Jugendkulturelle Orientierungen, Gewaltaffinität und Ausländerfeindlichkeit
Rechtsextremismus an Schulen in Sachsen-Anhalt
Wie sieht es aus mit rechten jugendkulturellen, gewaltaffinen und ausländerfeindlichen Orientierungen von Schülerinnen und Schülern im Alter von 14 bis 18 Jahren an Schulen? Eine aktuelle Befragung in Sachsen-Anhalt.I. Einleitung
Ausgelöst durch die breiten öffentlichen Debatten um fremdenfeindliche Gewalttaten sind im vergangenen Jahrzehnt im Kontext der Jugendforschung zahlreiche Untersuchungen zum Problem des Rechtsextremismus durchgeführt worden. Neben einigen wenigen qualitativen Studien zu einzelnen Szenen und Gruppierungen rechtsorientierter Jugendkulturen bzw. zum Ethnozentrismus bei Schülern [1] sind inzwischen eine Reihe von unterschiedlich breit angelegten Surveys zu rechtsextremen, gewaltaffinen und ausländerfeindlichen Orientierungen bei Jugendlichen in West- und Ostdeutschland realisiert worden, die jedoch zumeist nicht systematisch aufeinander bezogen sind und so selten Zeitreihenvergleiche und die Herausarbeitung längerfristiger Entwicklungstendenzen ermöglichen. [2]
Parallel dazu hat inzwischen eine umfassende theoretische Diskussion mit dem Ziel eingesetzt, nach Erklärungen für das Bedingungsfeld und die Genese rechtsextremer Einstellungen bei Jugendlichen insbesondere auch aus den neuen Bundesländern zu suchen. Als zentral haben sich modernisierungs-, deprivations- und sozialisationstheoretische Ansätze etabliert, die sich bislang vor allem mit den gesamtgesellschaftlichen Ursachen, den Einflüssen von Familie oder peers sowie individuellen Wertorientierungen auf die Herausbildung gewaltaffiner und fremdenfeindlicher Orientierungen bei Jugendlichen beschäftigt haben. Die Schule kam in diesem Zusammenhang bislang ausschließlich als Instanz der Integrationsverweigerung in den Blick: Jugendliche, die an die Sinnangebote der Schule nicht anschließen bzw. in der schulischen Leistungskonkurrenz nicht bestehen können, sind eher gefährdet, gewaltaffine und ausländerfeindliche Einstellungsmuster zu entwickeln. [3]
Wir wollen in diesem Beitrag an den vorab skizzierten Forschungsdefiziten ansetzen, indem wir zum einen längerfristige Entwicklungstrends im Bereich rechtsextremer jugendkultureller Orientierungen sowie ethnozentrischer und gewaltaffiner Einstellungsmuster bei Jugendlichen aus einem neuen Bundesland aufzeigen und zum anderen insbesondere nach der Relevanz schulischer Einflussfaktoren auf die Herausbildung rechtsextremer Einstellungen fragen. Genauer gesagt werden wir in einem ersten Schritt den Wandel rechter jugendkultureller, ethnozentrischer und gewaltaffiner Einstellungen bei Jugendlichen an Schulen in Sachsen-Anhalt im Zeitraum zwischen 1993 und 2000 aufzeigen und anhand von Zusammenhängen zwischen diesen Orientierungen verdeutlichen, mit welchem Ausmaß an rechtsextremen Orientierungen die Schulen konfrontiert sind. In einem zweiten Schritt werden wir das Vorkommen rechtsextremer Einstellungen unter Jugendlichen an den von uns untersuchten Schulen analysieren und auf dieser Grundlage hoch und niedrig belastete Schulen vergleichend in den Blick nehmen. Dabei stehen die schulorganisatorischen und schulklimatischen Bedingungen der Einzelschulen im Zentrum. In einem dritten Schritt untersuchen wir unter Rückgriff auf Materialien aus Gruppendiskussionen mit Schülern und Lehrern zwei Schulen näher, von denen eine einen relativ geringen und die andere einen hohen Anteil gewaltaffin und ausländerfeindlich eingestellter Jugendlicher unter ihren Schülern aufweist. Dabei geht es uns insbesondere um den alltäglichen Umgang der Schule mit dem Problem Rechtsextremismus sowie um Maßnahmen, welche die Schulen zu dessen Bekämpfung ergreifen. Abschließend formulieren wir auf der Basis der Ergebnisse einige Handlungschancen für Schulen im Umgang mit Rechtsextremismus.
Fußnoten
- Vgl. Ralf Bohnsack u. a., Die Suche nach Gemeinsamkeit und Gewalt in der Gruppe: Hooligans, Musikgruppen und andere Jugendcliquen, Opladen 1995; Stefanie Würtz, Wie fremdenfeindlich sind Schüler? Eine qualitative Untersuchung über Jugendliche und ihre Erfahrungen mit dem Fremden, Weinheim-München 2000; Roland Eckert/Christa Reis/Thomas A. Wetzstein, "Ich will halt anders sein als die anderen." Abgrenzung, Gewalt und Kreativität bei Gruppen Jugendlicher, Opladen 2000; Kurt Möller, Rechte Kids, Weinheim-München 2000.
- Vgl. Wilhelm Heitmeyer u. a., Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus, Weinheim-München 1995; Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.), Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey", Opladen 1995; Corinna Kleinert/Winfried Krüger/Helmut Willems, Einstellungen junger Deutscher "gegenüber ausländischen Mitbürgern und ihre Bedeutung hinsichtlich politischer Orientierung. Ausgewählte Ergebnisse des DJI-Jugendsurvey 1997, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31/98, S. 14-27; Arthur Fischer/Werner Fuchs-Heinritz/Richard Münchmeier, Jugend in Deutschland, 13. Shell-Jugendstudie, Opladen 2000.
- Vgl. Christian Seipel/Susanne Rippl, Ansätze der Rechtsextremismusforschung - Ein empirischer Theorienvergleich, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, (2000), S. 303-318.

