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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2001)
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Neue Formen gespaltener Elternschaft |

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Matthias Kettner
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VI. Dialektik der Reprogenetik |
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Die bis hierhin skizzierte kulturwissenschaftliche Theorie macht eine eigentümliche Entwicklungstendenz deutlich, die man als die Dialektik der Reprogenetik bezeichnen könnte. Diese Dialektik besteht in folgendem Zusammenhang:
In der assistierten Fortpflanzung und vorgeburtlichen Gesunderhaltung, bestätigt die Reprogenetik zunächst positiv die europäisch-moderne Ausprägung der Kernfamilie. Im Fortgang ihres Fortschritts ermöglicht die Reprogenetik dann eine immer stärkere Individualisierung des Kinderwunschs. Die Individualisierung des Kinderwunschs aber kehrt sich tendenziell gegen die gängige Ausprägung der Kernfamilie. Denn im Zuge dieser Individualisierung werden die biologisch zur Elternschaft nötigen Komponenten frei wählbar. Indem die biologisch zur Elternschaft nötigen Komponenten frei wählbar werden, entstehen Anreize für soziale Experimente mit der Auflockerung der kulturell standardisierten Gattenbeziehung. Eine erreichte Integrationsform für die Ordnung der Familie verliert ihre Ausschließlichkeit, die doch als die "natürliche Form" der einheitlichen, unaufgespaltenen Familie unverlierbar erschien, und wird historisch kontingent.
Die zur Fortpflanzung biologisch nötigen Komponenten - nennen wir sie die Radikale der Elternschaft - sind schnell aufgezählt: Eine Eizelle oder ein Eizellenkern, eine Samenzelle oder ein Samenzellkern und ein austragender mütterlicher Organismus (Mutterleib).
Als "Individualisierung des Kinderwunschs" kann man mehreres bezeichnen: Erstens die Behebung von Fortpflanzungsstörungen des Mannes oder der Frau im individuellen Fall. Zweitens die am Willen des individuellen Paars orientierte, positiv oder negativ eugenische Merkmalsselektion beim Nachwuchs. Und drittens - für die von mir skizzierte Dialektik der Fortpflanzungsmedizin sicher die wichtigste Lesart - die Emanzipation der Elternschaft von der Gattenbeziehung.
Die Angst, dass die Reprogenetik die soziale Ordnung der Familie zerstört, begleitet diese Emanzipation. In dieser Angst wird die Ordnung der Familie überhaupt (um deren Fortbestand kein Grund zur Sorge besteht) kurzschlüssig gleichgesetzt mit einer ganz bestimmten historischen Ausprägung dieser Ordnung.
Keine Beschreibung von Emanzipation ohne die Beschreibung ihrer Kehrseite: Die Individualisierung der Fortpflanzung mag neue Formen gespaltenere Elternschaft ermöglichen, von denen einige es durchaus Wert sind, gesellschaftlich ausprobiert zu werden. Sie setzt aber voraus oder begünstigt zumindest die Technisierung und Instrumentalisierung von Frauen
. Allgemeiner und deshalb womöglich noch schwerer wiegen ihre heute schon im Ansatz spürbaren Auswirkungen auf die wichtigsten leibseelischen Bindungsmomente, die im Wunsch nach dem "eigenen Kind" eigentlich das Eigene ausmachen. Bindungsmomente, von deren Wichtigkeit wir derzeit noch überzeugt sind (Besamung, Schwangerschaft, Geburt), werden zunehmend abhängig von vermittelnden Kontrollbedingungen. Denn die Reprogenetik macht die biologischen Radikale der Elternschaft nicht nur frei wählbar. Sie macht sie dadurch auch kulturell normierbar. Die Bereiche Geburtenkontrolle und vorgeburtliche Gesunderhaltung nehmen in der Fortpflanzungsmedizin eine neue und ominöse Bedeutung an.
Im Kampf um die Anerkennung als die "normale", lebbare und schützenswerte Form von Elternschaft vertieft sich die Spaltung zwischen denen, die die Bindungsmomente von der kulturellen Norm der Gesundheit möglichst wenig abhängig gemacht sehen wollen, und anderen, die das Gegenteil wünschen. Dort dominiert der Wunsch nach dem eigenen Kind. Hier wird in diesem Wunsch vorrangig, dass es gesund sein soll. |
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10. Februar 2012
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Aus Politik und Zeitgeschichte |
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Biopolitik
Die Neuerungen auf den Gebieten der Bio- oder Nanotechnologie haben die Frage nach möglichen Grenzen wissenschaftlichen Handelns aufgeworfen. Aber was nützt ein Verbot in Deutschland, wenn gen- und biotechnische Forschungen überall sonst erlaubt sind? |
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