30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

13.11.2006 | Von:
Axel Pohl
Andreas Walther

Benachteiligte Jugendliche in Europa

Die Benachteiligung Jugendlicher und damit verbundene Risiken sozialen Ausschlusses beim Übergang von der Schule in die Arbeit, ist ein europaweit diskutiertes Thema. Es werden die Ansätze zur Unterstützung benachteiligter Jugendlicher in 13 europäischen Ländern verglichen.

Einleitung

Das Wesen der Jugend an sich ist dabei, sich unter wirtschaftlichem und soziokulturellem Druck zu verändern. Jugendliche erreichen verschiedene Phasen des Lebens später als vorangegangene Generationen und auf weniger linearen Wegen als früher ... Der Übergang in den Arbeitsmarkt ist für Jugendliche mit Schwierigkeiten verbunden - die Jugendarbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch wie die Gesamtarbeitslosenquote in Europa (17,9 % ... verglichen mit 7,7 % bei den über 25jährigen). Jugendliche sind besonders dem Armutsrisiko ausgesetzt (19 % ... verglichen mit 12 % der 25- bis 64-Jährigen)." [1]



Mit dieser Diagnose leitet die Europäische Kommission ihre "Mitteilung über europäische Politiken im Jugendbereich" anlässlich des 2005 beschlossenen Europäischen Paktes für die Jugend ein. Sie greift damit einen Problemkomplex auf, der nicht nur auf nationaler, sondern zunehmend auch auf europäischer Ebene als politische Herausforderung betrachtet wird. Die Zwischenbilanz der im Jahr 2000 verabschiedeten Lissabon-Strategie, die Europa zur wettbewerbsfähigsten Wissensgesellschaft der Welt machen soll, fiel nicht nur wenig ermutigend aus, sondern zeigte, dass vor allem arbeitslose Jugendliche vergleichsweise wenig von Eingliederungs- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen profitierten.

Dies gilt in besonderem Maße auch für Deutschland, wo seit Mitte der neunziger Jahre das Angebot von Ausbildungsplätzen abgenommen und Jugendarbeitslosigkeit erheblich zugenommen hat. Unter dem Eindruck schlechter Schulleistungen besonders von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien - auch im internationalen Vergleich - wird dies neuerdings als 'mangelnde Ausbildungsreife' diskutiert.[2]

Das Zitat nimmt jedoch auch Bezug auf die jüngere europäische Jugendforschung, die den Wandel der Bedingungen sozialer Integration zunehmend unter der Perspektive von Lebenslauf und Biographie analysiert. Dabei gelten die Übergänge zwischen Jugend und Erwachsenenstatus, die sich zunehmend ins dritte Lebensjahrzehnt ausdehnen, als Kulminationspunkte des Zusammenwirkens von sozialen Strukturen und individuellem, biographischem Handeln. Auf der einen Seite verlaufen sie in strukturellen Bahnen, geprägt von Bildungssystem, Arbeitsmarkt und Wohlfahrtsstaat. Im internationalen Vergleich aufscheinende strukturelle Unterschiede lassen sich unterschiedlichen 'Übergangsregimes' - unterschiedlichen Weisen der Integration der jungen Generation in die Gesellschaft - zuordnen. Auf der anderen Seite sind sie in biographischer Perspektive zu bewältigende Anforderungen und Schnittstellen subjektiver Lebensentwürfe. Im Zuge gesellschaftlicher Modernisierung ist eine Entstandardisierung von Lebensläufen und Übergängen erfolgt: Übergänge sind umkehrbar, weil einzelne Schritte zurückgenommen werden müssen; sie sind fragmentiert, weil unterschiedliche Teilübergänge - in Bezug auf Familie, Lebensstil, Wohnsituation usw. - sich nicht mehr automatisch aus dem Übergang in die Arbeit ergeben, sondern eigenen Rhythmen folgen; sie sind individualisiert, weil sie zunehmend ohne Rückgriff auf zuverlässige, kollektive Muster entschieden und verantwortet werden müssen - auch wenn Ressourcen und Möglichkeiten nach wie vor ungleich verteilt sind. Soziale Ungleichheit und Benachteiligung bedeuten in diesem Kontext nicht mehr nur unterschiedliche Chancen sozialer Mobilität, sondern zunehmend Risiken sozialer Ausgrenzung. Deshalb fordert die Europäische Kommission in ihrer Mitteilung weiter "einen auf dem Lebenszyklus basierenden Ansatz in der Beschäftigungspolitik ... unter anderem durch verstärkte Bemühungen, Jugendlichen Beschäftigungspfade zu öffnen und die Jugendarbeitslosigkeit abzubauen, sowie durch konsequente Beseitigung geschlechtsspezifischer Unterschiede".[3]

Was dies heißen kann, was einzelne europäische Staaten darunter verstehen und wie sie dabei voneinander lernen können, ist Inhalt dieses Beitrags, der Ergebnisse einer Studie zum Vergleich von Maßnahmen für benachteiligte Jugendliche präsentiert, die die Autoren im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt haben.

Fußnoten

1.
Europäische Kommission: Mitteilung der Kommission an den Rat über europäische Politiken im Jugendbereich. Die Anliegen Jugendlicher in Europa aufgreifen - Umsetzung des Europäischen Pakts für die Jugend und Förderung der aktiven Bürgerschaft. SEC (2005) 693; www.ec.europa.eu/youth/whitepaper/post-launch/com_206_de.pdf (20.7. 2006).
2.
Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland, Ein indikatorengestützter Bericht, mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Bielefeld 2006.
3.
Europäische Kommission (Anm. 1).