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Der Sechstagekrieg


2.5.2007
Neue amerikanische und sowjetische Quellen zeigen, wie dramatisch die Entwicklung im Sechstagekrieg 1967 war. Die Sowjetunion drohte einzugreifen, während die USA ihre 6. Flotte ins östliche Mittelmeer beorderten.

Einleitung



Der Krieg begann am Morgen des 5. Juni 1967 mit einem Überraschungsangriff Israels gegen Ägypten und endete am 10. Juni mit einer vernichtenden Niederlage Ägyptens (bzw. der Vereinigten Arabischen Republik/VAR), Syriens und Jordaniens. Über Israels überwältigenden Sieg gibt es zahlreiche Erinnerungen[1] und etliche Darstellungen.[2] Wegen fehlender Quellen auf fast allen Seiten konnten wichtige Fragen bislang nicht beantwortet werden. Das hat sich nun mit Blick auf die USA und teilweise auch auf die Sowjetunion geändert. Im Jahre 2004 legte das Department of State in Washington den lang erwarteten Dokumentenband über den Sechstagekrieg vor, mit immerhin 542 Dokumenten.[3] Über die sowjetische Position gibt eine geheime Rede Aufschluss, die der Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, am 20. Juni 1967 vor dem Zentralkomitee seiner Partei hielt. Die deutsche Übersetzung - 65 Seiten - wurde im Parteiarchiv der SED aufbewahrt.[4] Hoch interessant sind darüber hinaus die vertraulichen Berichte der österreichischen Botschafter in Israel und Ägypten, die über Stimmungslage und Entscheidungsprozesse in diesen Ländern informieren.[5] Diese neu zugänglichen Dokumente zeigen, dass die Ereignisse damals um vieles dramatischer waren, als wir bislang gewusst haben.






Der Sechstagekrieg war im Kern die Fortsetzung des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948/49 und des Suezkrieges 1956. Das Ziel der arabischen Nachbarn war gleich geblieben: die Vernichtung des jüdischen Staates. Die Jahre seit dem Suezkrieg waren von Grenzzwischenfällen geprägt. Zur bis dahin schwersten Auseinandersetzung kam es am 7. April 1967, als die Israelis sechs syrische MIG-Kampfflugzeuge abschossen. Am 13. Mai warnte der Kreml die Regierungen in Damaskus und Kairo, Israel bereite für den 17. Mai einen Angriff gegen Syrien vor.[6]

Bis heute ist unklar, was die Sowjets mit dieser nachweislich falschen Information beabsichtigten. Wollten sie Ägyptens Regierungschef Gamal Abdel Nasser dazu bringen, seinen Beistandspakt mit Syrien zu aktivieren? Wollten sie ihren Einfluss im Nahen Osten auf Kosten der USA - die in Vietnam engagiert waren - ausweiten, womöglich mit dem Ziel, Israel zu zerstören? Möglicherweise wusste der amerikanische Geheimdienst CIA mehr. Am 9. Juni hieß es dort: "Wir glauben nicht, dass die Sowjets die Nahostkrise geplant oder ausgelöst haben. Der Krieg zwischen Israelis und Arabern und insbesondere die Niederlage Ägyptens in jenem Krieg waren Entwicklungen, die die Sowjetunion nicht gewünscht hat, anfangs nicht vorhergesehen und später nicht verhindern konnte." Klar war demnach allerdings auch, "dass die Sowjets seit Mitte Mai aktiv an dieser Krise beteiligt waren", allerdings auf keinen Fall direkt in den Krieg hineingezogen werden und es vor allen Dingen nicht zu einer direkten Konfrontation mit den USA kommen lassen wollten.[7]

Was von den Sowjets angestoßen worden war, erhielt in den folgenden Tagen durch Entscheidungen Nassers eine Dynamik, die in den Krieg führte. Am 14. Mai versetzte Nasser seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft, am 16. Mai stand die Armee seit sechs Uhr früh in höchster Bereitschaft. Gleichzeitig wurden in Ägypten Truppenbewegungen Richtung Suezkanal beobachtet. Am selben Tag forderte Nasser UNO-Generalsekretär U Thant auf, die seit 1957 auf der Sinai-Halbinsel und im Gazastreifen stationiertenUNO-Truppen (UNEF) abzuziehen.

Gut informierte Kollegen in Kairo berichteten dem österreichischen Botschafter Gordian Gudenus, dass "Nasser die Spannung den Arabern, den Großmächten, der UNO und - last not least - Israel gegenüber dramatisieren will, aber keinen ernsten Waffengang wünscht".[8] Als U Thant auf Nassers Forderung einging und den Befehl zum Abzug der UNO-Truppen gab, ging Nasser einen Schritt weiter und verkündete am 22. Mai die Blockade der Meerenge von Tiran für israelische Schiffe sowie für Schiffe anderer Staaten, die militärische Fracht für Israel an Bord führten. Ägyptische Truppen wurden in den Sinai verlegt. Nasser hatte sich "besorgniserregend festgelegt", wie aus Kairo berichtet wurde.[9]

Für Israel war die Blockade der Meerenge der casus belli. Das war seit 1957 bekannt. Es kam zu entsprechenden Reaktionen: demonstrative Kriegsvorbereitungen, Räumung von Zivilkrankenhäusern, Bereitmachung der Luftschutzräume und der unterirdischen Operationsräume. Am 28. Mai stellte Nasser auf einer Pressekonferenz klar, dass es bei der Krise "nicht um Fragen wie den Golf von Akaba und den Rückzug der UNEF, sondern um ein viel größeres Problem, nämlich die Aggression gegen das Volk von Palästina und die dauernden Bedrohungen gegen das arabische Volk" gehe. Und dann wiederholte er, dass die Gründung des Staates Israel "die erste Aggression gegen die Araber" gewesen sei.[10] Was wollte Nasser wirklich? Wollte er die Krise dazu nutzen, eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Israel zu erreichen, ging es ihm um Prestigegewinn in der arabischen Welt? Bei Abwägung aller verfügbaren Informationen auch seiner Kollegen in Kairo meinte der österreichische Botschafter: "Es gilt weiterhin, dass man die letzten Ziele Nassers nicht kennt und auch, dass ihm beim Spiel mit Zündhölzern ein Fehlgriff unterlaufen könnte."[11]


Fußnoten

1.
Vgl. Moshe Dajan, Die Geschichte meines Lebens, München 1976; Abba Eban, Personal Witness. Israel Through My Eyes, New York 1992; ders., An Autobiography, New York 1977; Yitzhak Rabin, The Rabin Memoirs, London 1979; Chaim Herzog, The Arab-Israel Wars, New York 1982; Frank Brenchley, Britain, the Six-Day War and its Aftermath, London 2005.
2.
Vgl. Richard B. Parker, The Politics of Miscalculation in the Middle East, Bloomington 1993; ders. (ed.), The Six-Day War: A Retrospective, Gainesville 1996; Haim Gordon (ed.), Looking Back at the June 1967 War, Westport 1999; Helmut Mejcher, Sinai, 5. Juni 1967. Krisenherd Naher und Mittlerer Osten, München 1998, S. 132-149; Jeremy Bowen, Six Days: How the 1967 War Shaped the Middle East, Eastbourne 2003. Vgl. auch die Beiträge auf der Website des Cold War International History Project (www.wilsoncenter. org/index.cfm?fuseaction = topics.home & topic_ id = 1409, 28.3. 2007) sowie in The Middle East Review of International Affairs. Vgl. auch Michael B. Oren, Six Days of War. June 1967 and the Making of the Modern Middle East, Oxford 2002, der erstmals amerikanische und auch einige israelische Quellen benutzen konnte. Kritisch zu Oren: Roland Popp, Stumbling Decidedly into the Six-Day War, in: Middle East Journal, 60 (2006), S. 281 - 309.
3.
Foreign Relations of the United States (FRUS), 1964-1968, Vol. XIX, Arab-Israeli Crisis and War, 1967, Washington, D.C. 2004.
4.
Vgl. die Rede des Gen. L. I. Breshnew auf dem Juniplenum (1967) des ZK der KPdSU "Über die Politik der Sowjetunion im Zusammenhang mit der Aggression Israels im Nahen Osten". Vertraulich. 20.6. 1967, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), DY30/IV2/1/362. Vgl. auch Stefan Meinung, Breshnews Geheimrede zum Juni-Krieg 1967, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat, 13 (2004), S. 110-118.
5.
Vgl. Rolf Steininger (Hrsg.), Berichte aus Israel, 13 Bde., München 2004.
6.
Vgl. L. Breshnew (Anm. 4), S. 12.
7.
Current Soviet Attitudes and Intentions in the Middle East, Memorandum Acting Chairman CIA's Board of National Estimates an CIA-Direktor Richard Helms, 9.6. 1967, FRUS (Anm. 3), Doc. 240. Anderer Ansicht im Sinne einer aggressiven sowjetischen Politik sind Isabella Ginor/Gideon Remez, Foxbats Over Dimona: The Soviets' Nuclear Gamble in the Six-Day War, New Haven, July 2007. Demnach ging es den Sowjets darum, die israelische Atomanlage Dimona zu zerstören; geplant war eine großangelegte Operation: Landung an der Küste Israels, Einsatz strategischer Bomber.
8.
Gordian Gudenus (Kairo) an Außenminister Lujo Toncic'-Sorinj (Wien), 19.5. 1967: Mittelostkrise, in: Berichte aus Israel (Anm. 5), Bd. 9, 1966-1968, Dok. 46.
9.
Gordian Gudenus (Kairo) an Außenminister Lujo Toncic'-Sorinj (Wien), 22.5. 1967: Besuch U Thants in Kairo, in: ebd., Dok. 47. Vgl. auch Moshe Schemesh, Arab Politics, Palestinian Nationalism and the Six Day War: The Crystallization of Arab Strategy and Nasir's Descent to War, 1957-1967, Eastbourne 2007.
10.
Gordian Gudenus (Kairo) an Außenminister Lujo Toncic'-Sorinj (Wien), 29.5. 1967: Pressekonferenz Präsident Nassers, in: Berichte aus Israel (Anm. 5), Bd. 9, 1966-1968, Dok. 50.
11.
Ebd.

 
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