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14.2.2008 | Von:
Thomas Großbölting

Bürgertum, Bürgerlichkeit und Entbürgerlichung in der DDR: Niedergang und Metamorphosen

In der DDR sollte die traditionelle Struktur der Gesellschaft grundlegend und gemäß den ideologischen Vorgaben verändert werden. Trotz massiver Eingriffe in Politik, Wirtschaft und Kultur aber erhielten sich Relikte des Bürgertums sowie der Bürgerlichkeit und wirkten bis in die 1960er Jahre fort.

Einleitung

Gemessen an der Euphorie in der Zeit der Wiedervereinigung - erinnert sei an die tanzende Menschenmenge auf der Berliner Mauer und anderswo - währte die Zuversicht nicht allzu lang. Die "Vereinigungskrise" (Jürgen Kocka) rief sehr bald die Zweifler auf den Plan, deren Beiträge bald zu einem tiefen Lamento anschwollen. Einige warnten gar vor einer tief greifenden Veränderung der gesellschaftlichen Kultur in Deutschland. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung tat sich insbesondere Arnulf Baring mit seiner Warnung hervor, die neuen Bundesbürger seien "verzwergt", ihre Bildung "verhunzt" und eine große Zahl von ihnen "nicht weiter verwendbar".[1] Fast zehn Jahre später, 2001, konstatierte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der Journalist Frank Pergande den nun endgültigen "Sieg des Sozialismus".




Zwar sei der SED-Staat politisch und wirtschaftlich untergegangen, "kulturell jedoch ist die DDR allgegenwärtig, obwohl es diesen Staat seit zwölf Jahren nicht mehr gibt." Eine Haltung der Gleichmacherei, des Proletarischen und des Antikapitalistischen habe sich in einem Maß in die Köpfe und Herzen vieler Ostdeutscher in einer Weise eingesenkt, wie es selbst im beschwerlichen Alltag der DDR-Zeit nicht vorstellbar gewesen sei.[2] In bewusster Absetzung zum Westen und zu dessen Bewohnern zelebrierten die "Ossis", so Pergande, ihre Eigenarten: Die Wertschätzung der körperlichen Arbeit verbinde sich mit der symbolischen Aufwertung des Arbeiters als Sozialtyp und einer radikalen Abwehr gegen alle Dienstleistungstätigkeiten. Der am Wochenende rege frequentierte Wäschetrockenplatz gilt dem Journalisten als Beleg für die "Entheiligung des Sonntags" und damit als Symptom für eine insgesamt religionslose Gesellschaft. Die staatliche und in der Öffentlichkeit gefeierte Rundum-Kinderbetreuung wie auch ein liberales Abtreibungsgesetz, die unhinterfragt als "modernes" Erbe der DDR-Gesellschaft allgemein akzeptiert seien, stünden zugleich für die Aushöhlung der Familie. Ein ausgesprochenes Heimat- und Wir-Bewußtsein manifestiere sich in einer rigiden Abgrenzung nicht nur gegenüber den "Wessis", sondern vor allem gegen alles "Ausländische". Als Ergebnis dieses "Kulturkampfes", so Pergande, habe das "Proletarische (...) über das Bürgerliche gesiegt".

Die Äußerungen an sich sind weder hilfreich noch originell, sondern reihen sich ein in eine lange Kette von teils analytischen, teils polemischen Beiträgen zur deutsch-deutschen Befindlichkeit.[3] Von besonderem Interesse ist daran aber, wie selbstverständlich auf die Kategorien von Bürgertum und Bürgerlichkeit zurückgegriffen wird. Damit stehen die Beiträge gegen den Trend, denn Publizistik wie Forschung galt diese Sozial- und Kulturform lange Zeit als eine Gesellschaftsformation, die nicht einmal mehr zur jüngeren Vergangenheit zu zählen war, sondern eher dem 19. Jahrhundert angehörte: Folgte man den gängigen Interpretationen, dann war das Bürgertum spätestens mit dem Ende des Nationalsozialismus untergegangen. Nahezu reibungslos in das Räderwerk des Nationalsozialismus eingepasst waren die alten Funktionseliten eine, wenn nicht gar die entscheidende Trägerschicht der Diktatur und damit moralisch diskreditiert. Ein Rückgriff auf die von ihnen getragenen Kultur- und Wertvorstellungen verbot sich aus dieser Perspektive selbstredend, "die Diagnose des verdienten Exitus drängte sich geradezu auf."[4] Dass diese Interpretation wohl eher auf politischem Wunschdenken als auf empirischer Anschauung beruhte, wird von der jüngeren Forschung zunehmend herausgestellt.[5]

Erst in jüngster Zeit konstatierte Hans-Ulrich Wehler, dass in den westlichen Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik das Bürgertum wie "Phönix aus der Asche" wieder emporgestiegen sei und belegt dieses durch starke personelle Kontinuitäten insbesondere im Wirtschaftsbürgertum zwischen 1930 und 1960. An einem entgegen gesetzten Punkt setzte Eckart Conze an: War nicht die Bundesrepublik die Staats- und Gesellschaftsform, in der sich Bürgerlichkeit maximal realisiert hatte, und zwar sowohl im sozialen Sinne einer Verallgemeinerung der sozioökonomischen Grundlagen des Bürgertums wie auch in der Verwirklichung einer Staatsbürgergesellschaft? Conze steht für die These von einer umfassenden Diffusion von Bürgerlichkeit. Diese Kulturform sei nicht mehr auf eine sich exklusiv als Bürgertum zu anderen Gesellschaftsformationen abgrenzende Personengruppe beschränkt gewesen, sondern konnte in unterschiedlicher Intensität auch von mittel- oder kleinbürgerlichen, sozialdemokratischen sowie von konfessionell vergemeinschafteten Gruppen angenommen werden.[6]

Für die DDR sind Fragen nach dem Verbleib und dem weiteren Geschick des Bürgertums ebenfalls mit erheblicher Verspätung gestellt worden. Vor 1990 entsprachen sich in der Beurteilung dieser Frage der Blick der Kalten Krieger und das Selbstbild der DDR-Mächtigen. Auf beiden Seiten ging man davon aus, dass es sich dort nach Relikten von Bürgertum gar nicht erst zu suchen lohne. In der Selbstdarstellung der SED war die DDR vor allem der radikale Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Deutschland, bei dem die "antifaschistisch-demokratische Revolution" der unmittelbaren Nachkriegsjahre alle möglichen Verbindungen zu den unheilvollen bürgerlichen Traditionsbeständen gekappt habe. Die Vokabel "bürgerlich" fungierte dementsprechend im Politdeutsch der DDR nicht zur Beschreibung einer Sozial- oder Kulturgruppe, sondern vor allem zur Denunziation einer politisch unerwünschten Haltung, die im Verlauf der vierzigjährigen Geschichte durchaus unterschiedlich definiert werden konnte.

Die westdeutschen wie westlichen Beobachter übernahmen diese Vorstellung. Am Zugang zu den Quellen gehindert, waren sie zur Analyse der gesellschaftlichen Befindlichkeit des zweiten deutschen Staates weitgehend auf die Selbstpräsentation der SED und der ihr folgenden DDR-Historiographie und anderen Gesellschaftswissenschaften angewiesen. Darüber hinaus trug aber auch die auf westdeutscher Seite vorgenommene Qualifizierung der DDR als "ein Staat, der nicht sein durfte",[7] zu einem einseitigen Bild bei. Auch hier wurden "primär die Veränderungen politischer und sozialer Strukturen, die Durchsetzung neuer politischer und kultureller Ziele und auch die dabei auftretenden Probleme und Widerstände"[8] untersucht. Nach 1990 änderte sich dieser Trend: Neben eine kurze und vielfach folgenlose Renaissance der Totalitarismustheorie trat eine stark sozial-, gesellschafts- und kulturhistorische Ausrichtung historischen Forschens. Mit Blick auf das Bürgertum in der SBZ und der DDR hat insbesondere Christoph Kleßmann auf die (per se wenig erstaunlichen) Kontinuitäten hingewiesen.

Mit dieser Öffnung liegt die Geschichtswissenschaft im Trend eines weit greifenden Fragens nach dem Bürgertum und der Bürgergesellschaft: Nicht nur die Feuilletons verweisen auf eine Renaissance von Stilattitüden aus dem Arsenal eines bürgerlichen Habitus, derer sich einzelne Lebensstilgruppen (erneut) bereitwillig bedienen. Auch die Politik hat die "Bürgergesellschaft" für sich entdeckt: Die zur Sondierung des "bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland" eingesetzte Enquetekommission definierte diese in ihrem Abschlussbericht von 2001 als "Netzwerk von freien, selbstorganisierten Assoziationen wie Vereinen und Verbänden, Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen, Stiftungen und Freiwilligendienste".[9] Ihre Funktionen, so scheint es, gewinnen in dem Maße an Attraktivität, wie der Staat an seine finanziellen Grenzen stößt und nach dem Modell der USA verschiedene Aufgaben in private Hände zu verlagern sucht.

Besonders im Begriff der "Zivilgesellschaft" verknüpfen sich öffentliche und wissenschaftliche Interessen. Auch wenn unter diesem Signum oftmals insbesondere die nachdiktatorischen Gesellschaften Osteuropas analysiert werden, so hat diese Entwicklung doch auch die historiographische Diskussion zu den westeuropäischen und speziell zur deutschen Gesellschaft verändert. In den Blick rückt dabei (unter anderem) die Bürgerlichkeit und die ihr verbundene "bürgerliche Gesellschaft", ist diese Zielvision doch mit dem aktuellen politischen Gehalt der "Zivilgesellschaft" elementar verbunden. Unter anderem ist dieses Modell zur Analyse der friedlichen Revolution und ihrer Vorbedingungen in der DDR herangezogen worden.[10]

Die Ausgangsthese neuerer Forschungen lautet deshalb, dass allen Brüchen und sozialen Verwerfungen durch Nationalsozialismus und Krieg zum Trotz sich die Geschichte nach 1945 als Fortsetzung einer längeren Geschichte von Bürgertum und Bürgerlichkeit analysieren und interpretieren lässt. Die forschungsstrategischen Konsequenzen, die aus dieser Neubewertung gezogen werden, sind unterschiedlich und berühren die zentrale Unterscheidung von "Bürgertum" als Sozialformation und "Bürgerlichkeit" als eine ihr verbundene Kulturform. Allen unterschiedlichen Konzeptionen zur Analyse ist die Annahme gemeinsam, dass weder allein die Sozialform noch ausschließlich ein kultureller "Überbau" zur Analyse des Phänomens ausreichen. Neben die nötigen sozialstrukturellen Voraussetzungen für eine Vergesellschaftung der Mittelschichten zum Bürgertum müssen zugleich ein kollektives Selbstbewusstsein und eine kulturelle Integration treten. Umgekehrt aber - und das ist insbesondere für die Zeit nach 1945 von Bedeutung - lassen sich die sozialökonomischen und die kulturellen Koordinaten des Bürgerlichen nicht unmittelbar voneinander ableiten, obwohl es zahlreiche Wechselbeziehungen gibt. Beide Komponenten haben unterschiedliche Entwicklungslogiken und -verläufe, auch dann, wenn sie - wie im Fall des bürgerlichen 19. Jahrhunderts - zeitgleich vertreten sind, und erst recht wenn sie, wie für die Nachkriegsgeschichte zu zeigen ist, phasenverschoben erodieren und sich auseinander entwickeln.

Im Folgenden wird versucht, auf dieser Grundlage Bürgertum und Bürgerlichkeit in der SBZ und in der DDR in prozessualen Kategorien zu beschreiben. Dabei gilt es, zunächst die Voraussetzungen und Hindernisse dafür zu identifizieren, dass sich die Mittelschichten bei der Koinzidenz verschiedener Strukturmerkmale zum Bürgertum vergesellschaften konnten. Diese empirisch nachzuweisenden Elemente sind dann auf die Frage hin zu überprüfen, ob und in welchem Umfang sie neue oder in Kontinuitäten stehende Zuordnungen und Identitäten schafften und welche alten oder neuen Prozesse darin wirksam waren.[11]

Fußnoten

1.
Arnulf Baring, Deutschland, was nun?, Berlin 1992, S. 59.
2.
Frank Pergande, Der Sozialismus siegt. Chronik eines Kulturkampfes mitten in Deutschland, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.10. 2001, S. 11.
3.
Vgl. Thomas Ahbe, Hohnarbeit und Kapital. Westdeutsche Bilder vom Osten, in: Deutschland Archiv, 33 (2000), S. 84 - 89; ders., Nicht demokratisierbar. Westdeutsche Bilder vom Osten (II), in: ebd., 35 (2002), S. 112 - 118.
4.
Hans-Ulrich Wehler, Deutsches Bürgertum nach 1945. Exitus oder Phönix aus der Asche?, in: Geschichte und Gesellschaft, 27 (2001), S. 617-634, S. 618.
5.
Vgl. speziell zum Aspekt Bürgertum und Bürgerlichkeit den Forschungsüberblick und Diskussionsanstoß von Hannes Siegrist, Ende der Bürgerlichkeit? Die Kategorien "Bürgertum" und "Bürgerlichkeit" in der westdeutschen Gesellschaft und Geschichtswissenschaft der Nachkriegsperiode, in: Geschichte und Gesellschaft, 20 (1994), S. 549 - 583; Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hrsg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005.
6.
Vgl. Eckart Conze, Eine bürgerliche Republik? Bürgertum und Bürgerlichkeit in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, in: Geschichte und Gesellschaft, 30 (2004) 3, S. 527 - 542.
7.
Ernst Richert, Das zweite Deutschland. Ein Staat, der nicht sein darf, Gütersloh 1964.
8.
Hierzu und zum Folgenden Christoph Kleßmann, Relikte des Bildungsbürgertums in der DDR, in: Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/Hartmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 254 - 270, S. 254.
9.
Vgl. Deutscher Bundestag. 14 Wahlperiode. Bericht der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements". Drucksache 14/8900 vom 3. Juni 2002, S. 3.
10.
Vgl. Karsten Timmer, Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989, Göttingen 2000.
11.
Vgl. dazu Klaus Tenfelde, Bürgertum und Stadt, in: Hans-Ulrich Wehler/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Wege zur Geschichte des Bürgertums, Göttingen 1994, S. 317 - 353.