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Think Tanks in Deutschland - Berater der Politik?


15.12.2003
In Deutschland wird der wissenschaftliche Sachverstand von der Politik zu wenig genutzt. "Think Tanks" müssen ihre Dienstleistungen zielgruppenorientierter vermarkten und aktiver Kontakt zu Politik und Wirtschaft suchen.

Politikberatung in der Krise?



"In den USA blüht die Kultur der ,Think Tanks`, in Deutschland haben sie nicht viel zu melden", lautete der Aufmacher, mit dem eine große deutsche Tageszeitung vor kurzem einen Bericht über die Politikberatung in Deutschland einleitete.[1] Zwar hat Politikberatung Konjunktur,[2] aber sie sieht sich zunehmend der Kritik ausgesetzt. Die Klagen über Defizite der wissenschaftlichen Beratungspraxis reißen nicht ab - insbesondere in einem der Hauptgebiete wissenschaftlicher Beratung, der Wirtschaftspolitik.[3] "Phobie gegen Praxisnähe", "theoretische Verspieltheit", "sprachliche Abschottung", "mangelnder Realitätsbezug und Unkenntnis der politischen Abläufe" sowie "Ignoranz des Faktors Zeitknappheit" - so urteilen die Macher über die Wissenschaftler. Umgekehrt sehen die Theoretiker die Politik weniger durch inadäquate Beratungsformen und den Mangel an Ideen als durch Umsetzungsprobleme institutioneller Art sowie durch politische Scheuklappen, politische Instrumentalisierung der wissenschaftlichen Beratung, schlechtes Zeitmanagement, die Unfähigkeit zur Prioritätensetzung und eine "Verarmung des zukunftsgerichteten Denkens"[4] blockiert. Diese Schuldzuweisungen sind kein spezifisch deutsches Phänomen.[5] Dahinter verbirgt sich das prinzipielle Problem der schwer in Einklang zu bringenden Funktionslogiken von Politik und Wissenschaft. "Der Politiker' erwartet political advice, der Berater will aber meist nur policy-advice geben - ein Konflikt, der in Deutschland besonders stark empfunden wird."[6]




Könnten Einrichtungen Abhilfe schaffen, in denen wissenschaftliche Experten arbeiten, die neben Sachverstand auch das Verständnis für die auf Problemlösung und Machterhalt/Machterwerb ausgerichtete Logik der Politik auszeichnet und die zudem über ausgeprägte kommunikative Kompetenzen sowie idealerweise über Kenntnisse der praktischen Politik verfügen, statt sich primär über den Tatbestand zu beklagen, dass die offizielle Politik wissenschaftliche Empfehlungen nicht immer umsetzen will oder sich aus den zumeist konträren wissenschaftlichen Empfehlungen die politisch zweckmäßigste und institutionell anschlussfähigste herauspickt? Solchen praxisorientierten sozial- oder wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten, für die sich die Begriffe think tanks oder "Denkfabriken" eingebürgert haben, gilt die Aufmerksamkeit dieses Beitrags. Wie entwickelt ist die "Think Tank'"-Kultur in Deutschland im Vergleich zum westlichen Ausland - insbesondere zu den USA und Großbritannien - und welches Potenzial haben die in Deutschland tätigen Institute, als Politikberater zu wirken?[7] Der Terminus think tank entstand während des Zweiten Weltkriegs in den USA. Er umschrieb einen abhörsicheren Ort (tank), an dem zivile und militärische Experten Invasionspläne schmiedeten und an militärischen Strategien feilten (think). Erst in den sechziger und siebziger Jahren bürgerte sich der Begriff zur Etikettierung von praxisorientierten Forschungsinstitutionen auch außerhalb der Sicherheitspolitik ein. Heute wird der Begriff "Think Tank" frei verwendet und ist schwer eingrenzbar. Nach dem Verständnis des Verfassers sind Think Tanks privat oder öffentlich finanzierte praxisorientierte Forschungsinstitute, die wissenschaftlich fundiert politikbezogene und praxisrelevante Fragestellungen behandeln und im Idealfall entscheidungsvorbereitende Ergebnisse und Empfehlungen liefern.



Fußnoten

1.
Marcus Albers/Miriam Hollstein, Die ratlose Republik, in: Die Welt am Sonntag vom 27.7. 2003, S. 3.
2.
Zur Schwierigkeit, zu verlässlichen Zahlen über Expertengremien zu gelangen, vgl. Sven T. Siefken, Expertengremien der Bundesregierung - Fakten, Fiktionen, Forschungsbedarf, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 34 (2003) 3, S. 483 - 504.
3.
Unter zahlreichen publizistischen Beiträgen zu diesem Thema siehe für die wirtschaftspolitische Beratung jüngst Karen Horn, Guter Rat ist umsonst, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19.10. 2003, S. 41.
4.
So der ehemalige Leiter der Planungsabteilung des Kanzleramts unter Gerhard Schröder, Wolfgang Nowak, der heute für die Alfred-Herrhausen-Stiftung in Frankfurt am Main tätig ist. Zit. in: M. Albers/M. Hollstein (Anm. 1) S. 3.
5.
Zum schwierigen Verhältnis der akademischen Sozialwissenschaft und der Politik in den USA vgl. Lisa Anderson, Pursuing Truth, Exercising Power. Social Science and Public Policy in the 21st Century, New York 2003. Andere Autoren weisen auf den immer breiter werdenden Graben zwischen den Theoretikern und den Praktikern der internationalen Politik hin. Vgl. u.a. Joseph Lepgold/Miroslav Nincic, Beyond the Ivory Tower. International Relations Theory and the Issue of Policy Relevance, New York 2001.
6.
Ulrich Heilemann, Politikberater als Mahner und Propheten? Zur Rolle der wirtschaftspolitischen Beratung in der Demokratie, in: Verein Freiburger Wirtschaftswissenschaftler (Hrsg.), Offen für Reformen? Institutionelle Voraussetzungen für gesellschaftlichen Wandel im Wohlfahrtsstaat, Baden-Baden 1998, S. 144.
7.
Der Beitrag stützt sich auf eine Auswertung von Daten und Befunden der internationalen Think-Tank-Literatur, auf die Auswertung von Hintergrundgesprächen des Verfassers mit Think-Tank-Verantwortlichen seit Mitte der neunziger Jahre sowie deren Interviews in den Medien sowie auf eine Befragung deutscher Think Tanks in den neunziger Jahren.

 
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