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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2001)

Neue Formen gespaltener Elternschaft


Matthias Kettner
Inhalt

Einleitung

I. Fortpflanzungsmedizin und "Reprogenetik"

II. Leiblichkeit und Gesellschaft

III. Gender-Asymmetrien in der Bewertung gespaltener Elternschaft

IV. Keine Experimente! Oder vielleicht doch?

V. Kinderwunsch und Kernfamilie

VI. Dialektik der Reprogenetik

I. Fortpflanzungsmedizin und "Reprogenetik"
Die Praxis der menschlichen Fortpflanzung gehört sicher zu den kulturell sehr deutlich als "normal" und "natürlich" ausgezeichneten Gegebenheiten. Aber gerade diese Praxis erfährt durch die Fortpflanzungsmedizin Veränderungen, die den Anschein unmittelbarer Natürlichkeit auflösen und absichtsvolles ("intentionales") Handeln ermöglichen, wo das biologische Geschehen bislang kaum ernsthafte Wahlmöglichkeiten geboten hatte.

Insbesondere in drei Bereichen haben sich solche Veränderungen bereits mit massiven sozialen Folgen ausgeprägt: bei der Geburtenkontrolle, der assistierten Fortpflanzung und der vorgeburtlichen Gesunderhaltung.

Geburtenkontrolle kann nur fortpflanzungsfähige, assistierte Fortpflanzung nur fortpflanzungswillige Personen betreffen. Vorgeburtliche Gesunderhaltung beinhaltet die vorgeburtliche Diagnostik von medizinisch feststellbaren Störungen und deren Behandlung, sofern sie "Krankheitswert" haben und betrifft daher zunächst die werdenden Kinder und ihre leiblichen Mütter. In einem weiten Sinne aber betrifft der Auftrag der Gesunderhaltung sämtliche Personen, die so in den Fortpflanzungsprozess einbezogen sind, dass Mediziner sich für zuständig halten dürfen - z. B. die werdenden leiblichen Väter.

Geburtenkontrolle entkoppelt sexuelles Begehren und Fortpflanzung, assistierte Reproduktion befreit gleichsam den Kinderwunsch von der Naturlotterie der Fortpflanzungsfähigkeit und vorgeburtliche Gesunderhaltung befreit die Fortpflanzung von der Naturlotterie der erwünschten und der unerwünschten Merkmale (z. B. erblichen Krankheiten). In diesen drei Feldern der Befreiung von naturwüchsiger Begrenzung liegt das ambivalente Anwendungspotenzial der Fortpflanzungsmedizin.

Einen Einschnitt in der Geschichte der Fortpflanzungsmedizin kann man im Bereich Geburtenkontrolle mit der Empfängnisverhütung durch die Pille in den frühen sechziger Jahren ansetzen, in vorgeburtlicher Gesunderhaltung mit der Etablierung routinemäßiger vorgeburtlicher Massenuntersuchungen ("Screenings") seit den fünfziger Jahren, die anfangs nur mit bildgebenden Ultraschallverfahren arbeiteten und sich heute zunehmend auch molekulargenetischer Methoden bedienen, und schließlich im Bereich assistierter Fortpflanzung mit der "künstlichen Befruchtung" Ende der siebziger Jahre. Für alle drei Bereiche gilt, dass die Anwendung neuer Techniken der Fortpflanzungsmedizin bislang stets noch ihrer moralischen Reflexion bemerkenswert weit vorausgeeilt ist. Zudem sind die ethischen Aspekte der Fortpflanzungsmedizin anfangs nur innerhalb der Profession erörtert worden, bevor die kontroverse Diskussion diese Schranken sprengen und eine öffentliche werden konnte. Erinnert sei an die breite, besonders von den christlichen Kirchen angefachte Kontroverse über die Pille. Seit 1978, nach der Geburt des ersten "Reagenzglas-Babies" (Louise Joy Brown) wurde auch die In-vitro-Fertilisation (IVF) mehr und mehr zum Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit - und der Massenmedien, eine Tatsache, die Art und Verlauf der öffentlichen Debatte nachhaltig beeinflusst hat [2] .

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf neue Möglichkeiten der Diagnose und Therapie. Die Stichworte sind hier die genetische pränatale Diagnostik [3] , die Präimplantationsdiagnostik (PID) [4] und die genetische (entweder somatische oder Keimbahn-)Therapie. Diese Aufmerksamkeit hat viele Gründe. Die wichtigsten liegen wohl im erfolgreichen Abschluss der ersten Etappe des Humangenomprojekts im letzten Jahr, in der lautstarken Publicity der Propheten der "molekulargenetischen Revolution der Medizin" und in der zwiespältigen Faszination, die für die meisten Menschen in der Vorstellung des Klonierens [5] liegt und auch durch Beschwichtigungssemantiken (wie z. B. die Unterscheidung von "therapeutischem" versus "reproduktivem" Klonen in der Debatte über die Stammzellforschung) nicht abgekühlt werden kann.

Die meisten Gesellschaften, in denen reproduktionsmedizinische Techniken für die Bevölkerung zugänglich sind, sind pluralistische Gesellschaften: Die Bürger solcher Gesellschaften haben sehr unterschiedliche Auffassungen sowohl über die wünschenswerten technischen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin wie auch über die normativ zulässigen Grenzen ihrer legitimen Anwendung, Verfügbarmachung und Normalisierung. Der Pluralismus solcher Auffassungen hängt von vielfältigen Faktoren ab, z. B. vom Informationsniveau der Bevölkerung, von den jeweils vorherrschenden (z. B. religiösen) Weltbildern, von bestimmten Vorstellungen über die Natur menschlichen Lebens und der menschlichen Person, von persönlichen Interessen und - nicht zu vergessen - vom Grad der persönlichen Betroffenheit der Einzelnen. Ungewollt kinderlose Paare denken oft ganz anders über die Fortpflanzungsmedizin als alleinstehende Menschen, als gewollt kinderlose Paare und als Eltern. Eltern von Kindern mit genetisch verursachten schweren Beeinträchtigungen denken anders als Eltern von Kindern, die solche Beeinträchtigungen nicht haben. Und "jüngere" werdende Mütter (unter 35 Jahren) denken wiederum anders als "ältere", denen die Fortpflanzungsmedizin "Risikoschwangerschaften" attestiert [6] .

Eine Begleiterscheinung dieser Debatten sind Veränderungen im Selbstverständnis der Medizin. Ist heute allgemein eine gewisse Aufweichung der Begriffe Krankheit und Therapie vom Bezug auf Heilung oder Besserung bestimmter Leiden zu beobachten, so gilt dies für die Fortpflanzungsmedizin in besonderem Maße. Deren neue Techniken werden immer häufiger als medicine du désir angesehen, das heißt als wunscherfüllende (statt Krankheiten behandelnde) Medizin - ein Bedeutungswandel mit gesellschaftlichen Folgen von beträchtlicher, heute erst andeutungsweise kenntlicher Tragweite, der sich auch auf unser herkömmliches Vorverständnis der Rollen von Arzt und Patient auswirkt.

Auch im Selbstverständnis innerhalb der Fortpflanzungsmedizin vollzieht sich ein Wandel. Der in Princeton lehrende Molekularbiologe Lee Silver hat ihn in seinem lesenswerten Buch als die Geburt einer neuen Mischdisziplin, genannt "Re-progenetik", beschrieben [7] . Reprogenetik meint das Zusammenwachsen von Humangenetik und Fortpflanzungsmedizin. Ein humanbiotechnologisches Feld mit großen gesellschaftlichen Konsequenzen ist im Entstehen begriffen. Von den vielfältigen Problemwahrnehmungen, die in diesem Feld entspringen, kann ich im Folgenden nur einen kleinen Ausschnitt behandeln: Mich interessieren Formen gespaltener Elternschaft, die derzeit von der Öffentlichkeit als moralisch (oder sonstwie) problematisch wahrgenommen werden.
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10. Februar 2012
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Gentechnik - Biopolitik
Editorial
Forschung an humanen Stammzellen: ethische und juristische Grenzen
Die Stammzellforschung - Sachstand und ethische Problemstellungen
Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik
Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik
Neue Formen gespaltener Elternschaft
Fortpflanzungsmedizin im europäischen Rechtsvergleich
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