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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 25/2000)

Medienkompetenz in der politischen Bildung


Pädagogische Allerweltsformel oder politische Kategorie?
Ulrich Sarcinelli
Inhalt

I. Medienkompetenz für die politische Bildung - was sonst?

II. Gesellschaftliche Modernisierung durch Medien - nicht erst im Fernsehzeitalter

III. Medien als gesellschaftliche und politische Wirklichkeitsgeneratoren

IV. Wandel der Legitimitätsgrundlagen des demokratischen Systems

V. Medienkompetenz in der politischen Bildung

VI. Einige praktische Hinweise

I. Medienkompetenz für die politische Bildung - was sonst?
Wie kein anderer Bildungsbereich unterliegt politische Bildungsarbeit den Schwankungen einer mehr oder weniger rasch wechselnden Aufmerksamkeits-, Themen- und Erwartungskonjunktur. Dies ist zunächst nicht weiter verwunderlich, gehört es doch zum Anspruch der politischen Bildung selbst, angemessene Antworten auf die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft zu geben. Insofern wird man auch damit leben müssen, dass politische Bildung immer wieder mit der ihr zugewiesenen Feuerwehrfunktion gefordert und vielfach überfordert wird oder als pädagogischer Sündenbock für Fehlentwicklungen oder kurzfristig als Alibi für Problemlösungsaktivitäten herhalten muss.

Zur Person
Ulrich Sarcinelli
Dr. phil., M. A., geb. 1946; Professor für Politikwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau.

Anschrift: Universität Koblenz-Landau, Institut für Politikwissenschaft, Kaufhausgasse 9, 76929 Landau.

Veröffentlichungen u. a.: Symbolische Politik, Opladen 1987; (Hrsg. zus. J. Falter u. a.) Politische Kultur in Rheinland-Pfalz, Mainz 2000.

Bildungstheorie und Bildungspraxis haben nicht nur die Aufgabe, auf gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungen zu reagieren. Sie haben auch eine pädagogische und politische Verantwortung für gegenwärtige und zukünftige Lebens- und Entwicklungsverhältnisse der nachwachsenden Generation. Bildung - und insbesondere politische Bildung - orientiert sich deshalb immer auch an den epochalen Herausforderungen: sei es die Sicherung des Friedens, die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Abbau von gesellschaftlich bedingter Ungleichheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Globalisierung oder eben auch die Fähigkeit zur Orientierung in einer unübersichtlicher werdenden Informations- und Kommunikationswelt [1] . Mehr als andere Bildungsbereiche bzw. Fächer steht gerade die politische Bildung unter dem Druck, nicht nur Ziele und Inhalte immer wieder neu zu überdenken. Nicht selten wird auch der Eindruck vermittelt, als bedürfe es eines gänzlich neuen Selbstverständnisses politischer Bildungsarbeit. So war es eine Zeitlang die Friedenserziehung und dann später die Umweltbildung, denen man eine Art politisch-pädagogische Leitfunktion zumaß.

Medienkompetenz als pädagogische Allerweltsformel

Dauerkonjunktur hat inzwischen auch die Forderung nach Medienerziehung in der politischen Bildung. "Medienkompetenz" ist zu einem rhetorischen Passepartout bei der Thematisierung kultureller, ökonomischer und politischer Herausforderungen geworden. Zum "Wort des Jahres" 1996 gekürt und in der Literatur breit diskutiert, erweist sich der Begriff als eine dehnbare Chiffre, über deren politische Bedeutung kaum Klarheit herrscht [2] . Die Folge ist, dass auch bezogen auf dieses fraglos wichtige pädagogische Vermittlungsziel über das, was in diesem Zusammenhang politische Bildung leisten kann und leisten muss, keine präzisen Vorstellungen vorhanden sind. So wird Medienkompetenz einmal als subjektive Handlungskompetenz, dann als pädagogische Schlüsselqualifikation oder noch allgemeiner im Sinne einer elementaren Kulturtechnik eingefordert. Dies hat alles seine Berechtigung, kann aber als Kategorie politischer Bildungsarbeit nicht überzeugen.

Selbst wenn mit Recht darauf verwiesen werden kann, dass politische Mündigkeit den kommunikationskompetenten Bürger voraussetzt, so hat Medienkompetenz auch dabei durchweg den Charakter einer im weitesten Sinne pädagogischen bzw. einer Bildungskategorie [3] . Dieser Begründungskontext ist zu allgemein und zu unspezifisch, als dass er für die politische Bildung identitätsstiftend sein könnte. Er reicht nicht aus, um Medienkompetenz als eine politische Kategorie einzufordern. Stützte man sich allein auf generelle pädagogische Erwägungen und fachübergreifende bildungstheoretische Begründungen, so könnte man gleich die Frage stellen, ob sich politische Bildung in einer multimedialen Welt nicht eigentlich auf Medienerziehung konzentrieren müsste.

Die im Nachfolgenden näher zu begründende Antwort sei vorweggenommen: Politische Bildung sollte nicht in den Fehler verfallen, alles, was irgendwie mit Medien zu tun hat, zu ihrem Aufgabenbereich zu erklären. Politische Bildung ist keine Medienpädagogik, so wichtig medienpädagogische Elemente für die politische Bildungsarbeit sein können. Gegenstand der politischen Bildung ist die Politik. Die Medien und das Mediale interessieren im Rahmen politischer Bildungsarbeit deshalb und nur deshalb, weil sich - so jedenfalls die hier vertretene These - die Politik selbst durch die moderne Mediengesellschaft verändert hat und auch weiter verändern wird. Nun läßt sich zwar vieles politisieren, aber nicht alles ist per se politisch, wie der modische Slogan von der "Erfindung des Politischen" [4] suggerieren könnte. Medien interessieren die politische Bildung nicht nur deshalb, weil sie die Schlüsselinstanz der Politikvermittlung sind [5] . Sie sind selbst Bestandteil des Politikprozesses geworden.

Medienkompetenz als politische Kategorie

Was also in der pädagogisch dominierten Medienkompetenzdebatte im Zusammenhang mit politischer Bildung zu kurz bzw. eigentlich nicht in den Blick kommt, ist das Faktum, dass Medienkompetenz auch eine politische Kategorie ist. Die Funktionslogik politischer Systeme ist ohne die Auseinandersetzung mit der Medialisierung des Politischen nicht mehr zu vermitteln. Wie zu keiner Zeit vorher sind die Medien nicht nur "Medium", sondern auch ein "Faktor" gesellschaftlicher und politischer Entwicklung, wie es das Bundesverfassungsgericht wiederholt in seinen Rundfunkurteilen zum Ausdruck gebracht hat. Wie zu keiner Zeit vorher ist die moderne Gesellschaft eine Mediengesellschaft, ist Politik in der Mediengesellschaft medienimprägnierte Politik. Beides gilt es aus der Sicht der politischen Bildung in den Blick zu nehmen: Erstens die Mediengesellschaft, weil die Medien zum zentralen Modernisierungsfaktor geworden sind. Mit der Modernisierung der Gesellschaft verändert sich politisches Verhalten, verändert sich die politische Kultur demokratischer Gemeinwesen. Zweitens die zunehmend von der Medienlogik beeinflusste Politik, weil sich die institutionellen und prozessualen Bedingungen politischen Handelns, ja die Legitimitätsgrundlagen des demokratischen Systems insgesamt verändern.
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08. Februar 2012
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