Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Arbeitsmaterialien Medien
Aus Politik und Zeitgeschichte
AV-Medienkatalog
CD-ROM/ CD/ DVD
Einzel-
publikationen
Entscheidung im Unterricht
Filmhefte
fluter
HanisauLand
Informationen zur politischen Bildung
Info aktuell
Internet-Angebote
Mobile Angebote
Karten
Pocket
Rechtsreihe
Schriftenreihe
Spicker Politik
Thema im Unterricht
Themenblätter im Unterricht
Themen und Materialien
Zeitbilder
Spiele
Sonstige
Was geht?
Suche
Veranstaltungen
Wissen
Lernen


Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2001)

Neue Formen gespaltener Elternschaft


Matthias Kettner
Inhalt

Einleitung

I. Fortpflanzungsmedizin und "Reprogenetik"

II. Leiblichkeit und Gesellschaft

III. Gender-Asymmetrien in der Bewertung gespaltener Elternschaft

IV. Keine Experimente! Oder vielleicht doch?

V. Kinderwunsch und Kernfamilie

VI. Dialektik der Reprogenetik

IV. Keine Experimente! Oder vielleicht doch?
Stellen wir uns vor, der Cartoonist hätte einen Text gewählt, der nicht die biologisch markierten Formen gespaltener Elternschaft verblüffend auffällig macht, sondern gerade die sozial markierten Formen:

"Das ist deine Halbschwester aus der ersten Ehe deiner Mutter, bevor wir dich adoptiert haben. Und hier ist dein Stiefbruder aus der zweiten Ehe deines Vaters. Und das ist, glaube ich, der Sohn der dritten Frau deines Vaters mit ihrem ersten Mann, oder nein, warte mal, vielleicht der Stiefbruder, den der dritte Mann deiner Mutter mit in die Ehe gebracht hat . . . oder . . . ich weiß nicht . . . vielleicht auch nur ein Freund."

Warum ist das so wenig witzig? Offenbar haben wir uns schon daran gewöhnt, dass ein Chaos von sozial aufgespaltener Elternschaft für Erwachsene und Kinder keine Katastrophe sein muss, oder, wenn man so will, als eine "ganz normale Katastrophe" zu gelten hat [14] . Der soziohistorische Wandel (u. a. der Arbeitsverhältnisse, der Lebenserwartung und der Vorstellungen von guten und schlechten Weisen der individuellen und der gemeinschaftlichen privaten Lebensführung), der zuletzt wohl aus demoskopischen und ökonomischen Faktoren erklärt werden muss, treibt offenbar soziale Experimente mit neuen, um öffentliche Anerkennung konkurrierenden Formen der individuellen Lebensführung und der Lebensgemeinschaften hervor. Daher ist folgendes zu vermuten: Das Experimentieren auf fortpflanzungsbiologischer Ebene ist nur zu einem Teil für die Zukunftsängste verantwortlich, die sich auf die Brüchigkeit zivilisatorischer Standards der Fortpflanzung unter Menschen richten (z. B. die notorischen "Menschen nach Maß" und "Designer-Babies"). Erst die Kombination dieser biologischen Ebene mit dem zweiten, spezifisch sozialen Experimentierfeld von neuen, vom Modell der durchs Eheverhältnis sanktionierten bürgerlichen Familie abweichenden Formen der Lebenspartnerschaft alarmiert viele Menschen. Im Zentrum steht nicht die Angst, die menschliche Biologie laufe sozusagen aus dem Ruder, sondern im Zentrum stehen die mitmenschlichen Lebensformen.

Einen Beleg für diese Vermutung bieten derzeit in mehreren europäischen Ländern die heftigen Kontroversen über die Gleich(er)stellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit den ehelichen Lebenspartnerschaften, wie wir sie kennen. In Deutschland entzündete sich diese Kontroverse an einem inzwischen umgesetzten Entwurf der Rot/Grünen Koalition für ein entsprechendes Antidiskriminierungsgesetz. Die konservative Kritik richtet sich gegen diesen Entwurf vorzugsweise mit der Unterscheidung nachwuchsfähiger vs. nichtnachwuchsfähiger Lebenspartnerschaften, strich die Gemeinschaftsleistung der ersteren heraus und prangerte die eheliche Gleichstellung als eine ungerechte Vergeudung von öffentlichem Schutz und öffentlicher Förderung an, auf die nur die Familien einen berechtigten Anspruch hätten [15] . Ob die konservative Kritik einen Wahrheitsgehalt hat, kann hier nicht diskutiert werden. Ihre rhetorische Wirksamkeit jedenfalls bezieht sie vor allem aus einem Affekt gegen Experimente mit den konventionell herrschenden Normierungen von Ehe, Elternschaft und Familienleben. Eine Projektionsfläche für diesen Affekt böte der Cartoon in einer dritten Variante, für die wir uns die folgende Bildunterschrift vorstellen könnten:

"Das ist der Genetiker mit deinem Schwesterchen, als ihr beide noch im Chimärenstadium wart. Hier sind wir bei der präimplantationsdiagnostischen Geschlechterwahl. Das hier ist der Mann, dessen Samen Cheryl und ich uns gekauft haben, und hier siehst Du uns, wie wir gerade unsere Lebenspartnerschaft registrieren lassen." [16]

Gerade die Kinderwünsche von Paaren, die nicht den vorherrschenden Normalitätsstandards der heterosexuellen Paarbeziehung entsprechen, treffen bekanntlich weithin auf starke Vorurteile. Die Stigmatisierung homosexueller Lebensformen überträgt sich auch auf den Kinderwunsch homosexueller Paare. Zur Rationalisierung - im psychodynamischen Sinne von angeblich rationalen Gründen - eignet sich einmal mehr das Argument vom Kindeswohl: Kinder homosexueller Paare würden in ihren Entwicklungschancen benachteiligt. Aber anscheinend gibt die Empirie solchen Befürchtungen nicht Recht - es sei denn in der Form, dass die Mitwelt selber reaktiv die Beeinträchtigung des Kindeswohls bewirkt, die sie der homosexuellen Lebensform anlastet [17] .
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
10. Februar 2012
Druck-Version
Artikel versenden
Inhalt
Bild vergrößern
Gentechnik - Biopolitik
Editorial
Forschung an humanen Stammzellen: ethische und juristische Grenzen
Die Stammzellforschung - Sachstand und ethische Problemstellungen
Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik
Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik
Neue Formen gespaltener Elternschaft
Fortpflanzungsmedizin im europäischen Rechtsvergleich
Lexikonsuche
Suchwort:
Lexika:
Aus Politik und Zeitgeschichte
Biopolitik
Biopolitik
Die Neuerungen auf den Gebieten der Bio- oder Nanotechnologie haben die Frage nach möglichen Grenzen wissenschaftlichen Handelns aufgeworfen. Aber was nützt ein Verbot in Deutschland, wenn gen- und biotechnische Forschungen überall sonst erlaubt sind?
Biopolitik