Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland
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Neubeginn


5.8.2010
In Deutschland zu bleiben war für viele Juden in der Nachkriegszeit eine schwierige Entscheidung, die durch antisemitische Vorfälle immer wieder in Frage gestellt wurde. Dennoch etablierten sich jüdische Gemeinden. Seit 1990/91 erhalten sie Zuwachs durch osteuropäische Einwanderer, deren Integration eine aktuelle Aufgabe ist.

Festaktes zur Einweihung der Synagoge Beith-Schalom in Speyer. 73 Jahre nach der Zerstoerung der frueheren Synagoge von Speyer wird 2011 das neue juedische Gotteshaus in der Stadt mit einem Festakt eroeffnet.Festaktes zur Einweihung der Synagoge Beith-Schalom in Speyer. 73 Jahre nach der Zerstoerung der frueheren Synagoge von Speyer wird 2011 das neue juedische Gotteshaus in der Stadt mit einem Festakt eroeffnet. (© dapd, Foto: Ronald Wittek)

Überlebende in den DP-Camps



Noch bevor das NS-Regime am 8. Mai 1945 endgültig besiegt war, hatte sich am 11. April 1945 in dem von den Alliierten befreiten Köln wieder eine jüdische Gemeinde zusammengefunden. Gleiches geschah in anderen Großstädten nach dem Ende der NS-Diktatur. Diese anfänglichen Gemeinden bildeten sich aus den circa 12000 jüdischen Partnern der "Mischehen", ungefähr 8000 deutschen Juden, die den Konzentrationslagern entkommen waren, maximal 3000 jüdischen Männern und Frauen, die im Untergrund überlebt hatten, sowie einigen Hundert Rückkehrern aus dem Exil. Hinzu kamen als eine besondere Gruppe die jüdischen Displaced Persons (DPs).

DPs nannte die UNO die rund 13,5 Millionen Menschen, die vom NS-Regime als Arbeitssklaven, "Hilfswillige" oder als KZ-Häftlinge aus ihrer Heimat verschleppt worden waren und nach Kriegsende in Europa nicht dorthin zurückkehren konnten oder wollten. Unter ihnen befanden sich etwa 50000 jüdische Überlebende der Konzentrationslager. Sie lebten zumeist in eigenen DP-Camps, um nicht mit ihren ehemaligen KZ-Peinigern zusammenzutreffen, von denen einige sich ebenfalls unter den DPs befanden. In die jüdischen DP-Camps, die vorwiegend in der amerikanischen Besatzungszone in Süddeutschland eingerichtet wurden, kamen auch jüdische Überlebende, die vor den antisemitischen Aktionen in osteuropäischen Ländern nach 1945 in den Westen geflohen waren. Auf diese Weise stieg die Zahl der in diesen Camps Lebenden bis zum Oktober 1946 auf circa 141000 Menschen. Sie wollten jedoch zumeist nicht in Deutschland bleiben, sondern versuchten, in die USA oder nach Palästina bzw. Israel auszuwandern.

Selbstorganisation jüdischer Komitees

Obgleich das Leben in einem Camp nicht dazu angetan war, die psychischen Folgen der Konzentrationslagerhaft möglichst rasch zu überwinden, zeugen die kulturellen und sozialen Aktivitäten in den DP-Camps von einem außerordentlichen Optimismus. Es entstanden Sportvereine, Volkshochschulen und Schulen, Zeitungen, Theater- und Gesangsgruppen. Mehrere jüdische Religionsschulen (Jeschiwen) wurden gegründet und Oberrabbinate eingerichtet. Es war eine autonome Kultur, die auf der jiddischen Sprache basierte und kaum etwas mit der deutsch-jüdischen Kultur vor 1933 zu tun hatte. Vom Vertrauen in die Zukunft des jüdischen Volkes zeugt vor allem die hohe Geburtenrate in den DP-Camps. Die aus demokratischen Wahlen hervorgegangenen Komitees nahmen die Selbstverwaltung in die Hand. Im Juni 1945 bildete sich ein "Vereinigter zionistischer Verband", und am 1. Juli 1945 konstituierte sich ein Zentralkomitee der befreiten Juden in der amerikanischen Besatzungszone.

Quellentext

Nach dem Konzentrationslager

Julius Spokojny stammte aus Polen und überlebte verschiedene Konzentrationslager, bis er im April 1945 in Buchenwald befreit wurde. Er setzte sich nach Unterfranken ab und wurde in das Lager Landsberg verlegt. Spokojny blieb in Augsburg und wurde 1952 Vorstandsmitglied, 1963 erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Augsburg. 1991 ist er verstorben.
Dann verließen wir sofort Buchenwald und gingen nach Wildflecken in Unterfranken. In Wildflecken, bei Bad Brückenau, waren wir eingesperrt. Wir durften das Lager nicht verlassen, weil sich ehemalige Häftlinge aus den Dörfern Lebensmittel verschafft hatten. Sogar die Jüdische Brigade (eine von den Briten aufgestellte Truppe jüdischer Soldaten aus Palästina, Red.), die gekommen war, um uns zu besuchen, hat man nicht hereingelassen. Die amerikanische Verwaltung hat das Lager richtig abgesperrt.
[...] Die Wohnbedingungen waren unbeschreiblich: zehn bis fünfzehn Personen in einem Zimmer. Um alles mussten wir fragen. Wenn es einen Apfelbaum auf dem Lagergelände gab, mussten wir erst fragen, ob wir die Äpfel pflücken dürfen - so sah die Freiheit aus, nach allem, was wir mitgemacht hatten.

Michael Brenner, Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945 - 1950, München 1995, S. 130f.


Quellentext

Rückkehr nach Stuttgart

Josef Warscher wuchs in Stuttgart auf und verbrachte fünf Jahre im KZ Buchenwald. Im Mai 1945 kehrte er nach Stuttgart zurück. Warscher gehörte zwischen 1945 und 1960 dem Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft an.
[...] Also von wegen Empfangskomitee oder so - null. [...] Der Bus hat uns im Osten der Stadt abgesetzt - und da war ich eben. Es ist schon komisch, Sie steigen in irgendeinem Stadtteil aus, stehen mitten auf der Straße und fragen sich, was jetzt? Ich kam heim, und es gab kein Heim mehr. Die ersten Nächte in Stuttgart habe ich in einer Schule verbracht, in einem Klassenzimmer geschlafen. Dann sind wir zum Wohnungsamt gegangen. Schließlich erhielten wir eine beschlagnahmte Nazi-Wohnung zugewiesen, die war vollständig eingerichtet. Dort wohnten wir zu dritt. [...]
Ich habe ungefähr zwei Jahre gebraucht, bis ich fähig war, wieder in ein Café oder Restaurant hineinzugehen. Es gab da eine unsichtbare Wand. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Kontakt mit der nichtjüdischen Bevölkerung aufnehmen konnte.

Michael Brenner, Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945 - 1950, München 1995, S. 162 - 164


Quellentext

In Deutschland bleiben

Auszüge aus einem Gespräch mit Isaac Wasserstein
Heenen-Wolff: Mit welcher Geschichte auf dem Rücken sind Sie nach Deutschland gekommen?
Wasserstein: Ich bin 1921 in Warschau geboren. Bei der ersten Aussiedlung 1942 aus dem Warschauer Ghetto hat man mich in einen Waggon verfrachtet. [...] Und in Deutschland war ich dann bis 1945 in verschiedenen KZs, in Todeslagern. Und Ende des Krieges, Ende April 1945, als wir befreit wurden, waren wir dann in der Nähe von Schongau in einer Kaserne. Dann sind wir nach Garmisch-Partenkirchen gebracht worden. Es gab dort große Militärlager von der Wehrmacht, von der SS [...]. Das war ein Sammelpunkt für viele ausländische Fremdarbeiter. Und von dort hat man die Leute verteilt [...] und ein kleiner Teil, ungefähr tausend Leute, ist erst mal in Garmisch geblieben.
Heenen-Wolff: Haben Sie daran gedacht, nach Polen zurückzugehen?
Wasserstein: Nein. [...] Ich hatte verstanden, dass niemand von meiner Familie lebt. [...] Somit hatte ich dort nichts mehr zu suchen. Ich bin [...] als Fünfundzwanzigjähriger, allein, 1945, in GarmischPartenkirchen stehengeblieben. Ich konnte die Sprache nicht richtig, es gab keine Zukunft, es gab keine Verwandtschaft, es gab überhaupt keine Bindungen.
Heenen-Wolff: Sie wissen ja sicher, dass nach der Schoah [...] Juden in aller Welt davon ausgingen, dass sich kein Jude mehr in Deutschland niederlassen würde. Haben Sie das damals gewusst?
Wasserstein: Ja. [...] Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass ich selber in Deutschland bleiben würde. [...] Meine Frau ist deutsche Jüdin, hat alles mitgemacht, KZ usw. Wir haben '46 geheiratet. Da sie die deutsche Sprache beherrschte und gefühlsmäßig mehr an Deutschland gebunden war, haben wir [die Ausreise] verschoben. Wir wollten quasi die Letzten sein. [...] Aber ich darf Ihnen dazu sagen, [...] das ist auch unsere Schande heute, die meiner Frau und die meinige, dass uns aus verschiedenen Gründen nicht gelungen ist, aus Deutschland herauszukommen.

Susann Heenen-Wolff (Hg.), Im Haus des Henkers. Frankfurt/M. 1992, S. 180-185


In Erwartung der Auswanderung nach Palästina/Israel entstanden Hachschara-Kibbuzim. In diesen Ausbildungslagern, die von 1945 bis 1948 existierten und von denen es allein in Bayern über 30 gab, wurden die Überlebenden auf ihr Leben in Palästina vorbereitet. Am bekanntesten war der "Kibbuz auf dem Streicher-Hof". Vor 1945 hatte der Hof, auf dem 150 Überlebende ausgebildet wurden, dem NS-Gauleiter von Franken, Julius Streicher, gehört; er hatte den "Stürmer", eines der übelsten antisemitischen Blätter, herausgegeben. Für die Hachschara-Kibbuzim gab es eine eigene Zeitung in jiddischer Sprache: "Landwirtszaftlicher Wegwajzer".

Die meisten jüdischen DPs (1947 rund 118000 von 133000) wollten nicht in Deutschland bleiben, sondern wünschten die Auswanderung nach Palästina und die Gründung eines eigenen jüdischen Staates. Doch die antijüdische Palästinapolitik Großbritanniens verhinderte zunächst eine Realisierung dieses Vorhabens. Erst die Gründung des Staates Israel im Mai 1948 brachte das Ende des Lagerlebens. Von April bis Oktober 1949 ging die Zahl der jüdischen DPs von 165000 auf 30000 zurück; 1952 waren es noch 12000. 1957 wurde mit Föhrenwald, heute ein Stadtteil von Wolfratshausen in Oberbayern, das letzte DP-Lager geschlossen. Die in der Bundesrepublik Deutschland verbliebenen 12000 bis 15000 DPs, die weitgehend aus osteuropäischen Ländern stammten, und eine ebenso große Zahl deutscher Juden, die die Shoah überlebt hatten, bildeten die Keimzelle für die wieder entstehenden jüdischen Gemeinden in Deutschland.



 

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