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"Asien" und seine "asiatischen Werte"


20.8.2003
Für die Europäer ist "Asien" das riesige Gebiet vom Bosporus bis Japan. "Asien" als solches existiert jedoch gar nicht - zumindest nicht in Form einer übergreifenden Kultur.

Was ist "asiatisch"



"Asien" ist ein europäischer Begriffsentwurf. Er stammt aus der griechisch-römischen Antike.[1] Seit der Zeit des ältesten europäischen Asienforschers, des griechischen Historikers Herodot, trägt die Bezeichnung "Asien" im europäischen Kontext die Konnotation von barbarischer Kraft, Wildheit und Unberechenbarkeit.




Auch Gottfried Wilhelm Leibniz teilte diese Sichtweise, wenn er am Ende des 17. Jahrhunderts China als "Europa des Ostens" bezeichnete, von dessen hoher Kultur und Philosophie er durch die Jesuiten aus dem Reich am anderen Ende des eurasischen Kontinents erfuhr.[2] Dieses Reich konnte kein "asiatisches", also barbarisches Reich sein. Was er und seine Zeitgenossen wie Christian Wolff darin sahen, war ein "konfuzianischer Idealstaat", ein Modell für die politischen Reformen in Europa. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde China durch Montesquieus Charakterisierung chinesischer Herrschaft als orientalischer Despotie im Orient verankert. Man spekulierte sogar über die ägyptische Abstammung der chinesischen Kultur. So wurde das riesige Gebiet vom Bosporus bis Japan in den Augen der Europäer eine "asiatische" Kultureinheit, welche die Geschichtsphilosophen mit dem Begriff der "Stagnation" oder dem der "Kindheit" der menschlichen Zivilisation fassten.

Seitdem verkörperte Asien für Europäer das, was Europa bereits hinter sich gelassen hatte. Die Bewertung der "Ursprünglichkeit" Asiens, sei es als etwas Überwundenes oder als etwas Verlorenes, steht im engen Zusammenhang mit den jeweiligen geistigen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Deshalb schrieb Edward Said, Asien bzw. der Orient seien für Europäer ein "Arsenal von Wünschen, Repressionen, Investitionen und Projektionen"[3]. Hermann Hesse schrieb einmal, Asien sei nicht ein Weltteil, "sondern ein (...) geheimnisvoller Ort (...) dort waren die Wurzeln alles Menschenwesens und die dunkle Quelle alles Lebens"[4]. Als ein solcher Ort der Projektion ist Asien bis heute in den westlichen Wahrnehmungen vorhanden.

"Asien" als solches existiert aber tatsächlich nirgendwo; zumindest nicht in Form einer übergreifenden Kultur, eines Zusammengehörigkeitsgefühls. In Ostasien kannte man nicht einmal den Begriff "Asien", bis Jesuitenmissionar Matteo Ricci mit seiner Weltkarte, die im 17. Jahrhundert in ganz Ostasien Verbreitung fand, den Begriff "Asien" in der Region einführte, allerdings ohne die ideologische Konnotation dieses Begriffes zu benennen. Die chinesischen Schriftzeichen, die Ricci zur Kennzeichnung "Asiens" in dieser Karte als erster benutzte, werden bis heute in ganz Ostasien verwendet, ebenso wie die Schriftzeichen für Europa.[5]



Fußnoten

1.
Vgl. Julia Kristeva, Fremde sind wir uns selbst, Frankfurt/M. 1990, S. 59.
2.
Siehe dazu ausführlicher Eun-Jeung Lee, "Anti-Europa". Die Geschichte der Rezeption von Konfuzianismus und konfuzianischen Gesellschaften in Europa seit der frühen Aufklärung, Münster - Hamburg 2003.
3.
Edward Said, Orientalism, New York 1978, S. 8.
4.
Hermann Hesse, Aus Indien, Frankfurt/M. 1980, S. 232.
5.
Vgl. Sukehiro Hirakawa, Matteo Ricci, Seoul 2002, S. 559.