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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 7/2005)

Die theo-konservative Politik Amerikas


Josef Braml
Inhalt

Einleitung

Religion und Politik in den USA

Symbiose zwischen Republikanern und Christlich-Rechten

Themen und Netzwerke der Religiösen Rechten

Etablierung eines religiös-moralischen Weltbildes

Religion und Politik in den USA
Die religiöse Landschaft der USA ist durch Vielfalt geprägt, wobei die Anteile der verschiedenen Konfessionen an der Gesamtbevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten relativ konstant geblieben sind:[2] Insgesamt bezeichnen sich über 80 % der Amerikaner als Christen. Die Protestanten stellen mit mehr als der Hälfte der Gesamtbevölkerung die größte Denomination dar, wobei die konservativeren (weißen) Evangelikalen mit 25,4 % zur stärksten Gruppe angewachsen sind. Sie verweisen die liberaleren (so genannten Mainline-)Protestanten mit 22,1 % auf Platz zwei. Wie sie ist auch die Gruppe der schwarzen Protestanten seit den sechziger Jahren leicht geschrumpft - auf knapp 8 % im Jahr 1996. Römisch-katholisch sind 21,8 % der Amerikaner.

Der Anteil der säkular orientierten Bevölkerung hat sich seit Mitte der sechziger Jahre beinahe verdoppelt und beträgt heute 16,3 %. Dieser Säkularisierungstrend gab überzeugten Glaubenshütern - vor allem evangelikalen Protestanten - Anlass, der gesellschaftlichen "Dekadenz" und dem "Verfall moralischer Werte" entgegenzuwirken. Evangelikale Protestanten, vor allem die Traditionalisten unter ihnen, haben eine auf das Jenseits gerichtete individuelle Heilserwartung, lehnen sozialreformerische Ideen ab und engagieren sich dafür, traditionelle Glaubenssätze und -praktiken zu bewahren und gegen die Moderne und den Liberalismus zu verteidigen. "Rechtgläubige" (true believers) beziehen politisch Stellung für "traditionelle amerikanische Werte" und gegen Säkularismus, Feminismus und Kulturrelativismus. Außenpolitisch setzen sich konservative Evangelikale für ein militärisch schlagkräftiges Amerika und den Schutz Israels ein.


Die Distanz zwischen Religion und Politik wurde in den letzten drei Jahrzehnten deutlich geringer:[3] Rechtgläubige Amerikaner sind politischer geworden. Evangelikale Protestanten machen mittlerweile knapp ein Viertel (2000: 24 %) der als Wähler registrierten Amerikaner aus.[4] Sie sind ein wichtiger Bestandteil der republikanischen Wählerschaft geworden: Innerhalb von drei Jahrzehnten (1964 - 2000) erhöhte sich der Prozentsatz der bekennenden Republikaner unter den Evangelikalen, und zwar sowohl bei den "engagierten" (von 42 auf 74 %) als auch bei den "anderen" (von 30 auf 49 %). Dieser Trend verstärkte sich insbesondere seit Mitte der achtziger Jahre. Zudem verdoppelte sich der republikanische Stimmenanteil unter den Katholiken - sowohl bei den "engagierten" als auch bei den "anderen"[5].

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession ist oft ein Indiz für die politische Einstellung der Menschen, die ihr angehören. Die Tiefe der persönlichen Überzeugung und der Grad des Engagements sind weitere wichtige Indikatoren. "Engagierte" Vertreter unterscheiden sich von "anderen" durch Häufigkeit von Kirchenbesuch und Gebet, die herausragende Bedeutung, die sie dem Glauben für ihr eigenes Leben zumessen, und das Festhalten an traditionellen Glaubenssätzen wie zum Beispiel den Glauben an Himmel und Hölle.[6] Engagierte Gläubige tendieren zu konservativeren politischen Einstellungen und haben eine merklich höhere Affinität zu den Republikanern. Demgegenüber bevorzugen weniger Engagierte tendenziell die Demokratische Partei.

Diese Koppelung ist den Wahlkampfstrategen des Präsidenten nicht verborgen geblieben. Ihr Kopf Karl Rove genießt das Vertrauen des Präsidenten. "An erster Stelle", so Rove, "existiert ein großer Unterschied (im politischen Verhalten) bei religiösen Menschen. (...) Man hat dies in den Umfragen der Wahlen 2000 gesehen, bei denen regelmäßige und häufige Kirchgänger mit überwältigender Mehrheit Bush wählten. Sie bilden einen wichtigen Teil der republikanischen Wählerbasis."[7]

Entsprechend ausgeprägt sind auch Selbstverständnis und Selbstbewusstsein politischer Strategen der so genannten "Christlichen Rechten", wie sich an den Aussagen des christlich-rechten Wortführers und Präsidenten der Organisation American Values, Gary Bauer, ablesen lässt: "Für einige in den liberalen Medien ist die Bezeichnung Christliche Rechte beinahe ein Schimpfwort, aber das ist meiner Meinung nach eine treffende Beschreibung." Tatsächlich handelt es sich laut Bauer "um Leute, die regelmäßig in die Kirche gehen und politisch konservativ sind"[8].

Empirische Regressionsanalysen - mit denen sich der Einfluss bestimmter Faktoren isoliert betrachten lässt - kommen zu dem Ergebnis, dass in den USA "der Einfluss religiöser Zugehörigkeit auf das Wahlverhalten beträchtlich ist und dem Einfluss demographischer Faktoren wie Einkommen und Bildungsniveau gleichkommt"[9]. Aus historischer Perspektive wird deutlich, dass religiöse Faktoren seit den achtziger Jahren deutlich größeren Einfluss auf das Wahlverhalten gewonnen haben.[10]

Im Wahlkampf 2004 wurde deutlich, dass religiöse Motivie eine wahlentscheidende Rolle spielen würden: In einer Umfrage vom November 2003 bekundeten etwa die Hälfte (48 %) der Republikaner oder der ihnen nahe stehenden Wähler, dass Religion ein wichtiger Faktor bei ihrer Wahlentscheidung ist, bei den Demokraten waren es nur 28 %.[11] Religion ist für zwei Drittel (64 %) der wahlberechtigten Amerikaner - so eine weitere Gallup-Analyse im März 2004[12] - ein wahlentscheidendes Kriterium.[13] Für Präsident Bush und die Parteistrategen der Republikaner galt es, dieses religiöse Potenzial zu aktivieren.

Mit Erfolg: Der amtierende Präsident konnte seine ohnehin starke Wählerbasis evangelikaler Christen erweitern. Bushs Wähleranteil unter weißen Evangelikalen erhöhte sich von 71 % im Jahre 2000 auf 76 % bei seiner Wiederwahl 2004 (78 % laut CNN National Exit Polls).[14] Ihm gelang es darüber hinaus, seinen Stimmenanteil bei katholischen Wählern zu erhöhen, ja er konnte mehr Stimmen als sein (katholischer) Herausforderer John Kerry gewinnen: 52 % versus 47 % für Senator Kerry.[15] Präsident Bush konnte konfessionsübergreifend vor allem auf praktizierende Gläubige zählen: Je häufiger zum Beispiel Amerikaner in die Kirche gehen, desto eher waren sie geneigt, für ihn zu votieren (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version).

Die von den Republikanern und der Religiösen Rechten angestrebte "moralische Mehrheit" zeichnete sich auch in Umfragen bei den Wahlen ab: Auf die Frage, welches Thema am wichtigsten für die persönliche Wahlentscheidung war, wurden "moralische Werte" am häufigsten genannt, gefolgt von den Themenbereichen Wirtschaft/Arbeitsplätze, Terrorismus und Irak. Amerikaner, denen die Irakfrage und Wirtschaftsfragen am wichtigsten waren, entschieden sich mit überwältigender Mehrheit für den Herausforderer John Kerry. Der amtierende Präsident Bush hingegen fand die größte Unterstützung bei Wählern, denen moralische Wertfragen am Herzen lagen und denen der Terrorismus Sorgen bereitete (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version).

Nach der Wahl wurde eine heftige Debatte geführt, ob "moralische Werte" wirklich ausschlaggebend waren. Kritiker der oben genannten CNN Exit Polls führten ins Feld, dass die gewählte Fragemethode mit vorgegebenen Antworten suggestiv gewesen sei und dadurch "moralische Werte" höher eingestuft worden wären, als dies bei offener Fragestellung der Fall gewesen wäre. Ausgewiesene Statistikexperten waren sich in dieser Frage ebenso uneinig. Um die wahlentscheidenden Faktoren genauer zu bestimmen, führte das renommierte Gallup-Institut eine weitere Umfrage durch, in der die Teilnehmer einer Umfrage unmittelbar vor den Wahlen nach dem Urnengang (vom 3. November bis 12. Dezember 2004) erneut befragt wurden - ohne dabei vorgegebene Antwortkategorien zu verwenden. Erwartungsgemäß kamen moralische Gründe insgesamt nicht mehr so häufig zur Sprache (15 %). Eine genauere Analyse der Daten verdeutlichte jedoch einmal mehr, dass die Wähler des Wahlsiegers George W. Bush am häufigsten moralische Werte/religiöse Überzeugungen (mit 25 %) als wichtigstes Kriterium ihrer Wahlentscheidung nannten, gefolgt vom Thema Terrorismus (21 %).

Freilich bleibt es schwierig, diese Themenkomplexe analytisch voneinander zu trennen: Ging Präsident Bush doch auch mit "moralischer Klarheit" (moral clarity) gegen die Terroristen vor und demonstrierte seinen Anhängern Führungsstärke und Entschlossenheit, indem er - anders als sein Herausforderer Senator Kerry, dem Wankelmütigkeit unterstellt wurde - klar zwischen richtig und falsch, ja zwischen "Gut" und "Böse" unterschied.
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09. Februar 2012
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