Seiten von vorsichtigem Optimismus getragenes Experiment versandete in der Sackgasse orthodoxer Berührungsängste. Vierzig Jahre nach Kriegsende gab es noch immer wenige Gemeinsamkeiten in der Interpretation der jüngsten deutschen Geschichte. Die Geschichtsbilder waren gespalten. Das entsprach der Teilung des Landes, an deren Überwindung damals kaum jemand glaubte.
Die Erinnerung an das Jahr 1945, den Ausgangspunkt einer doppelten deutschen Geschichte, wirft heute die Frage auf, was damals schon programmiert war und ob und inwieweit diese geteilte Vergangenheit noch eine gemeinsame Geschichte war und ist oder wieder werden kann. Das Jahr 1985 hat in der deutschen Erinnerungskultur zum Kriegsende fraglos einen besonders hohen Stellenwert. Über diese Erinnerungskultur zum symbolischen Datum des 8. Mai 1945 ist bereits viel geschrieben worden. Der Büchermarkt der achtziger und neunziger Jahre bietet ein breites Spektrum von Dokumentationen, Darstellungen und Retrospektiven, die verdeutlichen, dass alle relevanten Aspekte des Kriegsendes in der öffentlichen Diskussion präsent waren.
Daran zu erinnern ist durchaus angebracht angesichts der Unterstellungen in jüngster Zeit, die traumatischen Erfahrungen der Deutschen seien nicht genügend behandelt oder gar verdrängt worden. Sechzig Jahre danach erlebt die Erinnerung an 1945 einen neuen Boom. Es gibt jedoch neue und schrille Töne in dieser Debatte. Sie erinnern an längst vergangene Zeiten, und von einem Basiskonsens in der Interpretation scheint die Öffentlichkeit in Deutschland weit entfernt. Inwieweit es gar eine Verschiebung vom Täter- auf einen Opferdiskurs gibt und worin die Ursachen dafür liegen, soll hier nicht erörtert werden. Ich möchte vielmehr die Erinnerung an den gemeinsamen Ausgangspunkt zum Anlass nehmen, einen anderen Zugang zur doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte zu formulieren. Dazu wird ein Konzept vorgestellt, das eine Integration der Teilgeschichten anstrebt, ohne die Spannungen und Widersprüche in einer neuen (und alten) Nationalgeschichte aufzulösen.
Nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit haben sich viele Autoren um einen Neuansatz bemüht. Nur zwei besonders wichtige Arbeiten seien genannt. Peter Graf Kielmansegg hat in seiner großen Gesamtdarstellung der deutschen Nachkriegsgeschichte seine Leitfrage pointiert so formuliert: Wir haben es mit zwei verschiedenen Geschichten zu tun, "einer mit Zukunft und einer ohne Zukunft. An der zweiten interessiert vor allem, warum sie keine Zukunft hatte". Die Katastrophe von 1945 bildete in Deutschland wie wohl für kein anderes Land in Europa den zunächst gemeinsamen Ausgangspunkt für eine neue Geschichte als Chance, ohne dass ein Gelingen absehbar war. Diese relative Offenheit, aber auch die extrem ungleiche Verteilung der Folgelasten des NS-Erbes und der Teilung immer wieder zu betonen zählt zu den großen Stärken des Buches.
Zu einer Geschichte des geteilten Deutschlands gehören aber nicht nur die Gründe für Erfolg und Scheitern, sondern auch das Eigengewicht und die Besonderheiten, die das wechselseitige Verhältnis dieser beiden Teile ausmachten. Darauf richtet Peter Bender seinen Blick. Er verfolgt konsequent den schon früher entwickelten Ansatz der "deutschen Parallelen". Auch bei ihm bilden Katastrophe und Schuld die gemeinsamen Bezugspunkte für die Darstellung der beiden deutschen Nachfolgestaaten des Hitlerreiches. Als Objekte der Besatzungsmächte und Partner misstrauischer Verbündeter, aber auch als besonders tüchtige Streiter im Kalten Krieg zeigen sie viele Ähnlichkeiten. Diese Parallelisierung hat - zumal im knappen, plakativen Stil Benders - eine hohe suggestive Überzeugungskraft. Sie führt auch nicht zur Verwischung der Gegensätze. Es war und blieb ein riesiger Unterschied, mit Moskau oder aber mit Washington verbündet zu sein. Dennoch wirft diese Form der Parallelisierung einige Probleme auf. Die innere Geschichte von Gesellschaft und Kultur, von Verbänden und Parteien, von Lebenswelt, Familie, Lebensstil und Alltagserfahrung lässt sich in einem stark politikhistorischen, parallelisierenden Konzept nur schwer in ihrer Bedeutung unterbringen. Das jeweilige Eigengewicht, aber auch die verqueren Formen von Verflechtung und wechselseitigen Einflüssen bleiben relativ blass. Die Nation und ihr Zusammenhalt bilden letztlich den Fluchtpunkt der Darstellung.
Die folgenden konzeptionellen Überlegungen lehnen sich an beide Autoren an, versuchen aber darüber hinaus, explizit sechs verschiedene Bezugsfelder und zeitliche Stufen, in denen die deutsche Nachkriegsgeschichte steht, miteinander zu verbinden, um so einen möglichen Gesamtrahmen zu skizzieren, ohne daraus eine gemeinsame Periodisierung abzuleiten, die es nur in engen Grenzen geben kann. Die reine Dichotomie von Erfolgs- und Misserfolgsgeschichte wird vermieden, die prinzipiellen Unterschiede im Verlauf und auch in der Wertung werden aber nicht verwischt. Ein solcher Versuch muss stark schematisch und konstruktivistisch ausfallen. In der Umsetzung sind Verschiebungen und Differenzierungen unvermeidlich und sinnvoll, aber als Leitlinien für ein schwieriges Thema haben sich diese Überlegungen für eine Reihe thematischer Fallstudien als tragfähig erwiesen. |
 |
 |
|
 |
10. Februar 2012
 |
 |
 |
Dossier |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
Schriftenreihe (Bd. 469) |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Die Umkehr
Wie wurde es möglich, dass Deutschland nach der Katastrophe von Weltkrieg und Holocaust unter die zivilisierten Nationen zurückfand? Der Historiker Konrad Jarausch beschreibt die deutschen Wandlungen seit 1945. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|