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26.5.2002 | Von:
Gerd F. Hepp

Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement - Perspektiven für die politische Bildung

Der Wertewandel wird in der öffentlichen Wertedebatte häufig als moralischer Verfall interpretiert. Die Bereitschaft zum freiwilligen bürgerschaftlichen Engagement hat jedoch zugenommen.

I. Wertewandel - Zur Relevanz von Erklärungsansätzen für die politische Bildung

Überall in der westlichen Welt gab es in den letzten Jahrzehnten einen Wertewandel, der zu enormen qualitativen und normativen Verwerfungen führte. Traditionelle normative Orientierungen, Einstellungen und Verhaltensmuster verloren an Bedeutung, es fanden Gewichtsverlagerungen und Neuakzentuierungen statt.

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  • Vom Wertewandel sind nicht zuletzt auch nachhaltige Wirkungen auf die demokratische Kultur ausgegangen, da er die innere Wertausstattung der Individuen, deren soziale und politische Einstellungs- und Verhaltensmuster insgesamt verändert hat. Diesen Zusammenhängen soll in den folgenden Ausführungen am Beispiel des aktuell im Blickpunkt der öffentlichen Diskussion stehenden bürgerschaftlichen Engagements nachgegangen werden [1] . Zu dieser Thematik gibt es in jüngster Zeit eine Flut an Publikationen, die vor allem auch die Jugendlichen als Trendsetter in den Blick nehmen. Ergänzt werden diese in der Regel breiter angelegten Untersuchungen durch neuere repräsentative Jugendstudien. Als dritte Orientierungsquelle für die politische Bildung [2] ist schließlich die empirische Werteforschung von zentraler Bedeutung, wobei die Option für einen bestimmten Erklärungsansatz allerdings auch Auswirkungen auf die bewertende Wahrnehmung des Wertewandels selbst hat. Insgesamt konkurrieren auf diesem Feld drei sich widerstreitende Erklärungsansätze:

    - Die Postmaterialismustheorie von Ronald Inglehart, die einen Wertewandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten unterstellt, wobei dieser Wandel in optimistischer Weise als linearer Fortschritt zu einem qualitativ höheren kulturellen und politischen Entwicklungsniveau interpretiert wird [3] . Die pädagogisch-politische Botschaft Ingleharts lautet: Der Wertewandel sorgt auf der Basis hoher individueller Mobilisierung für hohe Engagementbereitschaft und bringt so den Durchbruch in Richtung umfassend partizipativer und freiheitlicher Ziele. Im Zuge emanzipatorischer Werteentwicklungen können dann in der postmaterialistischen Gesellschaft die traditionellen Sekundärtugenden weithin obsolet werden. Diesem Ansatz werden in der sozialwissenschaftlichen Forschung jedoch logische Unstimmigkeit, bipolare Vereinfachung, evolutionistischer Voluntarismus sowie Mängel bei den Messinstrumenten vorgehalten. Angesichts dieser zahlreichen Schwachstellen soll auf ihn an dieser Stelle nicht weiter rekurriert werden.

    - In schroffem Gegensatz zu Inglehart vertritt Elisabeth Noelle-Neumann die kulturpessimistische These von einem seit 1968 kontinuierlich voranschreitenden Werteverfall [4] . Dessen Symptome werden von ihr im Wesentlichen an folgenden Tendenzen festgemacht: Bindungsverluste an Gemeinschaften, an Religion und Kirche; allgemeine Infragestellung von Autoritäten und Hierarchien; Erosion der Sekundärtugenden sowie der bürgerlichen Arbeits- und Leistungsethik; individuelle Anspruchsinflation, abnehmender Gemeinsinn und sinkende Bereitschaft zum politischen Engagement. Auch hier liegt die pädagogisch-politische Botschaft auf der Hand: Renaissance von Leistungs-, Pflicht- Ordnungs- und Kollektivwerten durch eine Werteerziehung, die dem behaupteten Trend zur Spaß- und Freizeitgesellschaft Paroli zu bieten und über die wiederbelebten Sekundärtugenden die nachlassende Engagementbereitschaft wieder zu stärken vermag.

    - Schließlich ist der von Helmut Klages begründete Ansatz zu nennen, der eher einen mittleren Weg beschreitet. Er konstatiert einen generellen Megatrend in Form einer Gewichtsverlagerung von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten, wobei er die Existenz unterschiedlicher Wertdimensionen und Wertkombinationen wie auch die Möglichkeit konstruktiver und destruktiver Wertesynthesen unterstreicht. Gegenüber Inglehart überzeugt sein Ansatz durch eine breit ausdifferenzierte Zweidimensionalität, die auch komplexe Wertemischungen in Form konkreter Wertetypen erfasst. [5] Von Noelle-Neumann trennt ihn dagegen die Ablehnung des Theorems vom Wertewandel als generellem Werteverfall. Vielmehr betont Klages vor allem die Ambivalenz des Wertewandels, der neben Risiken auch Chancen, neben Verlusten auch Gewinne beinhaltet. Seine Darstellung des Wertewandels mündet in die Feststellung, dass ein Wandel von einem nomozentrischen zu einem autozentrischen Selbst- und Weltverständnis stattgefunden hat, in dem das originäre Selbst, die eigenen Lebensinteressen zur Leitinstanz des Denkens und Fühlens aufgerückt sind. Dies heißt aber nicht, dass die Übernahme von Pflichten und Verantwortung, die Akzeptanz vorgegebener Zielsetzungen, die Hinnahme-, Bindungs-, und Folgebereitschaft in großem Stil nun verweigert wird. Neu ist, dass dies nun alles weit stärker in Abhängigkeit von individual-personalen Voraussetzungen gewährt wird, wobei das Bedürfnis, Subjekt des eigenen Handelns zu sein, einen deutlich gewachsenen Stellenwert gewonnen hat. Die persönliche Motivation, selbst gewonnene Einsichten und Überzeugungen, ein verstärktes Bedürfnis nach persönlicher Autonomie und Mitbestimmung, nach Unabhängigkeit und nach einem größeren eigenen Handlungsspielraum, werden nun im Hinblick auf Leistung, Normbefolgung oder die Übernahme von Rollenpflichten ausschlaggebend. Entsprechend ist eine Pädagogik des Sowohl-als-auch angezeigt, die in Relation zu den bedeutungsschwächer gewordenen Sekundärtugenden dem Erziehungsziel "personale Autonomie" einen wachsenden Stellenwert zuerkennt.

    Fußnoten

    1.
    Der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements ist trotz seines häufigen Gebrauchs und seiner Popularität semantisch keineswegs klar bestimmt. Er wird in der öffentlichen Diskussion als relativ umfassender Oberbegriff im Rahmen mehrerer Diskurse verwendet. Konkret umfasst er alle Formen unentgeltlicher Tätigkeit in Form des Ehrenamtes und der Freiwilligenarbeit bzw. ein breites Spektrum sonstiger direktdemokratischer Bürgeraktivitäten, somit Tätigkeiten, die in einem intermediären Bereich jenseits der individuellen Privatsphäre und des im engeren Sinne staatlichen Entscheidungs- und Verwaltungshandelns angesiedelt sind. Zum Definitionsproblem und zum aktuellen Stand der Diskussion vgl. Roland Roth, Bürgerschaftliches Engagement - Formen, Bedingungen, Perspektiven, in: Annette Zimmer/Stefan Nährlich (Hrsg), Engagierte Bürgerschaft. Traditionen und Perspektiven, Opladen 2000, S. 25-48. Eine kommentierte Literaturübersicht bieten Daniela Credel/Stefan Nährlich/Katrin Wiedenhöft/Anette Zimmer unter der Überschrift "Bürgerengagement im Vormarsch", in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 13 (2000), 2, S. 126-131. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die Ausgabe zum "Bürgerschaftlichen Engagement" B 25-26/2001 dieser Zeitschrift.
    2.
    Die Debatte um die Werte wurde neuerdings auch in der politischen Bildung wieder intensiviert. Vgl. hierzu den umfassenden Sammelband von Gotthard Breit/Siegfried Schiele (Hrsg), Werte in der politischen Bildung, Bonn 2000.
    3.
    Vgl. Ronald Inglehart, Kultureller Umbruch. Wertewandel in der westlichen Welt, Frankfurt/M. 1995.
    4.
    Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Politik und Wertewandel, in: Geschichte und Gegenwart, 1 (1985), S. 3-15. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag der Autorin in diesem Heft.
    5.
    In unserer sich zunehmend in heterogene kulturelle Lebensstile ausdifferenzierenden Gesellschaft haben sich in der Bevölkerung fünf unterschiedliche Wertetypen herauskristallisiert, von denen einer der Aktive Realist ist. Zu den Wertetypen vgl. die Ausführungen von Helmut Klages in diesem Heft. Vgl. auch Helmut Klages, Wertedynamik. Über die Wandelbarkeit des Selbstverständlichen, Zürich 1988, S. 112 ff.; ders., Traditionsbruch als Herausforderung. Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt/M. 1993.