Tschechien
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Republik unter Druck


6.11.2002
1948 wird die Tschechoslowakei Teil des sowjetischen Machtbereichs. Im Gegensatz zu anderen Ostblockstaaten wird der Übergang zum Kommunismus hier von einer größeren Bevölkerungsschicht getragen und ist stärker demokratisch fundiert. Diese Ausrichtung prägt auch den "Prager Frühling". 1968 wird er von den Warschauer-Pakt-Staaten gewaltsam beendet und die Tschechoslowakei zur Linientreue gezwungen.

Den so genannten "Prager Fenstersturz" gab es in der tschechischen Geschichte gleich dreimal - 1419,1618,1947. Hier ist der zweite abgebildet.Den so genannten "Prager Fenstersturz" gab es in der tschechischen Geschichte gleich dreimal - 1419,1618,1947. Hier ist der zweite abgebildet. (© Public Domain, Wikimedia)

Einleitung



Mit der Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg bot sich den Tschechen und Slowaken die Chance auf einen eigenständigen Staat.

Politische Emigranten hatten sich während des Ersten Weltkriegs in den USA, Großbritannien und Frankreich um Unterstützung zur Gründung eines eigenen Staates bemüht. Besonders aktiv war dabei der Prager Philosophie-Professor und Politiker Tomápi G. Masaryk (1850–1937), der bereits 1914 mit Kriegsbeginn emigriert war und seitdem für das Prinzip der Eigenstaatlichkeit eintrat. Zusammen mit seinen Mitstreitern, darunter der Nationalökonom Edvard Benes (1884–1948) und der Slowake Milan Stefánik (1888–1919), initiierte er einen tschechischen Nationalrat, der noch vor Kriegsende von den Ententestaaten als provisorische tschechische Regierung anerkannt wurde. Am 18. Oktober 1918 wurde die Erste Tschechoslowakische Republik (bestehend aus Böhmen, Mähren und der Slowakei) in Washington ausgerufen und am 28. Oktober in Prag proklamiert.

Masaryk wurde im November 1918 von der provisorischen Nationalversammlung zum ersten Staatspräsidenten gewählt. Dieses Amt übte er bis 1935 aus. Der Präsident hatte eine starke Stellung inne und verstand sich als über den Parteien stehend. Politische Entscheidungen wurden in vielen Fällen vor ihrer Behandlung im Parlament in einem engen Zirkel von Masaryk nahe stehenden Politikern besprochen, der entsprechend dem Ort seiner Zusammenkünfte – dem Hradschin (Hradcany) – die "Burg" genannt wurde. Diese nach heutiger Auffassung autoritär wirkende Entscheidungsfindung des Präsidenten trug damals zu einer Stabilisierung des jungen Staates bei.

Erste Republik



Die Tschechoslowakei, deren Verfassung am 29. Februar 1920 in Kraft trat und in die das seit 1919 bestehende Frauenwahlrecht verankert wurde, war eine parlamentarische Republik. Das Parlament bestand aus einem Abgeordnetenhaus, das die Regierung wählte und kontrollierte, und einem Senat als zweiter Kammer. Da die Wahlen zum Abgeordnetenhaus nach einem Verhältniswahlsystem ohne Sperrklausel erfolgten, war die Zahl der im Parlament vertretenen Parteien sehr groß, im Jahre 1925 beispielsweise waren es 16. Dadurch bedingt kam es zu häufigen Regierungswechseln.

Ergebnisse der Wahlen zu tschechoslowakischen Abgeordnetenkammer, 1920-1935Ergebnisse der Wahlen zu tschechoslowakischen Abgeordnetenkammer, 1920-1935
Die Regierungen wurden von den tschechischen Parteien dominiert. Das lag auch daran, dass die deutschen Politiker anfangs eine Beteiligung am neuen Staat ablehnten. Nach 1926 veränderte ein Teil von ihnen diese Position und versuchte nunmehr die Interessen der eigenen Wählerschaft durch eine aktive politische Mitwirkung zu vertreten. Zwischen 1926 und 1938 waren sie an der Regierung beteiligt und stellten zwei, ab 1929 drei Minister. Bis Mitte der dreißiger Jahre vertraten sie die große Mehrheit der deutschen Wählerschaft.

Die "Erste Tschechoslowakische Republik" war ein für die damalige Zeit modernes Gemeinwesen, das seinen Bürgern und Bürgerinnen politische Beteiligungsrechte, ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit und freie Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichte. Anders als in den Nachbarstaaten blieb die Demokratie bis 1938 erhalten. Nach 1933 bot die Tschechoslowakei vielen politischen Emigrantinnen und Emigranten aus Deutschland Zuflucht.

Quellen politischer Instabilität

Ungeachtet ihrer Ausnahmestellung in dieser Zeit in Ostmitteleuropa wies die Tschechoslowakei jedoch eine Reihe von Defiziten auf, die größtenteils in den schwierigen Problemen wurzelten, die der Staat zu bewältigen hatte. Bis zu den Friedensverträgen 1919/1920 war der Grenzverlauf des neuen Staates ungeklärt. Dann kamen wie überall in Europa als Folge des Weltkrieges soziale Konflikte hinzu. Wirtschaftliche Schwierigkeiten erwuchsen aus dem Zerfall des früher einheitlichen österreichisch-ungarischen Wirtschaftsraums. Durch eine Umverteilung von Land und eine für diese Zeit bemerkenswerte Sozialgesetzgebung suchten die tschechischen Politiker den Spannungen entgegen zu steuern. Zu den sozialen Neuerungen gehörte neben dem Acht-Stunden-Tag eine Sozialversicherung und ein Programm des sozialen Wohnungsbaus.

Bevölkerungsgruppen der Ersten Republik (1921)Bevölkerungsgruppen der Ersten Republik (1921)
Die größte Quelle politischer Instabilität waren jedoch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien. Entsprechend dem Leitbild des modernen Nationalstaates sicherte die Verfassung jedem Bürger und jeder Bürgerin ungeachtet der jeweiligen Herkunft und gesellschaftlichen Zugehörigkeit gleiche politische und Bürgerrechte zu. Drei der in der Tschechoslowakei lebenden Volksgruppen, die zusammen über zwei Fünftel der Bevölkerung des Staates umfassten, standen diesem teilweise distanziert oder sogar feindselig gegenüber. Die Ungarn trauerten dem Verlust ihres Vaterlandes nach. Die Slowaken entfremdeten sich zunehmend von Prag. Das Verhältnis zu den Deutschen, das seit 1848 spannungsvoll gewesen war, verschlechterte sich 1918/19 noch einmal. Hier sollen nur die letzten beiden Gruppen genauer betrachtet werden.