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Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Motive und Entwicklung der Militäropposition gegen Hitler


24.6.2004
In der deutschen Zeitgeschichtsforschung haben mehrere Untersuchungen ein Motivbündel der militärischen Verschwörer erkennen lassen, das schon vor dem Krieg bestand und am 20. Juli 1944 zur Tat Stauffenbergs führte.

Einleitung



Sowohl unmittelbar nach dem gescheiterten Attentatsversuch auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 als auch nach Kriegsende im Mai 1945 war die Frage nach den Motiven der Verschwörer gegen den Diktator umstritten. Viele Deutsche hatten nach dem 20. Juli angesichts der schwierigen militärischen Situation Deutschlands ihr Unverständnis über den Anschlag auf den "Führer" geäußert, da sich das Reich in ihren Augen in einem erbitterten Kampf befand und sie noch immer ein siegreiches Kriegsende erhofften, wie verschiedene Berichte überliefern.[1] Für die NS-Propagandisten waren die Erklärungen Hitlers und Goebbels' zum Attentat verbindlich; demnach waren die Attentäter "vom Ehrgeiz zerfressene, ehrlose, feige Verräter", wie es der Präsident des "Volksgerichtshofs", Roland Freisler, mehrfach in den Urteilen der auf Weisung Hitlers veranstalteten Prozesse gegen die Verschwörer formulierte.[2] Erklärungen der Verurteilten fanden sich in der gleichgeschalteten und zensierten Presse des NS-Staates nicht. In den Schauprozessen war es ihnen fast unmöglich, ihre Motive darzulegen. Nur selten gelang es den Angeklagten, diese kurz zur Sprache zu bringen, wie beispielsweise Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, als er während der Verhandlung trotz Gebrüll und Unterbrechung durch Freisler auf die "vielen Morde" an den Juden im besetzten Polen 1939 hinwies, die für ihn besonderer Anstoß zum Widerstand gegen Hitler gewesen seien.[3]




Nach dem Ende des Krieges und dem Untergang des NS-Regimes bestimmten zunächst alliierte Erklärungen die Sichtweise über den Widerstand gegen Hitler. Danach habe es sich bei dem Umsturzplan "Walküre" am 20. Juli 1944 um einen späten Versuch militärisch-konservativer Kreise gehandelt, durch die Ausschaltung des Diktators das Deutsche Reich vor der militärischen Niederlage zu bewahren. Die Verschwörer galten als preußische Militaristen und Junker, deren Vorstellungen man beim Aufbau einer politischen Nachkriegsordnung in Deutschland auf keinen Fall berücksichtigen wollte.

In der deutschen Zeitgeschichtsforschung nach 1945 bemühte man sich um eine Rehabilitierung des Widerstandes gegen Hitler als das "andere, bessere Deutschland". Um diese Intention zu erreichen, haben viele Studien die breite Motivlage der Hitlergegner untersucht und das weite gesellschaftliche Spektrum der Opposition dargelegt.[4] Undokumentiert ist allerdings die dem britischen Premierminister Winston Churchill zugeschriebene Ehrenerklärung für den deutschen Widerstand aus dem Jahr 1946, mit der eine Wende der alliierten Betrachtung konstatiert wird: Die deutschen NS-Gegner seien "allein angetrieben von ihren Gewissensnöten zu dem Kampf gegen Hitler bewogen worden; ihr Widerstandskampf zähle deshalb zu den größten und vornehmsten Taten der Weltgeschichte"[5].

Mehrere Untersuchungen nach 1945 haben ein Motivbündel der militärischen Verschwörer erkennen lassen,[6] das schon vor dem Krieg bestand und schließlich am 20. Juli 1944 zur Tat Graf Stauffenbergs führte. Nicht selten kamen Motive hinzu oder bestehende wurden verstärkt, wenn das Regime seine politischen Ziele durch rücksichtslose Kriegführung und Vernichtungspolitik zu erreichen suchte.



Fußnoten

1.
Bundesarchiv (BA) Berlin, R 55/614, Bericht des Hauptreferates Pro PA im Reichspropagandaministerium vom 27. 7. 1944 betr.: Stimmungsmäßige Auswirkungen des 20. Juli 1944, S. 3 (Bl. 83). Zur Einschätzung und zum Ablauf des 20. Juli 1944 siehe Gerd R. Ueberschär, Stauffenberg - Der 20. Juli 1944. Frankfurt/M. 2004; Peter Hoffmann, Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 19793.
2.
Vgl. Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München (Hrsg.), Widerstand als "Hochverrat" 1933 - 1945. Die Verfahren gegen deutsche Reichsangehörige vor dem Reichsgericht, dem Volksgerichtshof und dem Reichskriegsgericht. Mikrofiche-Edition und Erschließungsband. Bearb. von Jürgen Zarusky und Hartmut Mehringer, München 1997 - 1998.
3.
Vgl. Gerd R. Ueberschär, Der militärische Widerstand, die antijüdischen Maßnahmen, "Polenmorde" und NS-Kriegsverbrechen in der ersten Kriegsjahren (1939 - 1941), in: ders. (Hrsg.), NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler, Darmstadt 2000, S. 31.
4.
Vgl. die Beiträge in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Der 20. Juli 1944. Bewertung und Rezeption des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, Köln 1994; Neuauflage: Der 20. Juli. Das andere Deutschland in der Vergangenheitspolitik nach 1945, Berlin 1998; vgl. auch Peter Steinbach, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, Paderborn 1994.
5.
Lothar Kettenacker, Die Haltung der Westalliierten gegenüber Hitlerattentat und Widerstand nach dem 20. Juli, in: G. R. Ueberschär, Der 20. Juli 1944 (Anm. 4), S. 29.
6.
Vgl. Manfred Messerschmidt, Motive der militärischen Verschwörer gegen Hitler, in: ebd., S. 107ff.