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Informationen zur politischen Bildung (Heft 276)
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Republik unter Druck |

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Alena Mípiková und Dieter Segert
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Die Tschechoslowakei, deren Verfassung am 29. Februar 1920 in Kraft trat und in die das seit 1919 bestehende Frauenwahlrecht verankert wurde, war eine parlamentarische Republik. Das Parlament bestand aus einem Abgeordnetenhaus, das die Regierung wählte und kontrollierte, und einem Senat als zweiter Kammer. Da die Wahlen zum Abgeordnetenhaus nach einem Verhältniswahlsystem ohne Sperrklausel erfolgten, war die Zahl der im Parlament vertretenen Parteien sehr groß, im Jahre 1925 beispielsweise waren es 16. Dadurch bedingt kam es zu häufigen Regierungswechseln.
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Die Regierungen wurden von den tschechischen Parteien dominiert. Das lag auch daran, dass die deutschen Politiker anfangs eine Beteiligung am neuen Staat ablehnten. Nach 1926 veränderte ein Teil von ihnen diese Position und versuchte nunmehr die Interessen der eigenen Wählerschaft durch eine aktive politische Mitwirkung zu vertreten. Zwischen 1926 und 1938 waren sie an der Regierung beteiligt und stellten zwei, ab 1929 drei Minister. Bis Mitte der dreißiger Jahre vertraten sie die große Mehrheit der deutschen Wählerschaft.
Die „Erste Tschechoslowakische Republik“ war ein für die damalige Zeit modernes Gemeinwesen, das seinen Bürgern und Bürgerinnen politische Beteiligungsrechte, ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit und freie Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichte. Anders als in den Nachbarstaaten blieb die Demokratie bis 1938 erhalten. Nach 1933 bot die Tschechoslowakei vielen politischen Emigrantinnen und Emigranten aus Deutschland Zuflucht.
Quellen politischer Instabilität
Ungeachtet ihrer Ausnahmestellung in dieser Zeit in Ostmitteleuropa wies die Tschechoslowakei jedoch eine Reihe von Defiziten auf, die größtenteils in den schwierigen Problemen wurzelten, die der Staat zu bewältigen hatte. Bis zu den Friedensverträgen 1919/1920 war der Grenzverlauf des neuen Staates ungeklärt. Dann kamen wie überall in Europa als Folge des Weltkrieges soziale Konflikte hinzu. Wirtschaftliche Schwierigkeiten erwuchsen aus dem Zerfall des früher einheitlichen österreichisch-ungarischen Wirtschaftsraums. Durch eine Umverteilung von Land und eine für diese Zeit bemerkenswerte Sozialgesetzgebung suchten die tschechischen Politiker den Spannungen entgegen zu steuern. Zu den sozialen Neuerungen gehörte neben dem Acht-Stunden-Tag eine Sozialversicherung und ein Programm des sozialen Wohnungsbaus.
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Die größte Quelle politischer Instabilität waren jedoch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien. Entsprechend dem Leitbild des modernen Nationalstaates sicherte die Verfassung jedem Bürger und jeder Bürgerin ungeachtet der jeweiligen Herkunft und gesellschaftlichen Zugehörigkeit gleiche politische und Bürgerrechte zu. Drei der in der Tschechoslowakei lebenden Volksgruppen, die zusammen über zwei Fünftel der Bevölkerung des Staates umfassten, standen diesem teilweise distanziert oder sogar feindselig gegenüber. Die Ungarn trauerten dem Verlust ihres Vaterlandes nach. Die Slowaken entfremdeten sich zunehmend von Prag. Das Verhältnis zu den Deutschen, das seit 1848 spannungsvoll gewesen war, verschlechterte sich 1918/19 noch einmal. Hier sollen nur die letzten beiden Gruppen genauer betrachtet werden.
Spannungen zwischen Slowaken und Tschechen
Die angespannten Beziehungen zwischen Slowaken und Tschechen sind auf den ersten Blick schwer verständlich, wurden die Slowaken doch ebenfalls dem staatstragenden tschechoslowakischen Volk zugerechnet. 1918 unterzeichneten slowakische und tschechische Exilpolitiker im amerikanischen Pittsburgh ein Abkommen, in dem sie sich für einen gemeinsamen Staat aussprachen. Allerdings unterschätzten sie dabei, dass Tschechen und Slowaken sich über lange Jahrhunderte in verschiedenen staatlichen Verbänden entwickelt hatten. Die Slowakei war fast ein Jahrtausend lang die ungarische Provinz „Oberungarn“ gewesen, in der die Ungarn zusammen mit den Deutschen die städtische Oberschicht gestellt hatten.
Als sich im 19. Jahrhundert auch eine slowakische Nationalbewegung herausbildete, hatte es zwar Bemühungen gegeben, die Verbindung mit den Tschechen zu beleben. Beispielsweise orientierte sich die slowakische Hoch- und Schriftsprache, die aus den verschiedenen slowakischen Dialekten erst entwickelt werden musste, dabei zunächst an einem Idiom aus der Westslowakei, das der tschechischen Sprache sehr verwandt war. Später allerdings setzte sich eine Sprachentwicklung durch, die deutlichere Unterschiede zur Sprache der slawischen Nachbarn im Westen festschrieb. So hatte es, als der gemeinsame Staat gegründet wurde, bereits über mehrere Jahrzehnte eine eigenständige kulturelle Entwicklung in der Slowakei gegeben.
Zu diesen kulturellen Unterschieden beider Völker kamen noch die Folgen des wirtschaftlichen Entwicklungsrückstands der Slowakei. Er trug dazu bei, dass sich eine Art tschechischer Oberhoheit etablierte: Die Beamten in der Slowakei waren häufig Tschechen, anfangs galt das auch für die Professoren der Universität in Bratislava. Die slowakische Autonomiebewegung sah darin eine tschechische Bevormundung.
Man kann darüber streiten, ob diese untergründigen Spannungen durch eine andere Politik zu vermeiden gewesen wären. Die in Pittsburgh angekündigte Föderation wurde jedenfalls nicht verwirklicht, sodass slowakische Politiker ihre Forderungen nach Autonomie mit einiger Berechtigung vortragen konnten. Dieser Anspruch war die Grundlage für die Bildung eines slowakischen Separatstaates nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Deutschland. Die Erinnerung an die Existenz dieses auch weiterhin schwelenden Konfliktes trug 1992/93 zur nunmehr dauerhaften Spaltung des tschecho-slowakischen Nationalstaates bei.
Deutsch-tschechische Konflikte
Die politischen Vertreter der in der Tschechoslowakei lebenden deutschen Volksgruppe, die seit 1919 nach dem Gebirgszug der Sudeten im Dreiländereck von Polen, Tschechien und Deutschland allgemein Sudetendeutsche genannt wurde, hatten zum Ende des Ersten Weltkriegs eine Vereinigung mit Österreich angestrebt und so die Chance auf die Aushandlung einer stärkeren deutschen Autonomie innerhalb der tschechisch dominierten Republik zunächst nicht wahrgenommen. Ab 1926 suchte sich dann jedoch die Mehrheit der sudetendeutschen Parteien, die sogenannten Aktivisten, durch politische Mitarbeit im Staat für die Belange ihrer Volksgruppe einzusetzen.
Trotzdem hielten die Klagen der Deutschen in der Tschechoslowakei über eine Benachteiligung an. Beispielsweise wurden sie nicht – wie die Tschechen und Slowaken – als Staatsvolk anerkannt. Nicht all ihre Probleme waren jedoch durch die Politik des Staates verursacht. Die große Zahl arbeitsloser Sudetendeutscher Anfang der dreißiger Jahre – im Winter 1932/33 stellten sie zwei Drittel der 920000 Arbeitslosen – beispielsweise lag vorwiegend in wirtschaftlichen Strukturen begründet. Die sudetendeutsche mittelständische Leichtindustrie war traditionell exportorientiert. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise aber brachen diese Außenmärkte zusammen. Andere Nachteile erwuchsen den Deutschen in der »SR aus dem Abbau ihrer früheren privilegierten Stellung; so wurde etwa die überproportionale Beschäftigung von Deutschen im öffentlichen Dienst durch die Pflicht zur Ablegung tschechischer Sprachprüfungen bewusst reduziert.
In den späten dreißiger Jahren eskalierten die Spannungen im Verhältnis der beiden ethnischen Gruppen. Schon seit Anfang des Jahrzehnts hatte parallel zur „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Deutschland der Einfluss extrem nationalistischer Gruppen unter den tschechoslowakischen Deutschen zugenommen. Nach dem Verbot rechter Parteien wie der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP), die als eine Gefahr für den tschechoslowakischen Staat angesehen wurden, diente die von Konrad Henlein (1898–1945) im Oktober 1933 gegründete Sudetendeutsche Heimatfront als Sammelbecken. Sie wandelte sich 1935 zur Sudetendeutschen Partei (SdP) und konnte im selben Jahr gleich 68 Prozent der sudetendeutschen Wählerstimmen auf sich vereinen. Die SdP geriet zunehmend unter Einfluss Adolf Hitlers und wurde direktes Werkzeug seiner Politik, die ab November 1937 vorerst im Verborgenen auf die „Beseitigung der Tschechei“ und die „Erledigung der tschechischen Frage“ zielte. Damit war faktisch die Politik der „Aktivisten“ gescheitert, die eine Interessenvertretung deutscher Wähler über eine Integration in den tschechoslowakischen Staat verfolgt hatten.
Die Tschechoslowakei zerbrach weniger an ihren inneren Spannungen als daran, dass sie von außen – mit Unterstützung eines Teils der sudetendeutschen Politiker – aktiv zerschlagen wurde. Ihr Ende war ein großer Schritt in Richtung auf den Zweiten Weltkrieg. |
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09. Februar 2012
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Dossier |
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