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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 31-32/2000)
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Innovative Potenziale von Politikerinnen |

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Mehrfachorientierung auf Politik, Beruf und Privatleben Brigitte Geißel
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II. Innovative Potenziale infolge der Mehrfachorientierungen von Politikerinnen |
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Sowohl im Selbstbild von Politikerinnen als auch im Ergebnis wissenschaftlicher Studien ist die Orientierung auf mehrere Lebensbereiche eine Gemeinsamkeit zwar nicht aller, aber relativ vieler Politikerinnen
. Sie vertreten einen Lebensentwurf, der als "Gleichgewichtskonzept" bezeichnet werden kann, erachten sie es doch als erstrebenswert, sich im Leben auf mehrere Standbeine bzw. Lebensbereiche zu stützen, die im Gleichgewicht miteinander stehen. Mehr und mehr Politikerinnen der achtziger und neunziger Jahre wollen für sich keinen der drei oder mehr Lebensbereiche gänzlich ausblenden. Die Orientierung auf die Politik muss in ihren Augen eine Orientierung auf andere Bereiche nicht ausschließen. Sie wollen gleichzeitig politisch aktiv sein, im Erwerbsarbeitsleben stehen, ein erfülltes Privatleben führen und zum Teil auch eine Familie gründen. Diese Drei- oder Mehrfachorientierung von Politikerinnen birgt, wie im Folgenden dargestellt werden soll, bislang wenig wahrgenommene Innovationspotenziale.
Die Lebenskonzepte der Mehrfachorientierung vieler Politikerinnen bieten zukunftsfähige Potenziale in (mindestens) dreierlei Hinsicht. Erstens befreit die Mehrfachorientierung auf individueller Ebene von der Fixierung auf nur einen Lebensbereich und kann somit auch als Freiheit wahrgenommen werden. Zweitens ist eine Beteiligung von mehrfachorientierten Personen innovativ für die politisch-instiutionelle Ebene. Denn Mehrfachorientierte spiegeln die Lebenskontexte und damit die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung in größerem Umfang wider als nur auf die Politik fixierte Personen. Und drittens kann ein solches Lebenskonzept als ein zukunftsfähiges Leitbild auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gelten. In einer Gesellschaft, in welcher die erwerbsförmig vermittelte Arbeit abnimmt, die Forderung nach mehr politischer Mitbestimmung, z. B. durch Volksentscheide, immer lauter wird
und das Geschlechterverhältnis sich verändert, sind vor allem Lebenskonzepte zukunftsfähig, die unterschiedliche Orientierungen in sich vereinen. Diese drei genannten Innovationspotenziale werden im Folgenden diskutiert.
1. Mehrfachorientierung: Selbstentfaltung - Unabhängigkeit - Freiheit
Viele Politikerinnen betrachten die potenziell vielseitige Lebensorientierung trotz aller Anstrengungen auch als Chance zu mehr individueller Freiheit. Sie befreit in ihren Augen von dem Zwang, sich (nahezu) lebenslänglich und ausschließlich auf nur einen Lebensbereich zu konzentrieren. Eine einseitige Orientierung auf die Politik wirkt sich ihrer Ansicht nach problematisch aus. Wenn die Politik bzw. der politische Aufstieg der wesentliche Lebensinhalt ist, würde zur eigenen Karriereförderung "der eigene Kopf irgendwo abgegeben"
. Ein unabhängiges Denken könne man sich dann nicht mehr leisten, vielmehr ordnet man sich problemloser in die politischen Hierarchien ein.
Politikerinnen beschreiben eher ihre männlichen Parteikollegen als "profillos, angepasst, opportunistisch"
. Bei ihnen sei eine größere Abhängigkeit von Machtpositionen zu konstatieren. Ähnliches ist auch in der Wirtschaft festzustellen: Firmenchefs sind häufig "Sklaven ihrer Machtpositionen. Sie sind arbeitssüchtig und fühlen sich einzig während ihrer Arbeitszeit wohl und lebendig. Ohne ihre Tätigkeit - am Feierabend, am Wochenende und vor allem in den Ferien - erleben sich diese Männer als leer, nutzlos und verloren."
Im Vergleich zu ihren meisten männlichen Parteikollegen fühlen sich viele Politikerinnen unabhängiger von ihrer Partei - und von Machtpositionen. Das Konzept "Politik als Lebensinhalt" teilen sie mehrheitlich nicht. Politische Karrieren werden zwar verfolgt, diese sollen aber kompatibel mit anderen, biographisch relevanten Orientierungen sein. Das gleichzeitige Eingebundensein in verschiedene Lebensbereiche, die "amtsunabhängigen Vernetzungen"
und die Möglichkeit der Prioritätenänderung verhindern die einseitige Fixierung auf die Politik. Diese relative Unabhängigkeit ist - so lassen die Selbstbeschreibungen vermuten - überparteilich, überregional und von der Kommunalpolitik bis in die politischen Eliten zu finden. Infolge der potenziell vielseitigen Orientierungen könnten Politikerinnen laut Selbsteinschätzung eher unkonventionell handeln. Mehrfachorientierung ist somit auch als Befreiung wahrzunehmen, denn sie schützt vor der "Entwicklung der allseitig reduzierten, auf die Karrieredienlichkeit abgerichteten Persönlichkeit"
, vor einer angepassten Profillosigkeit und vor der Sucht nach Positionen und Ämtern.
Spannend erscheint mir in diesem Zusammenhang der Gedanke von Hannah Arendt zu sein, ein "nur in der Öffentlichkeit verbrachtes Leben" führe unweigerlich zu einer "eigentümlichen Verflachung"
. Psychisches Gleichgewicht und eine gewisse Integrität können nur aufrechterhalten werden, wenn Menschen sowohl im privaten wie im öffentlichen Raum verwurzelt sind. Eine Verflachung attestieren einige der interviewten Politikerinnen, wenn auch mit anderen Worten, einseitig orientierten Parteikollegen und -kolleginnen. In ihren Augen besteht die Gefahr einer Verflachung, wenn die alltägliche Haus- und Familienarbeit - und damit auch die Sorge um Kinder, Eltern, Partner und Partnerinnen, Freunde und Freundinnen - zugunsten einer unbalancierten und einseitigen Politikorientierung vernachlässigt wird. Wenn Beziehungen und Bindungen keinen eigenen Wert mehr haben, sondern ausschließlich als Instrument betrachtet werden, um eine politische Karriere zu verfolgen, bzw. nur der Regeneration dienen, ist das "Eindimensional-Werden" unausweichlich
. Besonders drastisch beschreibt eine Politikerin jene Kollegen, die "ihre Kinder in die Mülltonnen stecken, wenn sie im Weg sind, und dann Jugendpolitik machen". Einem solchen Verhalten können amtsunabhängige Bindungen, die einen Wert jenseits von Instrumentalisierung und Regeneration haben, und die Verantwortung für die alltäglichen, lebensnotwendigen Verrichtungen entgegenwirken.
Andererseits berichten Politikerinnen aber auch von einer Verflachung, wenn sie über die Zeit sprechen, in der sie nicht politisch engagiert waren. Sie hätten in "ihrer kleinen Welt gelebt"
. Viele betonen, dass ihnen die persönlichkeitsbildende Erfahrung wie auch die Bestätigung und die Anerkennung des öffentlichen politischen Handelns verborgen geblieben wäre, hätten sie nur in den anderen Bereichen gelebt.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Mehrfachorientierung auf individueller Ebene infolge des Eingebunden-Seins in mehrere Lebensbereiche die Möglichkeit von Selbstentfaltung, Unabhängigkeit und Freiheit bietet.
2. Mehrfachorientierung - Voraussetzung für einen realistischeren Zugang zur Politik
Mehrfachorientierte decken eine größere Bandbreite an gesellschaftlichen Aktivitäten ab. Das ist in Bezug auf die politisch-institutionelle Ebene als Vorteil zu werten, spiegelt diese Ausrichtung doch die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung wirklichkeitsgetreuer wider. Interessenvielfalt der Bürger und Bürgerinnen kann besser berücksichtigt werden, wenn Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen in der Politik vertreten sind. Bislang scheinen im Wesentlichen einseitig orientierte Personen über die Geschicke unserer Gesellschaft zu bestimmen. Themen auf der politischen Agenda und Entscheidungen sind davon gekennzeichnet. Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ist beispielsweise "überzeugt, dass die Frage . . . der Anerkennung von Tätigkeiten außerhalb des Erwerbsberufs, ganz anders beurteilt werden würde, wenn wir schon 30 Jahre lang einen weitaus größeren Frauenanteil im Parlament hätten"
. Eine erstaunliche Ausblendung relevanter Lebenskontexte und -konzepte lässt sich auch anhand der Zusammensetzung des Bündnisses für Arbeit nachweisen. Dieses Gremium ist ein nahezu reines Männergremium, welches von anderen Vorstellungen als der lebenslangen Vollzeiterwerbsarbeit offenbar nur wenig Notiz genommen hat. In der Einbeziehung von Personen mit breiterem Erfahrungshorizont und mehrfachen Orientierungen, und dies sind bislang in der Regel Frauen, läge eine Chance für einen realistischeren Zugang der Politik.
3. Mehrfachorientierung - ein zukunftsfähiges Lebenskonzept
Das dritte Innovationspotenzial der Mehrfachorientierung liegt in der Zukunftsfähigkeit dieses Lebenskonzepts. Einseitige Lebensorientierungen können mit den Erfordernissen zukünftiger Gesellschaften kaum standhalten. Die monetär vergütete, über den Markt vermittelte Arbeit nimmt ab, die gegenwärtige repräsentative Parteiendemokratie gerät immer mehr in die Kritik und das traditionelle Geschlechterverhältnis, das die Alleinzuständigkeit von Frauen für die Haus- und Familienarbeit begründet, beginnt langsam zu wanken. Immer mehr Bürger und Bürgerinnen distanzieren sich von den arbeitsorientierten Lebenskonzepten
, fordern zeitgleich mehr politische Mitbestimmung, sichtbar zum Beispiel an dem Wunsch nach der Ausweitung plebiszitärer Elemente (z. B. Referenden), und Frauen lassen sich zunehmend weniger auf den Lebensbereich Familie festlegen. Lebenserfüllung und Identität werden kaum mehr in nur einem einzigen Lebensbereich gesucht und dort auch immer seltener gefunden. Demnach wäre zu vermuten, dass mehrfachorientierte Personen eine Art "Modernisierungsvorsprung" haben, denn die anstehendenden Veränderungen unserer Gesellschaft, deren Mitglieder erwerbstätige, politisch aktive und gleichzeitig im Privatleben engagierte Bürger und Bürgerinnen sind, haben sie bereits - quasi individuell - vollzogen. Dass ein mehrfachorientiertes Lebenskonzept den klassischen Idealen eines Politikers sowie der politischen Praxis widerspricht, wird im folgenden Abschnitt diskutiert. |
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08. Februar 2012
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