APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Wolfgang Kraushaar

Denkmodelle der 68er-Bewegung

Das theoretische Selbstverständnis spielte für die 68er-Bewegung eine außerordentlich große Rolle. Dennoch hat es weder explizite "68er-Ideen" noch eine kohärente "68er-Theorie" gegeben.

Einleitung

Eine paradoxe Entwicklung ist zu beobachten: Je mehr der zeitliche Abstand zu den außerparlamentarischen Bewegungen um das Jahr 1968 wächst, desto vehementer wird in der Öffentlichkeit eine Aufklärung über ihren Verlauf, die Motive ihrer Akteure und die von ihr ausgegangenen Impulse zur Gesellschaftsveränderung eingefordert. Doch bislang existiert weder eine umfassende Geschichte der 68er-Bewegung noch eine kohärente Beschreibung der von ihr rezipierten Theorien bzw. der von ihr propagierten Ideen.

  • PDF-Icon PDF-Version: 112 KB





  • Dieser bewegungs- wie theoriengeschichtliche Mangel ist kein Zufall. Denn die 68er-Geschichte war ebenso kurz wie komplex, ebenso dicht wie spannungsgeladen. Es gab zwar eine längere Inkubationszeit, jedoch keine Entwicklung im eigentlichen Sinne, eher einen eruptionsartigen Aufbruch mit einem rasch erreichten Kulminationspunkt und einer schubartigen Abwärtsbewegung des Zersplitterns und Auseinanderfallens. Insofern kann es kaum verwundern, dass die Historisierung der 68er-Bewegung bislang weitgehend selektiv verlaufen ist [1] . Nicht einmal zur wichtigsten Organisation, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), liegt mehr als drei Jahrzehnte nach deren Auflösung eine Monographie vor, die ihre wichtigste Zeitspanne, die Jahre 1961 bis 1970, quellengestützt behandelt [2] .

    Was für die 68er-Bewegung als historische Figur gilt [3] , das trifft auch auf ihre theoretische Konfiguration zu: Sie war ein Baum mit vielen Wurzeln und noch mehr Ästen und Zweigen. Dabei ist es kaum weniger schwierig, die unterirdischen Kapillaren bis zu ihren Ausgangspunkten zurückverfolgen, als das sichtbare Netz der diversen Entwicklungsstränge nachzeichnen zu wollen. Wer die theoretischen Grundorientierungen beschreiben will, ohne sich im Dickicht von Partialentwicklungen zu verlieren, der muss bereit sein, größere Linien zu ziehen. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die historische Genese der theoretischen Entwicklung nicht im Sinne einer geistesgeschichtlichen Genealogie beschreiben lässt. Die Vorstellung, es habe ein theoretisch kohärentes Selbstverständnis der Bewegungsformen und -ziele gegeben, ist demnach irreführend [4] . Es war vor allem die Dynamik einer intellektuellen Suchbewegung, die um 1968 Radikalisierungs-, Innovations- und Differenzierungsschübe freigesetzt hat. Theorien wurden innerhalb der Bewegung nur zu rasch zu einer Art Durchlauferhitzer. Das Tempo, mit denen sie aufgegriffen, durchdekliniert und wieder verworfen wurden, gehörte zu den bestimmendsten Charakteristika der Beschäftigung mit ihnen [5] . In einem atemberaubenden Wechsel wurden Theoreme aufgegriffen, einstudiert, mit der politischen Situation in Einklang zu bringen versucht, verworfen und wieder ausgegliedert.

    Von expliziten "68er Ideen" sprechen zu wollen wäre also unangemessen. Denn es ging weniger darum, bestimmte Ideen zu verwirklichen. Die Theorie selbst war utopisch besetzt. Es existierte eine Art Sehnsucht, "Allgemeinbegriffe zu leben", gar einen "Rausch der Verallgemeinerung" (Michael Rutschky) zu genießen [6] . Die oft zitierten "konkreten Utopien" blieben hingegen überraschend blass. Sprecher wie Rudi Dutschke und andere lehnten es sogar mit Nachdruck ab, konkrete Alternativen zur kapitalistischen Gesellschaft zu benennen [7] . Der Horizont der Gesellschaftsveränderung sollte offen bleiben. Dabei war häufig unklar, ob diese Einstellung programmatischen Charakter besaß oder nur das Resultat einer weit verbreiteten Verlegenheit war.

    Die 68er-Bewegung war vor allem eines: Kritik an den bestehenden Verhältnissen in jeder nur denkbaren Hinsicht. Ihre destruktive Kraft war weitaus größer als ihre konstruktive. Nichts schien vor ihr Bestand zu haben: religiöser Glauben, weltanschauliche Überzeugungen, wissenschaftliche Gewissheiten, staatsbürgerliche Pflichten und Tugenden. Der gesamte Katalog an so genannten Sekundärtugenden wurde infrage gestellt. Die Kritik am Überkommenen, dem Traditionsbestand der Gesellschaft, war ätzend wie ein Säurebad.

    Eindeutig im Vordergrund stand die Rezeption bereits vorhandener Theorietraditionen, vornehmlich marxistischer Couleur. Die Produktion eigener, am vorhandenen Fundus gemessen neuer Ideen war sekundär. Vorrangige Absicht war es gerade nicht, eine möglichst umfassende System- oder Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Es ging eher darum, aus unterdrückten, verbotenen, versprengten und marginalisierten Traditionen jene Theoreme zu rekonstruieren, die für die Analyse der Gegenwart von einer nur höchst unzureichend gewürdigten Bedeutung waren. Es war die große Zeit der Wiederentdeckungen. Der Marxismus, die Psychoanalyse, die analytische Sozialpsychologie, die Kapitalismus-, die Klassen- und die Imperialismustheorie galt es wieder aufzugreifen, zu überprüfen und nach einer Unterbrechung von Jahrzehnten erneut einzubringen. Deshalb stand auch der Kontakt zu exilierten Theoretikern unter einem besonderen Stern. Sie schienen der Beweis dafür zu sein, dass es möglich war, unterbundene und abgeschnittene Traditionszusammenhänge erneut aufzunehmen und fortzusetzen [8] . So wurde etwa Herbert Marcuse im Juli 1967 zur Vortragsreihe "Das Ende der Utopie" von Studenten der Freien Universität Berlin wie der Messias eines neuen Zeitalters begrüßt [9] .

    Und es war die Zeit der Außenseiter, der Häretiker, der Dissidenten. Bei aller Orientierung an den großen, Traditionen begründenden Namen: Die Sympathien gehörten jenen fast ausnahmslos jüdischen Intellektuellen, die wie Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Norbert Elias, Max Horkheimer, Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal, Herbert Marcuse und Alfred Sohn-Rethel in gewisser Weise als Treibgut der Geschichte wirkten. Ihre gesellschaftliche Außenseiterrolle schien sie in den Augen der Studenten gegen Konformismus immunisiert zu haben. Deshalb galten sie, zuweilen völlig ungerechtfertigt, als Vorbilder für eine theoretische ebenso wie eine politische Radikalisierung.

    Es waren drei grundlegende Kritiken, die den Kanon an neugewonnenen Überzeugungen bestimmten: der Antifaschismus, der Antikapitalismus und der Antiimperialismus. Die erste Kritik richtete sich gegen die Nichtauseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, die zweite gegen eine auf Ausbeutung und sozialer Ungerechtigkeit basierende Wirtschaftsordnung und die dritte gegen die Unterjochung der Länder der Dritten Welt durch die der Ersten und Zweiten. Die Verzahnung dieser drei Metakritiken verband Ende der sechziger Jahre die unterschiedlichsten Tendenzen und Fraktionen in SDS und APO miteinander: den antiautoritären mit dem traditionalistischen Flügel, die undogmatischen mit den dogmatischen Strömungen und bis zu einem gewissen Grad sogar die reformistischen mit den revolutionären Kräften. Sie bildeten eine zwar widersprüchliche, im Zuge bestimmter Mobilisierungen jedoch auch handlungsfähige Einheit.

    Bezeichnend war, dass der Sowjetkommunismus und mit ihm ein wesentlicher Teil der eigenen linken Vergangenheit nicht Gegenstand der drei Grundkritiken war. Mitte der sechziger Jahre hatte sich eine Art Paradigmenwechsel abgespielt. Viele der linken studentischen Gruppen, für die die Ablehnung des Poststalinismus in der Sowjetunion wie in der DDR lange Zeit Selbstverständlichkeit besaß, waren von einer antitotalitären, gegen diktatorische Herrschaftsformen insgesamt gerichteten zu einer antifaschistischen Weltanschauung gewechselt [10] . Ganz offensichtlich kam es ihnen nun vor allem darauf an, nicht mehr länger als antikommunistisch zu gelten. Der Antistalinismus verlor zunehmend an Bedeutung.

    Bezeichnend war auch, dass nunmehr von einem allgemeinen System des Faschismus und nicht mehr von einem historisch wie theoretisch zu spezifizierenden Nationalsozialismus ausgegangen wurde [11] . Der antikapitalistische Ansatz machte sich in seiner Tendenz als Blockierung einer eigenständigen Thematisierung der Judenvernichtung bemerkbar. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis auf dem Umweg über die öffentliche Resonanz einer gleichnamigen Fernsehserie der Holocaust ins Zentrum der analytischen Bemühungen rückte. Insofern konnte es nicht weiter verwundern, dass mit Hannah Arendt eine der Klassikerinnen der Totalitarismustheorie erst danach ins Blickfeld des Interesses rückte. Ende der sechziger Jahre hatte die Nicht-Marxistin hingegen als antiquiert gegolten. Eine Auseinandersetzung mit ihren Schriften galt seinerzeit als überholt.

    Fußnoten

    1.
    Da eine detaillierte Auflistung der bislang vorliegenden Literatur zu umfangreich wäre, vgl. die Dartstellung der wichtigsten Forschungstrends in: Ingrid Gilcher-Holtey (Hrsg.), 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1998. Außerdem die kommentierten Literaurberichte: Franz-Werner Kersting, Entzauberter Mythos? Ausgangsbedingungen und Tendenzen einer gesellschaftsgeschichtlichen Standortbestimmung der westdeutschen ,68er'-Bewegung, in: Karl Teppe (Hrsg.), Westfälische Forschungen - Zeitschrift des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, 48/1998, S. 1-19; Wolfgang Kraushaar, Der Zeitzeuge als Feind des Historikers? Ein Literaturüberblick zur 68er-Bewegung, in: ders., 1978 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, S. 253-347.
    2.
    Die bislang vorgelegten Darstellungen behandeln diese Phase eher kursorisch: Willy Albrecht, Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der Neuen Linken, Bonn 1994; Jürgen Briem, Der SDS. Die Geschichte des bedeutendsten Studentenverbandes der BRD seit 1945, Frankfurt/Main 1976. Einen vorläufigen Überblick bietet: Tilmann Fichter/Siegward Lönnendonker, Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von 1946 bis zur Selbstauflösung, Hamburg 1998².
    3.
    Einen Überblick über oppositionellen Gruppierungen liefert: Rolf Seeliger, Die außerparlamentarische Opposition, München 1968; Ernst Richert, die radikale Linke von 1945 bis zur Gegenwart, Berlin 1969, S. 104-129.
    4.
    Zwar gab es bereits 1966 im SDS einen Versuch, ein für alle Mitglieder verbindliches theoretisches Schulungsprogramm zu entwickeln, dieser scheiterte jedoch bereits im Ansatz. Als Reaktion auf einen vom traditionalistischen Flügel vorgelegten Entwurf präsentierte der führende Kopf des antiautoritären Flügels eine am undogmatischen Marxismusverständnis von Karl Korsch orientierte Literaturübersicht, vgl. Rudi Dutschke, Ausgewählte und kommentierte Bibliographie des revolutionären Sozialismus von Karl Marx bis in die Gegenwart. SDS-Korrespondenz, Sondernummer 1966.
    5.
    Vgl. Jörg Bopp, Geliebt und doch gehasst. Über den Umgang der Studentenbewegung mit Theorie, in: Kursbuch, 20 (1984) 78, S. 121-142.
    6.
    "Die Protestbewegung . . . verfolgte auch eine Utopie der Theorie, des Konzeptualisierens. Positiv in der Überzeugung, die zentralen gesellschaftlichen und lebensgeschichtlichen Prozesse würden sich auf soziologische und sozialpsychologische Begriffe bringen lassen und danach würden die Theoretiker leben können." Michael Rutschky, Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre, Köln 1980, S. 40 f.
    7.
    Vgl. Rudi Dutschke, Zu Protokoll - Ein Fernsehinterview von Günter Gaus, Frankfurt/M. 1968.
    8.
    Vgl. Claus-Dieter Krohn, Die Entdeckung des "anderen Deutschland" in der intellektuellen Protestbewegung der 1960er Jahre in der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten, in: Exilforschung - Ein Internationales Jahrbuch, Bd. 13: Kulturtransfer im Exil, hrsg. von Claus-Dieter Krohn / Erwin Rotermund / Lutz Winckler / Wulf Koepke, München 1995, S. 16-51.
    9.
    Vgl. die Dokumentation von Horst Kurnitzky/Hansmartin Kuhn (Hrsg.), Das Ende der Utopie - Herbert Marcuse diskutiert mit Studenten und Professoren Westberlins an der Freien Universität Berlin über die Möglichkeiten und Chancen einer politischen Opposition in den Metropolen in Zusammenhang mit den Befreiungsbewegungen in den Ländern der Dritten Welt, Berlin 1967.
    10.
    Vgl. Wolfgang Kraushaar, Von der Totalitarismus- zur Faschismustheorie. Zu einem Paradigmenwechsel in der Theoriepolitik der Studentenbewegung, in: Alfons Söllner/Ralf Walkenhaus/Karin Wieland (Hrsg.), Totalitarismus - eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Berlin 1997, S. 267-283.
    11.
    Prototypisch für diese Tendenz war ein Schüler des Marburger Politikwissenschaftlers Wolfgang Abendroth, dessen Schriften zur Kanonisierung eines ökonomistisch reduzierten Verständnisses der NS-Herrschaft führten: Reinhard Kühnl, Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus - Faschismus, Reinbek 1971.