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Hauptschulen und Gewalt | Hauptschule | bpb.de

Hauptschule Editorial Hauptschulen = Problemschulen? Hauptschüler: Schwierige Übergänge von der Schule in den Beruf Hauptschulen und Gewalt Auswirkungen von Bildung auf das gesellschaftliche Miteinander Migrantenkinder, ihr Leserisiko und ihre Medienumgebung Bildungsarmut - Auswirkungen, Ursachen, Maßnahmen

Hauptschulen und Gewalt

Dirk Baier Christian Pfeiffer Christian Dirk / Pfeiffer Baier

/ 21 Minuten zu lesen

Hauptschüler treten häufiger im Bereich des Gewaltverhaltens und des Schulschwänzens in Erscheinung. Es besteht Anlass, die derzeitige Schulstruktur zu überdenken.

Einleitung

Die These, die Hauptschule sei eine "Restschule", ist nur partiell richtig. Zwar wurden nach Angaben der hannoverschen Schulbehörde nur 5 Prozent der Kinder von den Eltern der Grundschulabsolventen für die Hauptschule angemeldet. Aber es gibt auch Städte und Regionen mit einer weit höheren Hauptschulquote. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat im Jahr 2005 bei einer Repräsentativbefragung von Schülerinnen und Schülern neunter Klassen etwa für Schwäbisch Gmünd eine Quote von 32,3 Prozent ermittelt.




Nicht zu übersehen ist freilich, dass die Längsschnittentwicklung auf eine abnehmende Bedeutung dieses Schultyps hinweist. Im Schuljahr 1960/61 besuchten in den westdeutschen Bundesländern 67,9 Prozent die Hauptschule, 20 Jahre später waren es noch 38 Prozent, und im Schuljahr 2004/2005 besuchten bundesweit nur noch 23 Prozent der Schüler der Klassenstufe 7 diese Schulform.

Diese Entwicklung offenbart ein Problem: Je stärker in einer Region die Quote der Hauptschüler sinkt, umso höher wird der Anteil der Schüler an Hauptschulen ausfallen, die aus sozial randständigen Familien kommen. Und dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern ihre Bemühungen verstärken werden, ihr Kind beim Übergang zur Sekundarstufe in einem anderen Schultyp unterzubringen - was den negativen Trend weiter verstärkt. Angesichts dieser Situation versuchen einige Bundesländer wie etwa Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern, dieser Entwicklung durch gezielte Programme zur Stärkung von Hauptschulen entgegenzuwirken. Noch ist offen, welchen Erfolg sie damit erzielen.

Die KFN-Schülerbefragungen

Seit 1998 führt das KFN an vielen Orten Repräsentativbefragungen von Schülern der neunten Jahrgangsstufe durch. Im Jahr 2005 fand die jüngste Befragungswelle statt, auf die wir uns im Folgenden konzentrieren, wobei die Stichprobe der westdeutschen Schüler dieser Befragung im Vordergrund steht. Im Zeitraum Februar bis April 2005 wurden 14 301 Jugendliche - Jungen wie Mädchen - der neunten Jahrgangsstufe (Durchschnittsalter: 15 Jahre) in neun Gebieten befragt (Vgl. Tabelle 1 der PDF-Version). In einigen Gebieten wurden dabei Vollerhebungen durchgeführt, also alle Jugendlichen neunter Klassen befragt, in anderen Stichproben gezogen, wobei zumindest etwa jeder dritte Schüler einer Jahrgangsstufe erreicht werden sollte. Mit der Ausnahme von Förderschulen sowie dem Berufsvorbereitungsjahr, in dem sich ebenfalls Schüler der interessierenden Altersgruppe aufhalten können, wurden alle Schulformen in der Befragung repräsentiert - auch Schulen in freier Trägerschaft.

In Tabelle 1 (Vgl. PDF-Version) ist die Verteilung der Schüler auf die verschiedenen Schulformen dargestellt. Die Gebiete unterscheiden sich in hohem Maße darin, welchen Stellenwert die Hauptschule einnimmt. Der höchste Anteil an Schülern, die reine Hauptschulen besuchen, findet sich für Schwäbisch Gmünd (32,3 %). Zwei weitere süddeutsche Städte, Stuttgart und München, weisen ebenfalls überdurchschnittlich hohe Quoten an Hauptschülern auf. Dennoch wird nur tendenziell ein Nord-Süd-Gefälle sichtbar, da auch im Landkreis Peine oder in der niedersächsischen Stadt Lehrte hohe Anteile an Hauptschülern festzustellen sind. Ebensowenig ist ein Stadt-Land-Gefälle zu erkennen, demzufolge es in den Städten weniger Hauptschüler gäbe als auf dem Land. Kassel bildet insofern eine Ausnahme, als es hier überhaupt keine reinen Hauptschulen gibt; stattdessen besucht jeder zweite Schüler die Gesamtschule.

Auch in anderen Befragungsgebieten sind recht häufig integrierte Schulformen zu finden. Zur Gewährleistung der Vergleichbarkeit wurden die Schüler in diesenSchulen daher darum gebeten, einzuschätzen, welchen Schulabschluss sie voraussichtlich in der Schule, die sie gerade besuchen, erwerben werden. Da zumindest bei den Hauptschülern das Ende der Schulzeit zum Befragungszeitpunkt absehbar war, kann vermutet werden, dass die Jugendlichen einigermaßen ver- lässlich den anstehenden Erwerb eines Hauptschulabschlusses berichten können. Ein eventueller Realschulabschluss bzw. ein Abitur liegen hingegen weiter in der Zukunft und sind damit unsicherer. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Gebieten fallen im Hinblick auf den angestrebten Schulabschluss deutlich geringer aus als im Hinblick auf die besuchte Schulform: Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Jugendlichen werden an einer Hauptschule oder Gesamtschule den Hauptschulabschluss erwerben; den höchsten Wert weist wiederum Schwäbisch Gmünd, den niedrigsten Kassel auf. Angesichts dieser Daten bestätigt sich, dass zumindest der Hauptschulabschluss noch nicht zum Auslaufmodell im deutschen Bildungssystem gehört. Da es uns in der nachfolgenden Untersuchung darum geht, die spezifischen Probleme und Belastungen zu analysieren, die sich im Hinblick auf Gewaltphänomene an Hauptschulen ergeben, konzentrieren wir uns auf diesen Schultyp und verzichten auf eine gesonderte Erfassung der Schülerinnen und Schüler, die an Gesamtschulen einen Hauptschulabschluss anstreben.

Delinquenzbelastung von Schülern

Den stärksten Indikator für die Problembelastung einzelner Schulformen bildet die Bereitschaft der Schüler, delinquente bzw. abweichende Handlungen zu begehen. Da es sich bei den Schülerbefragungen des KFN um Dunkelfelduntersuchungen handelt, die den Anspruch erheben, das tatsächliche Ausmaß nonkonformen Verhaltens von Jugendlichen zu erfassen, wird dieses Verhalten umfangreich abgefragt. Wie die Abbildung (Vgl. PDF-Version) zeigt, finden sich vor allem im Bereich des gewalttätigen Verhaltens starke Unterschiede zwischen den einzelnen Schulformen. Über ein Viertel aller Hauptschüler (26,0 %) haben im zurückliegenden Jahr mindestens eine Gewalttat (einen Raub, eine Erpressung, eine Körperverletzung oder eine Bedrohung mit Waffen) begangen, bei den Gymnasiasten sind es nur 9,6 %. Interessant sind die Geschlechterunterschiede, die in Gymnasien sehr viel höher ausfallen als in Hauptschulen: Von allen männlichen Hauptschülern haben 34,3 % eine Gewalttat begangen (männliche Gymnasiasten: 16,8 %), von allen weiblichen Hauptschülern 16,3 % (weibliche Gymnasiasten: 3,0 %). In den Hauptschulen finden sich darüber hinaus ebenfalls häufiger Gewaltmehrfachtäter, also Jugendliche mit fünf und mehr Gewalttaten: 7,4 % aller Hauptschüler, aber nur 1,9 % aller Gymnasiasten gehören zu dieser Gruppe.

Nicht nur im Bereich des allgemeinen Gewaltverhaltens, das unabhängig vom Ort des Begehens der Gewalttat erfasst wurde, sondern auch in der Schule sind Hauptschüler besonders auffällig. Die Jugendlichen wurden gefragt, ob sie im letzten Schulhalbjahr einen Mitschüler geschlagen oder getreten, ihn oder sie mit einer Waffe bedroht oder erpresst bzw. beraubt haben. Zwar kommt in allen Schulformen leichte Gewalt in Form der Körperverletzungen deutlich häufiger vor als schwere Gewalt, aber in Hauptschulen fällt die Gewalttäterrate höher aus als in anderen Schulformen, wenngleich die Abstände zu den anderen Schulformen hier etwas geringer ausfallen als im Hinblick auf das allgemeine Gewaltverhalten. Es hat den Anschein, als würden sich die Hauptschüler innerhalb der Schule verstärkt an die dort geltenden Normen anpassen bzw. - umgekehrt - als würden die Gymnasiasten ihre Gewaltneigungen innerhalb der Schule ausleben. Nach Geschlecht differenzierte Analysen bestätigen dementsprechend, dass es bei der Schulgewalt bei Jungen geringere Unterschiede zwischen den Schulformen gibt: 39,9 % der männlichen Hauptschüler, 40,0 % der männlichen Realschüler, 32,1 % der männlichen Gesamtschüler und 34,2 % der männlichen Gymnasiasten haben im letzten Schulhalbjahr an ihrer Schule mindestens eine Gewalttat begangen. Bei den Mädchen sind die Unterschiede sehr viel ausgeprägter (Hauptschülerinnen: 17,1 %, Gymnasiastinnen: 4,4 %).

Relativ geringe Unterschiede zur Delinquenzbelastung zeigen sich im Hinblick auf andere abweichende Verhaltensweisen: Einen Ladendiebstahl haben im zurückliegenden Jahr 18,8 % der Hauptschüler und 13,7 % der Gymnasiasten begangen; ein Graffiti haben 8,3 % der Hauptschüler und 5,1 % der Gymnasiasten gesprüht. Auch in Bezug auf das Schwarzfahren oder das Fahren ohne Führerschein existieren keine großen Unterschiede zwischen den Schulformen. Beim Schwarzfahren liegen sogar die Gymnasiasten vorn, und ohne Führerschein sind Hauptschüler genauso häufig gefahren wie Realschüler. Deutliche Unterschiede dokumentieren die Befragungsdaten dagegen bei einem Verhalten, das einerseits selbst als Problemverhalten gilt, andererseits zugleich auch als Ursache gewalttätigen Verhaltens diskutiert wird: das Schulschwänzen. Wie etwa Nicola Wilmers u.a. zeigen, ist das Risiko, eine Gewalttat zu begehen, vor allem bei jenen Jugendlichen erhöht, die häufig dem Unterricht fernbleiben. Dieser Zusammenhang zeigt sich auch dann, wenn bestimmte Subgruppen - etwa männliche Hauptschüler - miteinander verglichen werden. Indirekt wird diese Beziehung in den hier präsentierten Analysen bestätigt: Hauptschüler, welche die höchste Gewalttäterquote stellen, bleiben zugleich am häufigsten fünf und mehr Tage der Schule unerlaubt fern. Fast jeder fünfte Hauptschüler muss als Mehrfachschwänzer eingestuft werden, bei den Gymnasiasten sind es nur 6,6 %. Weibliche Hauptschüler gehören im Übrigen häufiger der Gruppe der Mehrfachschwänzer an als Jungen (20,4 zu 18,4 %); bei den Gymnasiasten ist dies umgekehrt (5,6 % zu 7,7 %).

In drei Befragungsgebieten ist es im Sinne eines natürlichen Experiments möglich, reine Hauptschulen mit Integrierten Haupt- und Realschulen zu vergleichen, von denen angenommen wird, dass sie aufgrund der Durchmischung der Schülerschaft bessere Möglichkeiten bieten, Verhaltens- und Leistungsproblemen einzelner Schüler zu begegnen. In Oldenburg, Lehrte sowie dem Landkreis Soltau-Fallingbostel existieren neben reinen Hauptschulen und reinen Realschulen auch Integrierte Haupt- und Realschulen. Immerhin 18,3 % der gesamten Schülerschaft besuchen in diesen drei Gebieten diesen Schultyp. Etwa jeder dritte Schüler (32,7 %) wird dabei den Hauptschulabschluss ablegen, zwei Drittel streben den Realschulabschluss an. Der Vergleich der Gewaltbereitschaft der Schülerschaft ergibt kein eindeutiges Ergebnis: Zwar gehören die Schüler aus reinen Hauptschulen häufiger zur Gruppe der Gewalttäter, da 28,3 % von ihnen im zurückliegenden Jahr mindestens eine Gewalttat begangen haben; bei den Jugendlichen aus Integrierten Haupt- und Realschulen sind es 20,3 %, bei Schülern aus reinen Realschulen 16,0 %. Betrachtet man aber das innerschulische Gewaltniveau, so unterscheiden sich Hauptschulen (31,8 %) und Integrierte Haupt- und Realschulen (32,2 %) nicht mehr voneinander; stattdessen weisen die reinen Realschulen ein deutlich niedrigeres Niveau auf (23,2 %). Zu beachten ist allerdings, dass nur drei Gebiete in die Analyse einbezogen werden können und erst weitere Befragungen in zusätzlichen Gebieten wirklich Aufschluss über die Potenziale integrierter Schulformen geben können.

Die erhöhte Gewaltbereitschaft von Hauptschülern zeigt sich auch in einer nach Erhebungsgebieten differenzierten Betrachtung (Tabelle 2 der PDF-Version). In Bezug auf das Gewaltverhalten in den letzten 12 Monaten erreichen in keinem Gebiet Schüler aus anderen Schulformen höhere Werte. So haben in Dortmund 24,8 % der Hauptschüler eine Gewalttat begangen, den nächsthöheren Wert weisen die Gesamtschüler auf (21,7 %). Die Schüler aller anderen Schulformen liegen zum Teil deutlich darunter. Auch hinsichtlich der Schulgewalt erweisen sich die Hauptschulen als überdurchschnittlich belastet, wobei hier der Abstand zwischen der am höchsten und der am zweithöchsten belasteten Schulform geringer ausfällt als beim allgemeinen Gewaltverhalten. Zudem zeigt sich, dass in drei der acht Gebiete die Hauptschulen nicht den höchsten Anteil an Schulgewalttätern stellen (München, Schwäbisch Gmünd, Landkreis Soltau-Fallingbostel). Für das Schulschwänzen sind die Ergebnisse hingegen erneut eindeutig: In allen Gebieten gehören Hauptschüler häufiger zu den Mehrfachschwänzern. In Lehrte und Oldenburg sind die Abstände zur am zweithöchsten belasteten Schulform besonders groß, in München oder Dortmund etwas geringer.

Die Ergebnisse der Auswertungen belegen damit, dass Hauptschulen zumindest im Bereich des allgemeinen Gewaltverhaltens sowie des Schulschwänzen in allen Befragungsgebieten am höchsten belastet sind. Es gibt also überall einen Zusammenhang zwischen der Schulform und dem Verhalten der Schüler. Dieser fällt unterschiedlich stark aus: In einigen Gebieten sind Hauptschüler im Vergleich zu Schülern anderer Schulformen besonders belastet, in anderen Gebieten sind die Unterschiede geringer ausgeprägt. Dabei ist zunächst keine Systematik erkennbar. Der Zusammenhang zwischen dem Schulniveau und dem Ausmaß an abweichendem Verhalten ist in Großstädten nicht enger als in ländlichen Gebieten, im Norden nicht enger als im Süden usw. Betrachtet man allerdings die ebenfalls in Tabelle 2 (Vgl. PDF-Version) in Klammern dargestellten Verhältnisse zwischen Hauptschulen und Gymnasien, so ist zumindest eine Tendenz ablesbar: In Dortmund sind Hauptschüler 2,2 mal häufiger als Gewalttäter in Erscheinung getreten als Gymnasiasten. In den norddeutschen Gebieten Oldenburg, Soltau-Fallingbostel und Lehrte ist das Verhältnis noch höher. Mit Ausnahme des Landkreises Peine erweisen sich Hauptschüler im Vergleich zu Gymnasiasten hier als besonders gewalttätig. Gleiches ist im Prinzip für die anderen Verhaltensindikatoren zu berichten. Daraus lässt sich eine These ableiten, die freilich wegen der noch zu geringen Zahl von Befragungsgebieten nicht als gesicherte Erkenntnis gelten darf: Gerade in norddeutschen Gebieten, also dort, wo die Laufbahnempfehlungen der Grundschulen nicht bindend sind und der Anteil der Hauptschüler tendenziell niedriger ausfällt, kommt es offenbar zu einer Negativauslese, nach der vor allem solche Schüler häufig die Hauptschule besuchen, die besondere Verhaltensprobleme aufweisen.

Erklärungsangebote

Bei der Suche nach Erklärungen für die auftretenden Unterschiede der Delinquenzbelastung der verschiedenen Schultypen fällt zunächst auf, dass die Zusammensetzung der Schülerschaft stark divergiert. So beträgt der Anteil an Schülern deutscher Herkunft in Hauptschulen 43,9 %, in Gymnasien hingegen 74,6 %. Die größte nichtdeutsche Gruppe in Hauptschulen stellen dabei mit 19,5 % türkische Jugendliche (Gymnasien: 3,3 %). Auch russische, jugoslawische und italienische Jugendliche sind überdurchschnittlich häufig an Hauptschulen zu finden. Der Anteil polnischer Jugendlicher beträgt hingegen sowohl an Hauptschulen als auch an Gymnasien 3 Prozent. Die polnischen Jugendlichen gehören damit zu den schulisch am besten integrierten Migranten: Fast jeder dritte polnische Jugendliche besucht ein Gymnasium (29,8 %), bei den türkischen Jugendlichen ist es jeder achte (12,5 %), bei den deutschen mehr als jeder dritte (40,8 %).

An Hauptschulen ist nicht nur der Anteil nichtdeutscher Schüler, sondern auch der Anteil an Jugendlichen mit prekärem ökonomischen Status besonders hoch: Die Familie jedes achten Hauptschülers erhält gegenwärtig Sozialhilfe; gleiches trifft nur auf jede 40.Familie eines Gymnasiasten zu. Ein Drittel der Hauptschüler kommt aus Arbeiterhaushalten, bei einem Zehntel sind die Eltern derzeit arbeitslos. Letzteres gilt nur für 1,9 % der Eltern von Gymnasiasten; nur bei 8,7 % sind die Eltern Arbeiter. Diese Zusammenhänge sind dabei unabhängig von der ethnischen Herkunft: Hauptschüler kommen, ungeachtet dessen, ob es sich um deutsche, türkische, russische usw. Jugendliche handelt, häufiger aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status, wobei dieser Zusammenhang für türkische Jugendliche am schwächsten ist. Der schlechte ökonomische Status schlägt sich auch darin nieder, dass Hauptschüler seltener über ein eigenes Zimmer verfügen, also seltener einen Rückzugsort haben, an dem sie ungestört lernen oder Hausaufgaben machen können: Jeder vierte Hauptschüler, aber nur jeder 14. Gymnasiast muss auf ein eigenes Zimmer verzichten.

Entscheidend für abweichendes Verhalten sind zudem das Alter und das Geschlecht eines Schülers. Hauptschulen weisen neben Gesamtschulen den höchsten Anteil an Schülern männlichen Geschlechts auf: 54,5 % sind hier männlich (Gesamtschule 53,7 %), in den Gymnasien sind es 47,6 %. Hauptschüler sind zudem etwa ein halbes Jahr älter als Gymnasiasten, obwohl sie derselben Jahrgangsstufe angehören (15,4 zu 14,9 Jahren); dies gilt wiederum für alle ethnischen Gruppen. Ursache hierfür ist eine diskontinuierliche Bildungsbiographie. Wie Auswertungen einer in Hannover im Jahr 2006 durchgeführten Schülerbefragung zeigen - diese Daten werden an dieser Stelle referiert, weil nur in Hannover Daten zur Schulbiographie erhoben wurden -, musste die Hälfte der Hauptschüler bereits einmal eine Klasse wiederholen, an Gymnasien ist davon nur jeder zehnte Jugendliche betroffen. Zudem wurde jeder dritte Hauptschüler erst nach dem sechsten Geburtstag eingeschult, bei Gymnasiasten trifft dies auf weniger als jeden vierten zu. Insofern gibt es Hinweise darauf, dass die Hauptschüler bereits im Kindesalter Entwicklungsverzögerungen aufweisen, die sich zu Verhaltensproblemen weiterentwickeln. Eine mögliche Ursache hierfür ist, dass die Hauptschüler seltener den Kindergarten besucht haben: Während in Hannover nur 1,8 % der deutschstämmigen Gymnasiasten nicht im Kindergarten waren, ist dieser Anteil bei deutschstämmigen Hauptschülern siebenmal höher (13,0 %). Zu beachten ist, dass ein Kindergartenbesuch im Zusammenhang mit anderen Faktoren wie dem sozioökonomischen Status oder der Bildung der Eltern zu sehen ist. Insofern ist ein schlechter sozioökonomischer Status sowohl für einen nicht erfolgten Kindergartenbesuch als auch für einen Hauptschulbesuch mitverantwortlich.

Neben dem sozioökonomischen Status spielt auch der Erziehungsstil eine Rolle. Zwei Beispiele sollen dies illustrieren: Schwere elterliche Gewalt (mit Gegenstand oder Faust schlagen, treten, verprügeln) haben in der Kindheit 19,6 % der Hauptschüler, aber nur 6,6 % der Gymnasiasten erlebt. Selbst in den letzten 12 Monaten haben die Hauptschüler etwa doppelt so häufig derartige elterliche Übergriffe erfahren müssen. Diese beschränken sich nicht allein auf die Interaktion mit den Kindern; auch untereinander behandeln sich die Eltern von Hauptschülern gewaltförmig: Jeder fünfte Hauptschüler, aber nur jeder 20. Gymnasiast gab an, die Eltern im zurückliegenden Jahr dabei beobachtet zu haben, wie sie einander schlugen. Die Zusammenhänge zwischen dem Schulniveau und der innerfamiliären Gewaltrate stellen sich dabei für deutsche Jugendliche gleichermaßen dar wie für nichtdeutsche Jugendliche. Zwar ist innerfamiliäre Gewalt insgesamt betrachtet bei nichtdeutschen Jugendlichen erheblich verbreiteter als bei deutschen Jugendlichen. Aber auch für diese gilt, dass Hauptschüler weit häufiger mit innerfamiliärer Gewalt belastet sind als etwa Gymnasiasten.

Neben dem Einsatz von Gewalt in der Erziehung ergibt sich auch für eine andere Dimension der Erziehung ein problematischer Befund: In verschiedenen theoretischen Konzepten wird betont, dass das Ausmaß elterlicher Kontrolle des kindlichen Verhaltens entscheidend dafür sei, dass ein Kind Selbstkontrolle entwickeln könne. Einer Verhaltenskontrolle in dem Sinne, dass die Eltern über die Freunde oder Freizeitaktivitäten ihrer Kinder informiert sind, unterliegen aber nur etwas mehr als die Hälfte der Hauptschüler (55,0 %), bei den Gymnasiasten gilt dies für drei Viertel der Schüler (76,6 %). Ein Grund für die geringere Kontrolle ist in den Familienkonstellationen zu suchen: Hauptschüler haben häufiger eine Trennung oder Scheidung der Eltern erlebt und damit Situationen, in denen nur ein Elternteil für die Erziehung bereitstand. Zugleich sind die Familien von Hauptschülern im Durchschnitt größer; auch in dem Falle, dass beide Elternteile verfügbar sind, muss sich deren Kontrolle auf mehrere Kinder gleichzeitig verteilen.

Die familiären Erziehungserfahrungen wirken sich u.a. auf die Ausbildung von Werthaltungen, auf die Gewohnheiten des Medienkonsums oder auf Freundschaftsbeziehungen der Jugendlichen aus. Infolgedessen weisen die Hauptschüler in all diesen Bereichen entsprechend der höheren innerfamiliären Gewalterfahrung und der geringeren Verhaltenskontrolle eine höhere Auffälligkeit auf. Männliche Hauptschüler haben beispielsweise deutlich häufiger Fernsehgeräte oder Spielkonsolen im eigenen Zimmer stehen als Gymnasiasten - von den Real- oder Gesamtschülern unterscheiden sie sich in der Ausstattungsquote allerdings nicht. Gleiches gilt für die Konsumdauer: Jungen an Hauptschulen nutzen diese Geräte etwa ebenso lange wie jene an Real- und Gesamtschulen, dabei aber deutlich länger als Jungen, die Gymnasien besuchen. Kampfspiele werden von Hauptschülern am intensivsten gespielt: 41,4 % der männlichen Hauptschüler gaben an, häufiger Kampfspiele zu spielen, bei den Realschülern sind es 27,6 %, bei den Gymnasiasten 14,2 %.

Jenseits der Mediennutzung erfolgt die Freizeitgestaltung der Hauptschüler seltener innerhalb eines strukturierten Rahmens. Besonders deutlich wird dies mit Blick auf Vereinsmitgliedschaften: Während sich nur 39,6 % der Hauptschüler in einem Verein engagieren, sind es bei den Realschülern 58,0 %, bei den Gymnasiasten 73,2 %. Dementsprechend verbringen Jugendliche aus Hauptschulen weniger Zeit mit Vereinsaktivitäten, dafür aber mehr Freizeit mit ihren Freunden. Entscheidend ist dabei die Beschaffenheit der Freundschaftsnetzwerke: Danach gefragt, ob sich innerhalb des Freundeskreises Personen finden, die selbst schon einmal eine delinquente Tat begangen haben, stimmen zwei Drittel der Hauptschüler, aber nur die Hälfte der Gymnasiasten zu. Fünf und mehr delinquente Freunde haben 21,6 % der Hauptschüler, aber nur 10,7 % der Gymnasiasten. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen dem Hauptschulbesuch und dem Kontakt zu delinquenten Freunden hauptsächlich bei deutschen Befragten zu beobachten; bei nichtdeutschen, insbesondere bei türkischen Befragten, fällt der Anteil an Schülern mit Kontakten zu delinquenten Gleichaltrigen (Peers) nicht niedriger aus, wenn sie ein Gymnasium besuchen.

Die Unterschiedlichkeit des sozialen Umfelds und der Freizeitaktivitäten wirkt sich schließlich auf die Persönlichkeit der Jugendlichen und ihre grundlegenden Werteorientierungen aus. Als Beispiel soll hier die Akzeptanz von so genannten Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen herangezogen werden. Dabei geht es um die Frage, in welchen Situationen Männer legitimerweise zu Gewalt greifen dürfen. Vor dieser Situation steht ein Teil der Befragten dann, wenn die Ehre der Familie von außen (durch Beleidigungen) oder von innen (durch das Fehlverhalten der Ehefrau) angegriffen wird. Die Jugendlichen wurden im Rahmen der Befragung gebeten, ihre Meinung zu Aussagen wie "Ein Mann ist bereit, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, sonst ist er ein Schwächling" oder "Wenn eine Frau ihren Mann betrügt, darf der Mann sie schlagen", abzugeben. Jungen stimmen diesen Aussagen deutlich häufiger zu als Mädchen, nichtdeutsche häufiger als deutsche Jugendliche. Die stärkste Zustimmung artikulieren türkische Jungen: 22,9 % - fast ein Viertel - halten diese explizit, weitere 57,0 % teilweise für richtig. Deutsche Jungen sind hier zurückhaltender, 55,7 % lehnen die Aussagen ab. Zudem lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Zustimmungsquote und dem Schulniveau nachweisen: Von allen deutschen Hauptschülern männlichen Geschlechts stimmen 7,2 % explizit zu, von allen männlichen deutschen Gymnasiasten sind dies 2,8 %. Im Übrigen sind auch männliche Türken auf Gymnasien diesen Normen gegenüber skeptischer eingestellt.

Die Hauptschüler unterscheiden sich im Vergleich zu den Gymnasiasten damit im Wesentlichen dahingehend, dass sie häufiger nichtdeutscher, insbesondere türkischer, jugoslawischer und italienischer Herkunft sind, einen schlechteren sozioökonomischen Status besitzen, deutlich älter sind, seltener einem Verein angehören, häufiger Geräte wie Fernseher und Spielkonsole im Zimmer stehen haben, in ihrem Verhalten seltener durch die Eltern kontrolliert werden und eine stärkere Orientierung an Männlichkeitsnormen aufweisen. Diese Ergebnisse gelten weitestgehend in allen Befragungsgebieten. Die Gebiete unterscheiden sich allerdings unter anderem in Bezug auf den Stellenwert der ethnischen Herkunft: In Dortmund oder im Landkreis Soltau-Fallingbostel liegt der Anteil der türkischen Jugendlichen, die eine Hauptschule besuchen, nur doppelt so hoch wie bei deutschen Jugendlichen. In München, Oldenburg, Schwäbisch Gmünd und Stuttgart beträgt sie dagegen das Vierfache. Die zentrale Frage lautet nun, welche der oben genannten Faktoren dafür verantwortlich sind, dass Hauptschüler häufiger zu Gewalt greifen. Gesucht werden also Einflussvariablen, die gleichzeitig mit dem Hauptschulbesuch und dem Gewaltverhalten in Beziehung stehen. Welche Faktoren das sind, zeigt Tabelle 3 (Vgl. PDF-Version). Die Berechnung basiert auf logistischen Regressionsanalysen; Koeffizienten über 1.000 deuten an, dass bei Vorliegen bestimmter Umstände das Risiko, etwa zu den Gewalttätern zu gehören, steigt, Werte unter 1.000 stehen für eine Absenkung dieses Risikos. Werte von 1.000 bzw. nahe 1.000 belegen, dass ein Faktor keinen Einfluss ausübt. In Modell I wird gezeigt, dass Schüler aller anderen Schulformen signifikant seltener eine Gewalttat begangen haben als Hauptschüler; das Risiko der Gymnasiasten ist - wie bereits aus den oben aufgeführten Auswertungen ersichtlich wurde - nur ca. ein Drittel so hoch. Wird berücksichtigt, dass Hauptschüler durchschnittlich älter, häufiger männlichen Geschlechts und häufiger nichtdeutscher Herkunft sind, dann verringern sich bereits die Abstände zwischen den Schülern der verschiedenen Schulformen (Modell Ia). Zugleich wird ersichtlich, dass diese Faktoren in einer Beziehung mit dem Gewaltverhalten stehen, ältere, männliche und nichtdeutsche Jugendliche also signifikant gewalttätiger sind als deutsche Jugendliche. Modell Ib verdeutlicht, dass auch diese Unterschiede in der Gewaltbelastung weitestgehend auf andere Faktoren zurückzuführen sind, ähnlich wie dies für den Hauptschulbesuch zutrifft. Werden verschiedene Belastungsfaktoren in das Modell aufgenommen, erweisen sich im Prinzip nur noch die Gymnasiasten als signifikant weniger gewaltbereit. Auch ältere oder nichtdeutsche Jugendliche sind nicht per se gewaltbereiter. Ihre Höherbelastung kommt nur deshalb zustande, weil sie häufiger negativen Lebensbedingungen ausgesetzt sind. Die Höherbelastung der Hauptschüler erklärt sich zum Teil durch die Erfahrung von Elterngewalt, den problematischeren Medienkonsum, die Akzeptanz von Männlichkeitsnormen und die Bekanntschaft mit delinquenten Freunden. Die Unterschiede, die im Gewaltverhalten von Gymnasiasten und Hauptschülern auftreten, können damit aber nur teilweise erklärt werden. Es scheint noch weitere Belastungsfaktoren von Hauptschülern zu geben, die bislang nicht berücksichtigt worden sind. Zugleich fällt auf, dass zwei der Faktoren, die für Hauptschüler typisch sind (unvollständige Familie, niedrige Quote der Vereinsmitgliedschaft) keine direkte Beziehung zum Gewaltverhalten aufweisen. Dieser Befund bestätigt die vielfach geäußerte Annahme, dass objektive Benachteiligung allein keine hinreichende Bedingung für bestimmte Verhaltensweisen darstellt. Es kommt vielmehr darauf an, wie die Benachteiligung interpretiert wird (subjektive Deprivation hinsichtlich des Familienstatus) bzw. welchem Verein man tatsächlich angehört. Studien belegen beispielsweise, dass das Engagement in Sportvereinen allein nicht vor Gewaltverhalten schützt.

Auch zum Schulschwänzen wurden entsprechende logistische Regressionsanalysen durchgeführt. Diese bestätigen zunächst, dass nach Berücksichtigung zentraler Erklärungsfaktoren an Hauptschulen deutlich häufiger geschwänzt wird als an Realschulen oder Gymnasien. Im Hinblick auf die zentralen Einflussfaktoren zeigen sich weitgehende Parallelen zum Gewaltverhalten: Schüler, die zu Hause Gewalt erleben, die in ihrer Kindheit von den Eltern weniger stark beaufsichtigt worden sind, die häufig Gewaltfilme schauen oder Gewaltspiele spielen, die Kontakt zu delinquenten Freunden haben und die Männlichkeitsnormen zustimmen, zählen häufiger zu den Mehrfachschwänzern.

Bei den bisher präsentierten Analysen wurden innerschulische Faktoren, die auf die Häufigkeit bestimmter Formen abweichenden Verhaltens Einfluss haben können, nicht berücksichtigt, weil sie sich im Hinblick auf die Schultypen teilweise stark unterscheiden. So sind Hauptschulen und Hauptschulklassen überall deutlich kleiner als Realschulen und Realschulklassen, insbesondere aber als Gesamtschulen und Gymnasien. In der Schülerschaft ist der Anteil der sozial schwachen oder nichtdeutschen Schüler deutlich höher, die Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus schlechter usw. Analysen zum Einfluss von schulischen Faktoren sollten sich daher immer auf einen Schultyp beschränken, wobei als zu erklärende Variablen natürlich nur schulbezogene Verhaltensweisen (Schulgewalt, Schulschwänzen) in Frage kommen.

Die mit den Daten der Schülerbefragung 2005 durchgeführten Auswertungen belegen, dass die Hauptschulen durchaus Möglichkeiten haben, auf das schulische Gewaltverhalten Einfluss zu nehmen: So zeigt sich etwa, dass in großen Hauptschulklassen die Schüler häufiger Gewalt ausüben als in kleinen Hauptschulklassen. Dies ist ein nur für Hauptschulen zu berichtender Befund: In den anderen Schulformen ist die Schüleranzahl pro Klasse kein Faktor, der die Gewaltbereitschaft erhöht. Zudem zeigt sich, dass in Hauptschulen, in denen die Lehrkräfte eine hohe Interventionsbereitschaft zeigen, also bei Gewaltvorfällen in der Klasse oder auf dem Schulhof eingreifen, statt wegzuschauen, die Jugendlichen seltener selbst Gewalt ausüben. Das Schulklima wirkt sich also auf das Verhalten aus. Dies wiederum ist ein Befund, der nicht allein an Hauptschulen zu beobachten ist: In allen Schulformen senkt die Interventionsbereitschaft der Lehrkräfte die Gewaltbereitschaft.

Zusammenfassung und Folgerungen

Hauptschulen sind, unabhängig davon, welches Gebiet in Deutschland betrachtet wird, am stärksten durch Gewalt und Schulschwänzen belastet. Das gilt insbesondere im Vergleich mit Gymnasien. Diese Belastung ist jedoch nicht allein Resultat der Schulform selbst, sondern weitgehend Folge der spezifischen Probleme, welche die Schüler mit in die Schule bringen. Zu beachten ist allerdings, dass sich bei den multivariaten Auswertungen ein - wenn auch schwächer ausgeprägter - direkter Effekt des Hauptschulstatus gezeigt hat. Der Besuch der Hauptschule stellt für sich genommen unter ihren heutigen Rahmenbedingungen also einen Belastungsfaktor dar, der das Risiko von Jugendgewalt und Schulschwänzen in begrenztem Maß erhöht. Zur Erklärung dieses Befundes bieten sich Ansteckungs- und Verstärkungseffekte an, die sich durch die spezifische Zusammensetzung der Schülerschaft ergeben. Hauptschüler weisen im Vergleich zu Jugendlichen aus anderen Schulformen die mit Abstand höchste Quote von Freunden auf, die selbst delinquent sind, und treffen in der Schule auf einen hohen Anteil von gewaltorientierten Mitschülern. Da gerade die Jugendphase von einer wachsenden Orientierungsbereitschaft an Normen und Verhaltensweisen Gleichaltriger geprägt ist, trägt die Hauptschule aus diesen strukturellen Gründen zur Stärkung von Problemkarrieren bei. Die Freundesnetzwerke weisen dort aufgrund der vorangegangenen Selektion einen hohen Homogenitätsgrad auf, der sich problematisch auswirken kann.

Der oben angestellte Vergleich von Haupt- mit Integrierten Haupt- und Realschulen liefert einen ersten Beleg dafür, dass durch Änderung der Schulstruktur die Benachteiligungen von Hauptschülern gemindert werden können. Erneut erscheint allerdings der Hinweis darauf erforderlich, dass diese Befunde angesichts der geringen Zahl der verglichenen Schulen nicht ausreichen, um die These zu belegen. Und selbst wenn sie sich bestätigen sollte, bleibt eines zu beachten: Eine Reform der Schulstruktur kann bestenfalls einen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten, die die Schüler aus ihrer Familie oder ihrem sozialen Umfeld mitbringen. Wichtig erscheinen zwei andere Aspekte: Erstens wird entscheidend sein, ob ein Hauptschulabschluss Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt bietet. Nur wenn das sichergestellt ist, besteht die Chance, den eingangs beschriebenen Trend zur Vermeidung der Hauptschule zu stoppen und damit der zunehmenden Konzentration sozialer Randgruppen an diesem Schultyp entgegenzuwirken.

Zweitens müssen wir darauf reagieren, dass gerade die männlichen Hauptschüler im Durchschnitt an Schultagen 4,2 Stunden mit Medienkonsum verbringen und hierbei vor allem Computerspiele und Filme konsumieren, die von Gewaltexzessen geprägt sind. Ziel sollte es sein, den Nachmittag dieser Jugendlichen durch Angebote zu gestalten, die einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken. Ein Beispiel hierfür sind die in Bayern nach dem Vorbild Österreichs laufenden Modellversuche mit so genannten Musikhauptschulen, in denen nachmittags Instrumentalunterricht angeboten wird. Noch weiter geht das Bemühen verschiedener Bundesländer, das Konzept der Ganztagsschule gerade an Hauptschulen einzurichten, um durch eine Verstärkung sportbezogener und kultureller Angebote den vielfältigen Benachteiligungen entgegenzuwirken, die für Hauptschüler typisch sind. All diese Ansätze verbindet ein gemeinsames Ziel: Es geht darum, den Hauptschülern Perspektiven zu eröffnen, wie sie ihr Leben gewaltfrei und positiv gestalten können.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Wenn im weiteren Verlauf nur noch von Schülern die Rede sein wird, so sind immer Schülerinnen und Schüler gemeint.

  2. Vgl. Ernst Rösner, Das Schulsystem in Deutschland, Hamburg 1999, S. 51.

  3. Vgl. Peter Wetzels/Dirk Enzmann/Eberhard Mecklenburg/Christian Pfeiffer, Jugend und Gewalt. Eine repräsentative Dunkelfeldanalyse in München und acht anderen deutschen Städten. Baden-Baden 2001; Nicola Wilmers/Dirk Enzmann/Dagmar Schaefer/Karin Herbers/Werner Greve/Peter Wetzels, Jugendliche in Deutschland zur Jahrtausendwende: Gefährlich oder gefährdet?, Baden-Baden 2002.

  4. Vgl. Dirk Baier/Christian Pfeiffer/Michael Windzio/Susann Rabold, Schülerbefragung 2005: Gewalterfahrungen, Schulabsentismus und Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. Abschlussbericht über eine repräsentative Befragung von Schülerinnen und Schülern der 4. und 9. Jahrgangsstufe, KFN, Hannover 2006.

  5. Vgl. N. Wilmers u.a. (Anm. 3).

  6. Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung. Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Bielefeld 2006, S. 38.

  7. Vgl. Dirk Baier/Christian Pfeiffer, Gewalttätigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen - Befunde der Schülerbefragung 2005 und Folgerungen für die Prävention. KFN: Forschungsberichte Nr. 100, Hannover 2007.

  8. Vgl. Michael. R. Gottfredson/Travis Hirschi, A General Theory of Crime, Stanford 1990.

  9. Vgl. Dirk Baier, Abweichendes Verhalten im Jugendalter. Ein empirischer Vergleich verschiedener Erklärungsansätze, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, (2005) 25, S. 381 - 398.

  10. Vgl. Dirk Enzmann/Katrin Brettfeld/Peter Wetzels, Männlichkeitsnormen und die Kultur der Ehre, in: Dietrich Oberwittler/Susanne Karstedt (Hrsg.), Soziologie der Kriminalität, Wiesbaden 2003, S. 240 - 263.

  11. Vgl. Klaus Backhaus/Bernd Erichson/Wulff Plinke/Rolf Weiber, Multivariate Analysemethoden. Eine anwendungsorientierte Einführung, Berlin-Heidelberg-New York 200310.

  12. Vgl. Brigitta Goldberg, Freizeit und Kriminalität bei Achtklässlern mit und ohne Migrationshintergrund., in: Thomas Feltes/Christian Pfeiffer/Gernot Steinhilper (Hrsg.), Kriminalpolitik und ihre wissenschaftlichen Grundlagen. Festzeitschrift für Professor Dr. Hans-Dieter Schwind zum 70. Geburtstag, Heidelberg 2006, S. 861 - 892.

  13. Vgl. D. Baier u.a. (Anm. 4), S. 179ff.

Diplom-Soziologe, geb. 1976; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, Lützerodestr. 9, 30161 Hannover.
E-Mail: E-Mail Link: baier@kfn.uni-hannover.de

Prof. Dr., geb. 1944; Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.