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4.5.2006 | Von:
Hans Joachim Teichler

Fußball in der DDR

Der Fußball spielte im Leistungssportsystem der DDR eine Sonderrolle. Wegen seiner Massenwirksamkeit wurde er bald zum Objekt politischer Interventionen.

Einleitung

Bei den letzten drei Olympischen Sommerspielen, an denen die DDR teilnahm, belegte die DDR-Mannschaft jeweils den zweiten Platz im Medaillenspiegel. Zweimal überflügelte sie damit sogar die USA. Aber das heißt nicht, dass das politische Verhältnis zwischen Regierenden und Sportlern von Anfang an zum Besten bestellt war. Das spätere "Sportwunderland" DDR hatte nach 1945 und noch in der Phase der Staatsgründung 1949 kein rechtes Verhältnis zum Sport gefunden. Zumindest galt das für die SED, die sportpolitisch eher einen Fehlstart hinlegte.[1] Im Westen gründeten sich bereits 1946 die ersten Landessportbünde, Vereine fanden sich wieder und wurden - wenn auch mit politischen Auflagen und hohen bürokratischen Hürden - zugelassen. Erste Ligaspiele und heimliche Meisterschaften fanden statt - wenn auch in den einzelnen westlichen Besatzungszonen mit unterschiedlichen Auflagen und Geschwindigkeiten. Dagegen hielt die SBZ lange am Not- und Übergangskonzept des "kommunalen Sports" fest. Dieser ermöglichte zwar eine politische Kontrolle, die nach der engen Liaison des bürgerlichen Sports mit der NSDAP politisch dringend geboten schien, hemmte mit seinen Auflagen (Wohnortprinzip und Wettkampfbeschränkung auf die Stadt- bzw. Kreisebene) die sportliche Entwicklung aber erheblich. Die wenigen überregionalen Städtespiele zwischen 1946 und 1948 und der Versuch, im Frühjahr und Frühsommer 1948 über die FDJ einen überregionalen Wettkampfbetrieb aufzubauen, änderten daran wenig. Als entscheidendes Hemmnis für eine erfolgreiche frühe Sportentwicklung sollte sich die politische Entscheidung der SED gegen ein freies Vereinswesen erweisen. Mit der Umwandlung der SED in eine Partei "neuen Typs", mit Parteisäuberungen und der Unterdrückung kritischer Stimmen, mit der Einführung der Planwirtschaft, der offenen Umwandlung der bislang formal freien Verbände und Gewerkschaften in kommunistische Massenorganisationen und der Bildung eines Parteienblocks hatte in der zweiten Hälfte des Jahres 1948 eine Transformation des politischen Systems in der SBZ in Richtung "Volksdemokratie" stattgefunden, in der eine freie Sportbewegung undenkbar war. Die politische Kontrolle hatte oberste Priorität und mündete am 1.Juni 1948 in einem Parteibeschluss zur Gründung des Deutschen Sportausschusses (DSA) in Trägerschaft von FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) und FDJ. Entscheidend war dabei die Monopolstellung der neuen Sportorganisation. Die neuen Sportgemeinschaften mussten sich polizeilich registrieren lassen, und es erging eine Polizeiverordnung, dass "außerhalb der registrierten Sportgemeinschaften (...) ein gruppen- oder vereinsmäßiger Sportbetrieb nicht zulässig (ist)". Außerdem seien Sportgemeinschaften, "deren Registrierung abgelehnt oder denen durch Verfügung des Ministeriums des Innern die Registrierkarte entzogen wird, (...) unverzüglich aufzulösen".[2]




Aber auch nachdem mit großem propagandistischen Aufwand am 1. Oktober 1948 der Deutsche Sportausschuss gegründet worden war, ließ die Begeisterung für die neue Basisorganisation des Sports zu wünschen übrig. An die Stelle der Vereine, die oft über eine hundertjährige Tradition verfügten, sollten Sportgemeinschaften mit "fortschrittlichen Namen" (wie z.B. Werner Seelenbinder, Einheit, Solidarität) oder Betriebssportgemeinschaften (BSG) treten. Viele Arbeiter dürften sich im Übrigen auch noch daran erinnert haben, dass die "Betriebssportgemeinschaften" als Organisationsform der "Nationalsozialistischen Gemeinschaft Kraft durch Freude" bereits im Jahr 1937 eingeführt worden waren, und bei den Vereinssportlern war die Erinnerung an die Wegnahme der Sportjugend durch HJ und BDM im Jahr 1936 sicherlich noch nicht verblasst.

Sportler, die nach dem Wegfall des Kommunalsports wieder an alte Vereinstraditionen anknüpfen wollten, sahen sich auf einmal als "Feinde der neuen demokratischen Ordnung" diffamiert. Aber selbst in der SED traf man noch Anhänger des "unpolitischen Sports", wie aus einem Protokoll des Politbüros der SED hervorgeht: "Das Niveau der politischen Aufklärungsarbeit unter den Sportlern ist äußerst niedrig, ja, es gibt nicht wenige Beispiele, in denen verantwortliche Funktionäre der Partei nicht nur vor der reaktionären Argumentation vom unpolitischen Sport oder Sport ohne Politik zurückweichen, sondern sich selbst als Verfechter dieser reaktionären Thesen aufwerfen."[3] Am Beispiel des ersten Fußballmeisters der Ostzone, der Sportgemeinschaft Planitz, die im Sommer 1948 die kurzfristig vom Zentralrat der FDJ organisierte "Ostzonen-Meisterschaft" gewonnen hatte, kann gezeigt werden, dass die Beobachtungen und Einschätzungen des Politbüros in diesem Punkt zutrafen. Gleichzeitig beginnt damit die lange Reihe der politischen Eingriffe der SED in das massenwirksame Fußballgeschehen.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans Joachim Teichler, Die SED und der Sport, in: ders. (Hrsg.), Die Sportbeschlüsse des Politbüros. Eine Studie zum Verhältnis von SED und Sport mit einem Gesamtverzeichnis und einer Dokumentation ausgewählter Beschlüsse, Köln 2002, S. 13 - 60.
2.
Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Zentralarchiv, MfS Allg. S. 688/66, S. 1 - 2. Bestand: DVdI Deutsche Verwaltung des Innern in der sowjetischen Besatzungszone, Hauptabteilung Politik-Kultur, Bialek, zit. in: Giselher Spitzer, Fußball und Triathlon. Sportentwicklung in der DDR, Aachen 2004, S. 20.
3.
Anlage 2 zum Protokoll Nr. 15 (des Politbüros) vom 8. 4. 1949: Betr.: Verbesserung der Arbeit des Deutschen Sportausschusses, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), DY 30/IV2/2/15.