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Armut und Reichtum in Deutschland


15.7.2002
Nicht selten wird behauptet, dass die Kluft zwischen Arm und Reich den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde. Daraus kann man jedoch nicht direkt auf einen Kampf zwischen Arm und Reich schließen.

Einleitung



Seit einigen Jahren beobachten nicht nur Sozialwissenschaftler, dass die Ungleichverteilung von Armut und Reichtum weltweit wieder zugenommen hat. [1] Verdiente noch 1960 das reichste Fünftel der Menschheit 30 mal mehr als das ärmste, hat sich diese Relation heute auf etwa 75 : 1 erhöht. Nicht selten wird gefolgert, dass die sich öffnende Kluft zwischen Arm und Reich den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde. [2] Drohen die inzwischen wieder vielfältigen Gesichter der Armut die bundesrepublikanische Gesellschaft zu spalten?

Wir melden allerdings Zweifel an einer Sichtweise an, der zufolge von der ungleichen Armuts- und Reichtumsverteilung direkt auf den Kampf zwischen Arm und Reich zu schließen wäre. Wir wollen keineswegs bestreiten, dass die zu beobachtende Öffnung der Einkommensschere nicht wünschenswert sei. Es geht uns jedoch nicht um diese normative, letztlich politische Frage.

Vielmehr muss das Thema aus einer doppelten Perspektive behandelt werden: Erstens wollen wir in den beiden folgenden Kapiteln zunächst die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland aufzeigen. Um jedoch Aussagen und Prognosen über das Handeln der Armen und Reichen machen zu können, werden wir zweitens zur Diskussion stellen, wie in unserer Gesellschaft die Verteilung von Armut und Reichtum erlebt wird und welche Bedeutung Arme und Reiche ihr zuschreiben. Erst dann erhält man Hinweise auf Art, Ausmaß und Wahrscheinlichkeit sozialer Auseinandersetzungen.


Fußnoten

1.
Vgl. Peter Gottschalk/Timothy M. Smeeding, Cross-National Comparisons of Earnings and Income Inequality, in: Journal of Economic Literature, 35 (1997) 4, S. 633 - 687.
2.
Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Schwindet die integrative Funktion des Sozialstaates?, in: Berliner Journal für Soziologie, 7 (1997) 1, S. 5 - 20.

 
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