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Die Illusion des freien Willens - Essay


16.10.2008
Wie lebt es sich mit dem Bewusstsein, dass Willensfreiheit nur eine Illusion ist? Wir können so tun, als ob wir uns frei entscheiden, und im Alltag spielt das Problem keine Rolle.

Einleitung



Vor einigen Jahren vergaß ein junger Amerikaner seine kleine Tochter im Auto. Statt sie, wie täglich auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, im Kinderhort abzuliefern, hatte er sie mitgenommen und im Auto gelassen. Der Säugling erstickte im geschlossenen Wagen, der den ganzen Tag bei gleißender Hitze auf einem Parkplatz stand. Das ist eine schreckliche Begebenheit. Natürlich wird man den Mann als verantwortungslosen Vater verachten, aber er hat auch Mitleid verdient. Nehmen wir an, dass er kein schlechter Mensch ist und seinem Kind die übliche väterliche Zuneigung entgegenbrachte, dann ist er durch dieses furchtbare Ereignis für den Rest seines Lebens bestraft.






Was war geschehen? Aus irgendwelchen Gründen muss der Mann an jenem Tag geistesabwesend, mit etwas gedanklich so stark beschäftigt gewesen sein, dass alles andere - selbst sein kleines Kind - vorübergehend aus seinem Kopf verschwand. Er hatte gewiss nicht die Absicht, seine Tochter zu gefährden, war aber auch nicht im Stande, so zu handeln, dass das Kind unversehrt blieb. Von freiem Willen wird man dabei jedenfalls nicht reden können. Möglicherweise wäre es dem Mann ein - sehr schwacher - Trost, zu wissen, dass er nicht "frei" gehandelt hat.

Wohl jeder kennt andere, viel harmlosere Beispiele, die ebenfalls Zweifel daran aufkommen lassen, dass der Mensch kraft seines freien Willens handelt. Freilich, die meisten bekamen schon in der Schule zu hören, dass der Mensch mit Verstand und einem freien Willen ausgestattet sei, was ihn unter allen Lebewesen auszeichne. Und im Allgemeinen glauben wir auch, dass wir uns frei entscheiden, zwischen Alternativen frei wählen können. Aber können wir das wirklich? Viele Hirnforscher verneinen das. Jeder Mensch sei, meint zum Beispiel Wolf Singer, wie er eben ist, und kann nicht anders sein. Das Gehirn gebe den Ton an, der Mensch führe nur aus, was sein Hirn ihm sagt. Aus Sicht der Evolutionsbiologie sieht die Sache ähnlich aus. Natürlich ist das Gehirn nicht eine vom Rest unserer physischen Existenz losgelöste Instanz, aber es ist das Steuerungszentrum unserer Wahrnehmungen, unseres Denkens, Handelns und Wollens.



 
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