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Konstruktives braucht Zeit. Über die langsame Entdeckung der Nachhaltigkeit


5.8.2002
Im Vorfeld des Johannesburger UN-Gipfels wird allenthalben eine überwiegend düstere Bilanz gezogen. Fast alle Indikatoren weisen auf einen mangelhaften Zustand an Nachhaltigkeit hin.

Einleitung



Kurz vor der UN-Konferenz in Johannesburg ist von Aufbruch in Richtung Nachhaltigkeit wenig zu spüren: Desinteresse - weitgehend - in der breiten Öffentlichkeit. Routinierte Betriebsamkeit, von einem kleinen Netzwerk engagierter Politiker mühsam in Gang gehalten, auf der großen politischen Bühne. Trotziger Aktivismus in Graswurzel-Initiativen, deren Bodenhaftung stark nachlässt.

Die meisten Medien haben Nachhaltigkeit in die Schubladen ,,Umwelt" und "Entwicklung" einsortiert. Beides sozusagen Themen aus Übersee. Die "Nachhaltigkeitsstrategie", die möglicherweise ein Schritt ist, um Nachhaltigkeit zu einem Element unserer "Staatsräson" zu machen, blieb bei ihrer Präsentation im April so gut wie unbeachtet. Im Seelenhaushalt der Nation hat die Idee zur Zeit wenig Resonanz. Priorität genießen scheinbar unangefochten die Werte von vorgestern. Kaum etwas beunruhigt die Deutschen so sehr wie die Aussicht auf eine "rote Laterne" in den globalen Statistiken des Wirtschaftswachstums.

Publikumsbeschimpfungen wären jedoch sinnlos. Der erhobene Zeigefinger bringt nichts. "Ich brauchte nur das ,Du sollst, zu hören, so wendete sich alles in mir um." Mit dieser Selbsterfahrung hat schon Hermann Hesse, das Geburtstagskind dieses Sommers, einen Wesenzug der Moderne und erst recht der Postmoderne auf den Punkt gebracht.

Also den Begriff simplifizieren, um ihn überhaupt vermitteln zu können? Ihn "herunterbrechen", in homöopathischer Dosis verabreichen? Ja, ab und zu wäre das durchaus angebracht. Wenn man allerdings "Generationengerechtigkeit" nur noch unter den Stichworten Kindergeld und Renten diskutiert und nicht mehr primär als unabweisbares Gebot, alles zu tun, um die lebensspendenden Ökosysteme zu stabilisieren, ist die Idee entkernt. Operationalisierungen und Grundlagenarbeit an der geistigen Substanz gehören zusammen. Viel hängt davon ab, ob wir die ganze Fülle an Visionen und Herausforderungen, die sich in dem Konzept Nachhaltigkeit bündeln, immer wieder neu und weiter in die Tiefe gehend erforschen und verstehen. Erst dann kann es gelingen, neue und vielfältige Zugänge zu entdecken und zu erschließen, sie weit zu öffnen und einladend zu gestalten. In diesem Prozess erst lernen wir, Nachhaltigkeit verständlich und attraktiv zu präsentieren. Das heißt nicht zuletzt, den "sperrigen Begriff" mit Gesichtern, Geschichten und Bildern - manchmal auch: Ikonen - zu verschmelzen und so angereichert und erweitert ins Spiel zu bringen.

Königsfeld im Schwarzwald zum Beispiel: Die Homepage der 6000-Seelen-Gemeinde (www. koenigsfeld.de) präsentiert die Details: Auf dem Dach der Grund- und Hauptschule schimmern seit Mai 2000 die Modulflächen eines Solarkraftwerks. Ein "Planetenweg" verbindet die Schule mit dem solarbeheizten Freibad, der Solartankstelle und der Sonnenuhr. Unterwegs führen Schautafeln und Texte "in die Geheimnisse des Sonnensystems" ein. Der Gemeindewald wandelt sich nach und nach vom dunklen Fichtenforst zum strukturreichen Weißtannen-Buchen-Mischwald mit "Naturverjüngung". Einen Teil des Holzertrags will man bald mit Hightech, nämlich einer Hackschnitzel-Feuerungsanlage, energetisch nutzen - wie in alten Zeiten, aber hocheffizient. Ein Architekturbüro entwirft - nicht nur, aber auch - Niedrigenergie- und Passivhäuser. Ein mittelständisches Unternehmen baut Kornmühlen für Haushalte. Die Kindergärten heißen "Arche" und "Windrad". Kurgäste können in Eigenzeitworkshops einen gelasseneren Umgang mit der Zeit einüben, Slowfood aus regionalen Zutaten genießen oder heilfasten. Vor kurzem öffnete ein "Forum für Information und Kommunikation" über Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben seine Pforten. In dem Haus hatten die Schweitzers seit 1923 ihr Refugium. Über seine Ethik, so zitiert der Tourismus-Prospekt den Urwalddoktor, habe er schon "im Walde von Königsfeld" nachgedacht. BEWUSSTerLEBEN lautet werbewirksam und identitätsstiftend zugleich das Motto der Gemeinde.

Schon neue Realität? Oder bloß Image-Werbung? Auch das Design bestimmt das Bewusstsein. So könnte es jedenfalls aussehen, wenn nachhaltige Entwicklung ihren "Sitz im Leben" erhält: Aus der Verknüpfung vieler schmaler Pfade entsteht ein für alle gangbares Wegenetz. Mit leichter Hand, scheinbar unangestrengt - auch Irrwege sind zugelassen - wird dieses Netz durch das individuelle Handeln vieler Akteure angelegt. Der Waldarbeiter und der Zeitforscher, der Bürgermeister und die Kindergärtnerin, jeder bringt seine ureigene Kompetenz ein. Lokale Traditionen verknüpfen sich mit einer von vielen geteilten Zukunftsvision.

Ohne Rio kein Aufbruch in Königsfeld, jedenfalls nicht in dieser Gestalt, in diesem "Design". Ohne die vielen Königsfelds überall auf dem Planeten keine Chance für eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit. Könnte es sein, dass wir - trotz alledem - erfolgreicher sind, als wir selber es wahrhaben?

Konstruktives braucht Zeit: Einstürzen geht schnell. Zerstören geht schnell. Nachhaltigkeit braucht seine Zeit. Bestimmte Denkmuster sind in der politischen Klasse, soweit sie Nachhaltigkeit wahrnimmt, und bei Aktivisten gleichermaßen eingeschliffen: In Rio sei eine Agenda beschlossen worden, die bloß noch umzusetzen sei. Warum passiert so wenig? Oder: Nur 13 Prozent der Bevölkerung können etwas mit dem Begriff Nachhaltigkeit anfangen. Warum sind wir, die wir ja Bescheid wissen, nicht in der Lage, das besser zu vermitteln? Eine gewisse Nervosität breitet sich aus.

Martin Held von der Evangelischen Akademie Tutzing plädiert für mehr Gelassenheit und einen langen Atem. Er ist an einem kleinen, interdisziplinär und international agierenden Netzwerk von Experten beteiligt, das die "Ökologie der Zeit" (www.zeitoekologie.de) erforscht.

"Es ist ein Moment in die Welt gekommen, das extrem weitreichend ist", meint er im Rückblick auf Rio. "Sustainable development" hält er bei aller Detailkritik für einen großen Wurf. 1992 habe sich ein "window of opportunity", ein Fenster der Gelegenheit, geöffnet, wie es weder vorher noch in den Jahren danach möglich gewesen wäre. Die Tragweite dessen, was Nachhaltigkeit bedeutet, hätten wir jedoch noch gar nicht verstanden. Es handele sich um einen langfristigen Prozess, von dem wir alle ein Teil seien und den wir alle erst nach und nach verstünden. Zwar sei in Rio ein Konsens erreicht worden. Aber dort, wo die Umsetzung konkret beginne, beispielsweise beim Klimaschutz, müsse notwendigerweise in aller Schärfe der Streit entbrennen. Es kämen dann erst Prozesse der Klärung oder überhaupt erst des ansatzweisen Verstehens in Gang. Helds Bilanz: Die Rio-Agenda ist nicht realisiert, aber sie ist erstaunlich wirksam. Wenn das Prozesshafte daran bewusster werde, würde sich auch die Wahrnehmung von Erfolg und Misserfolg verändern.

Das zentrale Prinzip, dass die Bedürfnisse der nachkommenden Generationen heute bereits zu beachten seien, habe systematisch mit Zeit und Zeitlichkeiten zu tun. Dieser Gedanke ist Dreh- und Angelpunkt für das Projekt ,Ökologie der Zeit,. Vom ,Finden der rechten Zeitmaße, erhofft man sich einen ganz anderen Zugang zur Nachhaltigkeit.

Beispiel Böden: Zunächst haben wir kein Problem, wenn wir die Böden, die grundlegende natürliche Ressource, degradieren, ihre Fruchtbarkeit mindern, Schadstoffe eintragen, sie versiegeln. Weil wir sie entsprechend düngen, können wir ohne weiteres die Produktivität noch steigern und damit die stetige Abnahme der Fruchtbarkeit kompensieren. Wir merken zunächst nichts. Aber diese Maskierung bewirkt nur eine zeitliche Verzögerung. Im Zeitablauf versetzt wird man es dann sehr wohl merken. Und dann hat man diese enormen Zeitskalen vor sich, Jahrhunderte und Jahrtausende, bis sich Böden neu bilden.

Nachwachsende Rohstoffe sind lebende Systeme, keine tote Materie. Erneuerbare Energien erneuern sich im Einklang mit den kosmischen Zyklen. Die Natur ist nicht einfach erneuerbar. Dahinter steckt die Zeitlichkeit der Rhythmen des Lebens. "Das heißt", sagt Martin Held, "wir müssen viel stärker in diesen Zusammenhängen denken und dieses zeitliche Wechselspiel genauer verstehen."

Dass die Schwerkraft wirkt, dass die Naturgesetze so sind, wie sie sind, dass die Sonnenkraft dezentral und wenig konzentriert erscheint, ist nicht das Problem. Wir sollten vielmehr lernen, von dort aus zu denken und zu Lösungen zu kommen. Statt dagegen anzukämpfen, dass wir nicht alles verfügbar haben, wären wir gut beraten, uns in diese Prozesse einzufügen. Dann kämen wir zu einer anderen Art von Technik, die nicht mehr primär von Erdöl, Kohle und Kernenergie geprägt ist. Dann muss es kein Nachteil sein, dass der Wind nicht gleichmäßig bläst. Dann geht man von den Dimensionen der Sonneneinstrahlung und der Umwandlungsprozesse aus. "Und dann kommt man zu völlig anderen Zeitlichkeiten und zu einer völlig anderen Wirtschaftsstruktur." Erst ein neues Naturbild, das die Naturschranken und das Unverfügbare an der Natur wahrnimmt, macht den Weg zu einer "Konsistenz" der Ökonomie frei.

Auf der Tagesordnung steht also keine bloße Modernisierung, kein Reformvorhaben für ein oder zwei Legislaturperioden. UNO-Generalsekretär Kofi Annan fordert einen "Bruch mit den nicht-nachhaltigen Praktiken". UNEP-Chef Klaus Töpfer, eine der treibenden Kräfte schon in Rio und nun wieder in Johannesburg, spricht von einer Zeit des Übergangs zu einer nachhaltigen Entwicklung. Die Futurologen der in Boston ansässigen Global Scenario Group reden von "Great transition". Ein Platzhalter für das, was gemeint ist, wäre vielleicht der Begriff "Transformation". Er verweist auf die Dimension, um die es geht, und er ist verständlich - für Elektriker, Politologen und Mystiker.

Irgendwann in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, behauptet eine neue Studie, habe die Menschheit eine feine, unsichtbare Grenze passiert. Seit dieser Zeit überschreite die menschliche Nutzung der natürlichen Ressourcen die regenerative Kapazität der Erde. Zur Zeit brauche die Biosphäre mindestens ein Jahr und drei Monate, um das zu erzeugen, was die Menschheit jährlich konsumiere. "Nachhaltigkeit jedoch", so Mathias Wackernagel, einer der Autoren der Studie, "erfordert es, im Einklang mit der Regenerationskapazität der Biosphäre zu leben." Diese Berechnung unseres überdimensionalen, "ökologischen Fußabdrucks" veröffentlichte der kalifornische Thinktank "Redefining progress" am 25. Juni diesen Jahres (www.rprogress.org). Dem "Spiegel" war sie eine kurze Notiz wert. Die politische Bühne und die Schlagzeilen beherrschte die Frage, ob die Rezepte der "Hartz-Studie" endlich die Jobmaschine ankurbeln könnten.

In den zehn Jahren seit dem Erdgipfel von Rio sind die Flutwellen, die auf eine Vernutzung der Biosphäre hinauslaufen, angestiegen. Sie tragen uns weiter weg vom Ziel der Nachhaltigkeit. "Die Kräfte, welche die Biosphäre in Turbulenzen treiben, sind stärker als die Gegenkräfte." So skizziert Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut (www.wupperinst.org) die Situation und verweist auf den kontinuierlich höheren Ausstoß an CO2-Gasen, die Vernichtungsrate der Urwälder, auf Fischsterben und Wasserproblematik. Die Globalisierung treibe besonders in den so genannten Schwellenländern das Industriewachstum und damit die Naturvernutzung voran und verbreite dieses Modell über den Erdball.

"Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen, verloren. Er wird am Ende die Erde zerstören." Diese düstere Prognose Albert Schweitzers (die - gegen den Strich gelesen - eine schöne Definition von nachhaltigem Denken enthält!) zitierte 1962 die amerikanische Meeresbiologin Rachel Carson. Sie stellte es als Motto ihrem Buch "Der stumme Frühling" voran, mit dem sie die Kontaminierung der Natur durch das "Schädlingsbekämpfungsmittel" DDT enthüllte und die weltweite Umweltbewegung auslöste.

Die Wende beginnt in den Köpfen. Inzwischen weiß man überall auf der Welt, was mit dem Planeten geschieht: der Winzer am Mittelrhein so gut wie die Bäuerin in der Sahel-Zone, der peruanische Fischer und der Versicherungsmathematiker in New York oder München. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht wenigstens ahnt, dass wir alle im selben Boot sitzen. Unübersehbar und unumkehrbar ist ein planetarischer Bewusstseinswandel, der mit Rio eingesetzt hat. "Nachhaltigkeit", so die Einschätzung von Wolfgang Sachs, "ist zu einer gemeinsamen Suchbewegung, zum Leitbild eines gemeinsamen Aufbaus von Wissen und Experimenten in einer ökologisch gesinnten Subkultur auf Weltebene geworden." Diese umgreife nicht nur soziale Bewegungen und Umweltorganisationen, sondern auch Teile der öffentlichen Administrationen und der Wissenschaften. "Das ist in den letzten zehn Jahren sehr stark gewachsen, so dass sich über die Welt hinweg Erfahrungen und Kenntnisse aufbauen, die nicht so einfach wegzuradieren sind."

"Responsible prosperity for all", verantwortbarer Wohlstand für alle. Diese diplomatische Formel - vielleicht eine Aktualisierung von Ludwig Erhards "Wohlstand für alle" - brachte Kofi Annan bei der Vorbereitung von Johannesburg ins Spiel. Dass Nachhaltigkeit "keine neue Verzichtskultur" (Gerhard Schröder) sei, ist breiter Konsens. Hohlwangige Appelle, in Sack und Asche zu gehen, sind aus dem rhetorischen Arsenal aller Akteure verschwunden. Trotzdem führt wohl kein Weg an der Einsicht vorbei, dass es - jedenfalls in den Ländern des Nordens - um eine Strategie der radikalen Reduktion geht. Nachhaltigkeit ist wesentlich eine Ökonomie der Vermeidung, eine Rückkehr zum menschlichen Maß. Die dauerhafte Bewahrung der Ökosysteme ist ohne drastische Senkung des menschlichen Naturverbrauchs nicht denkbar. Allein mit den Mitteln einer technisch orientierten Effizienzrevolution ist das auf keinen Fall zu machen. Eine Überprüfung der "Bedürfnisse", die ja schon in der Brundtland-Formel von 1987 angemahnt wurde, ist unausweichlich. Soziale Gerechtigkeit und sozialer Aufstieg können nicht mehr länger mit einer größtmöglichen Annäherung an den verschwenderischen Lebensstil der Oberschichten identifiziert werden.

Also doch Verzicht? Ein Wendepunkt war das Umsteuern von einer Verzichtsdebatte, die vor allem um Verbote und Gebote kreiste, hin zu einer Suche nach neuen Bildern des guten Lebens. Im Konzept der "neuen Wohlstandsmodelle" werden Genügsamkeit und Genussfähigkeit zusammen gedacht. "Dass der Sinn der materiellen Güter in den immateriellen liegt", sagt Gerhard Scherhorn vom Wuppertal Institut, "ist aus dem Blick geraten." Sein Ausgangspunkt ist eine veränderte Bestimmung des Begriffs "Wohlstand". Damit sei zunächst nicht eine bloße Menge von Gütern, sondern das Wohlbefinden mit Gütern gemeint. Daneben gebe es ein Wohlbefinden mit der Zeit, also dass man für die Tätigkeiten, zu denen man Lust verspüre, genug Zeit habe. Und drittens existiere das Wohlbefinden im Raum, das davon abhänge, ob man genug Raum zum Atmen, Gehen, Spielen und Wohnen, saubere Luft, nicht zu viel Lärm, nicht zu dichte Besiedlung habe.

"Responsible prosperity" wäre dann eine neue Balance zwischen den verschiedenen Elementen von Wohlstand. Mit einem Minimum an Gütern, also auch einem monetären Minimum, ein Maximum an Lebensqualität und Lebensgenuss erreichbar zu machen, wäre das Ziel. "Einfach leben - mit Stil" (Ernest Callenbach) muss praktizierbar werden und "Aura" bekommen, und zwar nicht nur für den konsumüberdrüssigen Derivatenhändler in Frankfurt am Main, sondern auch und vor allem für eine arbeitslose Fabrikarbeiterin in der Region Bitterfeld. Allen Mitgliedern der Gesellschaft Zugänge zur Fülle des Lebens zu öffnen ist eine politische Aufgabe. Sie erfordert ein hohes Maß an sozialer Phantasie und Durchsetzungskraft.

Eine illusionslose Bilanz muss festhalten, dass der Diskurs der Nachhaltigkeit schon sehr bald nach Rio von den Verheißungen und den Erfolgsgeschichten der Globalisierung übertönt wurde. Diese beherrschen bis heute weltweit das Denken in den Unternehmen und in den Regierungen. Vermutlich dominieren sie auch die Verhandlungen von Johannesburg. Seit kurzem sind sie jedoch in ein Trommelfeuer wütender Kritik geraten. Der Gedanke der sozialen und globalen Gerechtigkeit gewinnt wieder an Boden. Zur gleichen Zeit wurde in der Mitte der Gesellschaft das "Festungsdenken" populär und politisch wirksam. Es verstärkte sich nach den Schockwellen der Terroranschläge in den USA und artikuliert sich im lautstarken Ruf nach Sicherheit durch Abschottung und Besitzstandswahrung: Ich will, dass es wenigstens hier und heute - und vielleicht noch morgen - so bleibt, wie es ist, und wenn alles ringsum in Elend und Gewalt versinkt. Wenn dann die Regenwälder kahlgeschlagen sind, der Golfstrom kippt, die Flüchtlingsströme unbeherrschbar geworden sind, ist es allerdings zu spät für die Einsicht, dass "sustainable development" vermutlich der bessere Weg zur globalen - und individuellen - Sicherheit gewesen wäre.

In dieser Gemengelage scheint es hilfreich, die mit dem Begriff Nachhaltigkeit ursprünglich verbundenen Visionen neu zu entdecken. Wo hatten sie ihren - wie die Theologen sagen - Sitz im Leben? Am Anfang war der orbitale Blick auf den blauen Planeten, die "Ikone unseres Zeitalters". Am 11. Dezember 1972, vor fast 30 Jahren also, entstand das am meisten reproduzierte Foto der Mediengeschichte: der Blick aus dem Weltraum auf die voll erleuchtete Erdkugel, die in ihrer ganzen Majestät und Zartheit aufscheint. "Du siehst aus dem Fenster", berichtete der Astronaut Eugene Cernan, "und blickst durch den schwarzen Weltraum zurück auf den schönsten Stern am Firmament." In der Bilderflut der populären Kultur des 20. Jahrhunderts bekam die Momentaufnahme der Apollo-17-Besatzung einen herausragenden und zutiefst ambivalenten Gebrauchswert.

Der orbitale Blick, das "Phantasma des göttlichen Herabschauens" (Peter Sloterdijk), ermöglichte zum ersten Mal in der Geschichte die Wahrnehmung der Erde in ihrer physischen Endlichkeit und ökologischen Begrenzung, in ihrer Ganzheit, Schönheit und Verletzlichkeit - die holistische Botschaft der Nachhaltigkeit: "Ich habe das Bild unseres Globus vor Augen, wie es die Astronauten gesehen haben", so z.B. Willy Brandt in einer Rede in Warschau, "wie einen leuchtenden Edelstein auf schwarzem Samt ... Wir beginnen Aufgaben zu erkennen, die nicht einzelnen Völkern gestellt sind, sondern der Menschheit." Dieser Geist inspirierte noch 1987 die Brundtland-Kommission. Ihr bahnbrechender Bericht "Our common future", der das "sustainable development"-Konzept weltweit etablierte, begann mit einer feierlichen Beschreibung des blauen Planeten.

Aber dieselben Satellitenfotos der NASA ließen den Planeten auch als offenen Mobilitätsraum erscheinen, als durchlässigen, homogenen Raum, der einer Expansion transnationaler Unternehmen keinen Widerstand entgegensetzt: die imperiale Botschaft, Signal zur entfesselten Jagd auf die knapper werdenden Ressourcen. Medien wie CNN nutzen die Animation rund um die Uhr, um die Erde als Spielball der ökonomischen global players zu visualisieren. Ihre Botschaft: Beseitigung der letzten Schranken für freien Welthandel, globale Überwachung, global reach, global control. Der blaue Planet - ein einziger riesiger freier Markt und Aktienmarkt.

Beides sind Weltbilder der Globalisierung. Es kommt drauf an, die fundamentale Verschiedenheit der beiden Formen der Globalisierung wahrzunehmen. Dann werden Politikkonzepte nach dem Motto "Die unaufhaltsame Globalisierung ökologischer und sozialer gestalten" problematisch. Nicht ihre Versöhnung in Kompromissformeln, sondern die Dynamik und der Konflikt dieser beiden Weltbilder werden dem 21. Jahrhundert seine Gestalt geben.

Wir wären gut beraten, den "liebevollen" Blick auf den blauen Planeten - und den Biotop vor unserer Haustür - neu zu entfalten und zu schulen. Aus dieser Perspektive wären eine Ästhetik und eine Ethik der Nachhaltigkeit zu entwickeln. José Lutzenberger, der am 14. Mai diesen Jahres verstorbene deutsch-brasilianische Wegbereiter des Erdgipfels von Rio, sagte in seinem letzten Interview: "Notwendig ist eine holistische, die gesamte Schöpfung umfassende und nicht mehr nur anthropozentrische Ethik. Dazu müssen wir die Grundlagen des heutigen Wirtschaftsdenkens ... in Frage stellen." Mit der "Erd-Charta", die auf der Grundlage der Agenda 21 in einem weltweiten Diskussionsprozess entstand, liegt nun ein Dokument vor, das die Konturen einer solchen Ethik umreisst (www.erdcharta.de). Einige Regierungen, z.B. die von Rumänien, Costa Rica und Kuwait, planen, einen Hinweis auf die Erd-Charta in die Abschlussdeklaration von Johannesburg einzubringen. Ob es gelingt, ist noch offen.

Die Pisa-Studie hat den Grad der ökologischen Alphabetisierung nicht erfasst. Das Vermögen unserer 15- bis 17-Jährigen, die Baumarten und Vogelstimmen, "die Wolkenformen und Wetterzeichen des Landes" (Hermann Hesse) zu unterscheiden und zu genießen, blieb außen vor. Auch ihre Fähigkeit zur Empathie, ihr Einfühlungsvermögen, ihre "Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer), ihr Verständnis von Selbstsorge und Lebenskunst waren kein Gegenstand der Untersuchung. Wenn wir jedoch weiter in Richtung Nachhaltigkeit gehen wollen, wäre eine Bildungsoffensive, die die Konturen des neuen Denkens anschaulich macht, ein guter nächster Schritt.

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