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Die vielen Gesichter des Islamismus


22.5.2002
Der Islamismus, oder politische Islam, ist eine politische Bewegung mit totalitären Ansätzen. Islamisten lehnen Pluralismus, Demokratie und Meinungsfreiheit grundsätzlich ab.

Einleitung



Im Januar 1998 gab Zbigniew Brzezinski, in den siebziger Jahren Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, dem Nouvel Observateur ein bemerkenswertes Interview. Darin räumte er zum ersten Mal öffentlich ein, dass die Amerikaner die afghanischen Mudschahedin bereits sechs Monate vor dem Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan unterstützt hatten. Ob er diesen Schritt heute bereue, fragte ihn daraufhin der Reporter. Brzezinski erwiderte: "Was soll ich bereuen? Diese geheime Operation war eine glänzende Idee. Wir haben dadurch die Russen in die afghanische Falle gelockt. Das soll ich bereuen? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten, habe ich an Jimmy Carter geschrieben: Wir haben jetzt die Gelegenheit, die UdSSR in ihren eigenen Vietnamkrieg zu verwickeln. Tatsächlich musste Moskau zehn Jahre lang einen Krieg führen, den die Regierung nicht rechtfertigen konnte, einen Konflikt, der die Sowjets demoralisierte und schließlich den Zusammenbruch des sowjetischen Reiches bedeutete."

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  • Was aber sei mit dem islamischen Fundamentalismus, fragte der Reporter. Ob es nicht ein Fehler gewesen sei, zukünftige Terroristen militärisch beraten und mit Waffen ausgerüstet zu haben. Keinesfalls, so Brzezinski: "Was ist bedeutsamer für die Weltgeschichte: die Taliban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Reiches? Einige aufgebrachte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?"

    "Einige aufgebrachte Muslime?", fragte der Reporter verdutzt. Aber es werde doch ständig davon geredet, der islamische Fundamentalismus sei eine Bedrohung für die gesamte Welt? Die Antwort Brzezinskis: "Unsinn! Es wird immer wieder gesagt, der Westen habe eine globale Strategie in Bezug auf den Islam. Das ist albern. Es gibt keinen globalen Islam. Wir müssen uns rational mit dem Islam befassen, ohne Demagogie und Emotionen. Mit 1,5 Milliarden Anhängern ist er die führende Religion der Welt. Aber was haben saudi-arabischer Fundamentalismus, das gemäßigte Marokko, pakistanischer Militarismus, das pro-westliche Ägypten oder zentralasiatischer Säkularismus gemeinsam? Nicht viel mehr, als christliche Länder miteinander verbindet." [1]

    Im Afghanistankrieg sind über 1 Million Afghanen und 15 000 Russen gestorben. Es ist eine Frage des Geschmacks, ein solches Blutbad als "glänzende Idee" zu bezeichnen. Aber Zynismus ist eine Eigenschaft, die vermutlich jeden Machtpolitiker auszeichnet. Das eigentlich Erstaunliche an dem Interview ist Brzezinskis Einschätzung über den "globalen Islam". Sie ist deswegen erstaunlich, weil sie nicht von einem Islamwissenschaftler stammt, dem man leicht Naivität, zu große Nähe zu seinem Studienobjekt oder einfach Weltfremdheit vorwerfen könnte. Ein ehemaliger amerikanischer Sicherheitsberater, der einen Krieg von den Ausmaßen wie in Afghanistan zu entfachen wusste und Gotteskrieger mit modernsten Waffen ausrüstete, kann aber schwerlich naiv oder weltfremd sein. Zynisch vielleicht, aber nicht naiv.

    Und so gilt auch nach dem 11. September 2001, was diverse Islamwissenschaftler und Nahostexperten bereits seit Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen versuchen: Islam ist nicht gleich Islam. Ein Muslim in Europa muss sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzen als ein Muslim in Indonesien oder im Jemen und wird sich entsprechend anders verhalten.

    Der Islam, so heißt es immer wieder, sei eine zutiefst politische und darüber hinaus allumfassende Religion, die ihren Anhängern in jeder Lebenslage genaue Vorschriften mache. Das mag sein. Ob sich Muslime zu jeder Zeit und an jedem Ort genau an diese Vorschriften halten, ist aber eine ganz andere Frage. Letztlich ist es die Realität, die darüber entscheidet, wie der Islam praktiziert wird. Darüber hinaus sind die Heiligen Texte des Islams interpretierbar. So gibt es zum Beispiel, entgegen landläufiger Meinung, weder im Koran noch in der Sunna die eindeutige Bestimmung, Religion und Politik gehörten zwangsläufig zusammen. Vielmehr gibt es beispielsweise keine eindeutigen Aussagen darüber, wie ein islamischer Staat auszusehen habe. [2] Der Islam ist, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, "überspitzt ausgedrückt, weitgehend das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren" [3] .

    Diesen Unterschied zu erkennen ist wichtig, um die Argumentation in diesem Beitrag nachvollziehen zu können. Er beschäftigt sich nicht mit dem Islam an sich, sondern mit einer politischen Bewegung, dem Islamismus, der gleichwohl für sich in Anspruch nimmt, den Islam an sich zu vertreten. Der Islamismus, oder der politische Islam, wie er auch genannt wird, glaubt durch den Rückgriff auf die Urquellen des Islams die Probleme der heutigen Zeit lösen zu können. Er verlangt von seinen Anhängern, aktiv auf die Errichtung eines islamischen Staates hinzuarbeiten, in dem Gott und nicht der Mensch der Souverän ist.

    Wie dieser Staat genau aussehen soll, ist vielfach unklar. Klar ist jedoch, dass diese Bewegung totalitäre Ansätze hat. Grundsätzlich lehnt der politische Islam Pluralismus, Individualismus und Demokratie ab. In seiner verblendeten Form läuft er Gefahr, in den Terrorismus abzugleiten - nämlich dann, wenn seine Anhänger glauben, die Errichtung der göttlichen Ordnung verlange einen permanenten Dschihad, in dem die vermeintlichen Feinde des Islams mit allen Mitteln bekämpft werden müssten. Der 11. September war die schreckliche Manifestation dieses verblendeten Islamismus.

    Dennoch lautet, in Anlehnung an das, was eingangs über den Islam gesagt wurde, die These dieses Beitrags: Islamismus ist nicht gleich Islamismus. Wenngleich sich die meisten islamistischen Bewegungen auf die gleichen Quellen berufen und die gleichen Ziele verfolgen, so unterscheiden sie sich in ihrem Verhalten teilweise erheblich voneinander. Für die Frage, wie mit diesen Bewegungen umzugehen ist, ist das von entscheidender Bedeutung. Deswegen beharren Islamwissenschaftler wie zum Beispiel die oben genannte Gudrun Krämer darauf, differenziert an dieses Phänomen heranzugehen. Besonders müsse man unterscheiden zwischen aggressiven Islamisten und denjenigen, die Gewalt nur als Verteidigung beim Angriff von Feinden befürworten. [4] Doch auch diese Herangehensweise ist umstritten.

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    Fußnoten

    1.
    Le Nouvel Observateur, 15.-21. Januar 1998, zitiert nach der englischen Übersetzung von Bill Blum (http://www.counterpunch.org/brzezinski.html).
    2.
    Vgl. Nazih Ayubi, Political Islam. Religion and Politics in the Arab World, London-New York 1994, S. 1 - 34.
    3.
    Gudrun Krämer, Gottes Staat als Republik. Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie, Baden-Baden 1999, S. 25.
    4.
    Jean Goddar, Islam ist das Top-Thema, in: Die Tageszeitung (taz) vom 14. 11. 2001.