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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)
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Zuschauer, Fans und Hooligans |

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Franz-Josef Brüggemeier
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Am 29. Mai 1985 stand im ausverkauften Heysel-Stadion in Brüssel das Europa-Pokal-Endspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool bevor, als sich plötzlich erschreckende Szenen abspielten: Liverpooler Fans stürmten auf Zuschauer aus Turin los, die in Panik Zuflucht suchten. 39 von ihnen kamen um, und mehr als 400 erlitten teils schwere Verletzungen. Um die Situation nicht noch weiter anzuheizen, wurde das Spiel dennoch angepfiffen, während das deutsche Fernsehen wegen der schrecklichen Bilder die Übertragung abbrach.
Nur vier Jahre später, am 15. April 1989, war Liverpool an einer weiteren Katastrophe beteiligt, als die Mannschaft im Hillsborough Stadion in Sheffield ein Pokalspiel gegen Nottingham Forest bestritt. Auch hier brach eine Panik aus, bei der 96 Personen starben (Näheres siehe weiter unten unter "Erkenntnisse aus der Hillsborough-Tragödie").
Während der Weltmeisterschaft 1998 lieferten sich deutsche Fans anlässlich einer Begegnung zwischen Deutschland und Jugoslawien im nordfranzösischen Lens eine Straßenschlacht mit französischen Polizisten, bei der sie einen von ihnen so schwer verletzten, dass er sechs Wochen im Koma lag und seitdem schwerbehindert ist.
Dies sind nur die schlimmsten Krawalle, die in den letzten Jahrzehnten Fußballspiele überschatteten. Vor allem in den 1980er Jahren waren Spiele in nahezu ganz Europa immer wieder von Ausschreitungen begleitet, die glücklicherweise nur selten zu Todesfällen führten, aber oft mehr oder minder schwere Verletzungen sowie Zerstörungen zur Folge hatten. Zuschauer mussten zunehmend befürchten, Opfer gewalttätiger Fans zu werden, und die Besucherzahlen bei Fußballbegegnungen gingen zurück. Der Begriff Hooligan kam auf und allgemein wurde diskutiert, wo die Ursachen für diese Gewalt lagen, seit wann sie bestand und was dagegen unternommen werden konnte.
Ausschreitungen von Zuschauern besitzen eine lange Tradition. Bereits zwischen 1895 und 1914 wurden in England jedes Jahr rund 200 Fälle verzeichnet. Hier und bald darauf in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern konnte die Situation bei Fußballspielen so eskalieren, dass Zuschauer aufeinander losgingen. Zeitungen sahen darin Aktionen von Minderheiten und nannten in England die beteiligten Personen schon vor 1900 Hooligans, ein Begriff, dessen Ursprung unklar ist und der vermutlich anfangs ganz allgemein gewalttätige Personen bezeichnete.
In Deutschland tauchte der Begriff Hooligans erst in den 1970er Jahren auf, als die Ausschreitungen eine neue Qualität erreichten. Bis dahin waren diese eher selten und zufällig aufgetreten, wenn etwa ein Spiel besondere Spannung erzeugte oder traditionelle Rivalen aufeinander trafen. Dabei konnte es zu Raufereien oder Schlägereien kommen - wie bei Kirmessen, Schützenfesten oder anderen Anlässen, zu denen große Gruppen von Männern versammelt sind. Seit den 1970er Jahren hingegen nahm nicht nur die Zahl dieser Ausschreitungen zu. Vielmehr konnten sie auch ganz unabhängig vom Spielverlauf vorkommen, sich weit außerhalb der Stadien ereignen und systematisch vorbereitet werden, indem Hooligans zu bestimmten Ereignissen gezielt anreisten - so zur Fußballweltmeisterschaft in Frankreich 1998.
Diese neuen Formen der Gewalt waren leicht zu erkennen, da die daran Beteiligten keinen Hehl aus ihrem Verhalten machten und sich damit sogar brüsteten. Bedeutend schwieriger zu beantworten war die Frage, ob die Gruppe der Hooligans eindeutig abgrenzbar sei, wie viele Personen mit welchem beruflichen und sozialen Hintergrund zu ihr gehörten und warum es zu derartigen Ausschreitungen kam.
Soziologische Merkmale
Anfangs hielt man die ausgeprägte Gewaltbereitschaft für ein Kennzeichen aller Fußballfans, insbesondere der englischen. Daher wurden englische Vereine nach der Katastrophe im Heysel-Stadion für fünf Jahre von europäischen Wettbewerben ausgeschlossen, der FC Liverpool zunächst sogar auf unbestimmte Zeit und dann für sechs Jahre. Diese Entscheidung wurde weithin begrüßt, ebenso das damit verbundene harte Vorgehen gegen die zunehmende Gewalt der Hooligans, die in Holland, der Bundesrepublik und auch in einem diktatorischen Staat wie der DDR anzutreffen waren.
Das Alter der Hooligans lag meist zwischen zwanzig und dreißig Jahren, während der soziale Hintergrund unterschiedlich ausfiel. Zu ihnen gehörten Arbeitslose, Schulabbrecher oder Hilfsarbeiter ebenso wie Familienväter, Facharbeiter und Bankangestellte. Auch an ihrem Äußeren waren Hooligans nicht unbedingt zu erkennen. Viele kleideten sich bewusst nicht wie Fußballfans, sondern bevorzugten ein unauffälliges Aussehen, um den Polizeikontrollen zu entgehen. Um Anhänger anderer Mannschaften und die Polizei besser angreifen zu können, trugen sie ihre Kämpfe teilweise außerhalb der Stadien aus und verabredeten dazu Treffpunkte und Termine, oftmals mit den gerade aufkommenden Mobiltelefonen, was die Arbeit der Polizei erschwerte. So entstand der Eindruck, unter den Hooligans seien kaum Arbeitslose, dafür aber viele Abiturienten, Studenten, Jugendliche in guten beruflichen Positionen zu finden. Für sie sei die Suche nach Anregung und Nervenkitzel das Hauptmotiv, in ein Fußballstadion zu gehen und ihre Gewaltbereitschaft auszuüben. Neuere Untersuchungen aus dem Jahre 2001 haben hingegen gezeigt, dass Hooligans zwar aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen, die vermeintlich große Zahl von Studenten und sozial gutgestellten Personen jedoch einen Mythos darstellt. Überwiegend stammen sie aus sozialen Randschichten und sind durch Herkunft, mangelnde Ausbildung und geringe Perspektiven benachteiligt. Politische Orientierungen hingegen sind kein wesentliches Merkmal, wenngleich rechtsradikale Parolen eine gewisse Verbreitung erlangten.
Um Gewaltausbrüche zu verhindern, griff nicht nur die Polizei ein. In den 1980er Jahren entstanden zusätzlich Fanprojekte mit der Absicht, das Gespräch zu suchen und die Hooligans auf vielfältige Weise in die Gemeinschaft der "normalen" Fans zurückzuführen. Dabei galt (und gilt) die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs als ein wichtiger Grund für die wachsende Gewalt. Sie habe eine tiefe Kluft zwischen Spielern und Zuschauern entstehen lassen und zu einer Entfremdung geführt, die sich schließlich im gewalttätigen Verhalten der Hooligans äußere. Diese Erklärungen waren (und sind) plausibel, beruhen jedoch weitgehend auf Impressionen. Empirisch sind sie wenig abgestützt und zudem in sich widersprüchlich, da etwa das Verhalten der Hooligans aus den besseren Schichten schwerlich auf einen Verlust traditioneller Bindungen zurückgeführt werden kann.
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Quellentext
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Aktiv gegen Fußball-Rowdies Die Aktivitäten der deutschen Hooligans werden von Ermittlern der "Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) beim Landeskriminalamt in Düsseldorf beobachtet. Deren Beamte stehen in engem Kontakt mit den Experten verschiedener Polizeidienststellen in ganz Deutschland, wo die lokale Szene gewaltbereiter Fußball-Fans observiert wird. Die ZIS wurde 1992 eingerichtet.
In einer eigenen Datei sind die Namen von 6.000 deutschen Hooligans gespeichert. Alleine 2.100 Fußball-Rowdys stammen nach Erkenntnissen der Ermittler aus Nordrhein-Westfalen. In der Hooligan-Kartei tauchen nicht nur Straftäter auf. Vermerkt werden seit 1994 auch die Personalien von Randalierern, die einen Platzverweis erhalten und für potenziell gewalttätig gehalten werden.
Bei der WM 2006 sollen die Einschränkung der Reisefreiheit und Kontrollen an den Grenzen Hauptinstrumente im Kampf gegen die gewaltbereiten Hooligans sein.
Thorsten Moeck, "Randalierer werden registriert", in: Kölner Stadtanzeiger vom 16./17. April 2005
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Bemerkenswert ist auch, dass sich in den Debatten um Hooligans zeitweilig die Kriterien verschoben und Verhaltensweisen, die lange Zeit akzeptiert waren, nun als Ausbruch sinnloser Gewalt erschienen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Berichte über Länderspiele zwischen England und Schottland, die seit 1872 ausgetragen werden und insbesondere dann mit großen Emotionen verbunden sind, wenn der Außenseiter - meist die schottische Mannschaft - gewinnt. Als diese 1967 im Londoner Wembley-Stadion einen unerwarteten Sieg errang, stürmten ihre Anhänger den Platz, küssten den Rasen, auf dem ihre Helden gespielt hatten, nahmen Stücke davon zur Erinnerung mit und tanzten auf dem Spielfeld, das bald ganz zerfurcht aussah. Zehn Jahre später wiederholten sich die Ereignisse. Doch jetzt waren sie nicht mehr akzeptabel, denn seitdem hatte die Zahl der Ausschreitungen zugenommen und zu einer anderen Wahrnehmung geführt. Nun wurden die Jubelfeiern heftig kritisiert, die Mitnahme von Grasbüscheln als Verwüstung bezeichnet und die schottischen Zuschauer als betrunkene Horde geschildert, die den "heiligen" Rasen von Wembley ruiniert und große Zerstörungen angerichtet hätten.
Erkenntnisse aus der Hillsborough-Tragödie
Einen traurigen Höhepunkt erreichten skandalhungrige Zeitungsberichte nach den Ereignissen im Hillsborough Stadion in Sheffield. Sie beschrieben die dortigen Zuschauer als Bestien, die angetrunken ins Stadion kamen, alle Hemmungen ablegten und nicht nur die Panik mit ihren 96 Toten verursachten, sondern auch keine Hilfeleistungen durch Polizei oder Sanitäter zuließen. Einige von ihnen, so die Massenblätter Sun und Daily Star, hätten zudem Verstorbene bestohlen, Polizisten verprügelt und sogar auf Leichname uriniert.
Doch die Überlebenden von Sheffield hatten die Geschehnisse ganz anders erlebt und waren über die Berichte in den Medien nicht weniger entsetzt als die Familien der Opfer. Nach ihren Aussagen handelte es sich um ganz normale Jugendliche und Familienväter, um Arbeiter und Angestellte, Männer und Frauen, die nichts mit Hooligans gemein hatten. Die Regierung setzte deshalb eine Kommission ein, um Hergang und Ursache der tragischen Ereignisse zu untersuchen. Deren Bericht war eindeutig. Das Unglück war nicht auf das Verhalten der Zuschauer oder gar von Hooligans zurückzuführen. Die Ursache lag vielmehr im schlecht vorbereiteten Vorgehen der Polizei, die durch falsche Entscheidungen eine Panik hervorrief und damit den Tod unschuldiger Zuschauer verursachte.
Als besonders fatal erwies sich nach den Untersuchungsergebnissen, dass die einzelnen Zuschauerblöcke durch hohe Gitter voneinander abgetrennt waren. Diese hatten Vereine in den Jahren zuvor errichten lassen, um Ausschreitungen zu verhindern. Die Fans waren dadurch - wie unberechenbare Tiere - in Käfige gesperrt. Was angesichts früherer Ausschreitungen sinnvoll schien, führte jetzt zur Katastrophe. Denn in einzelne Blöcke waren viel zu viele Zuschauer eingelassen worden. Ein Gedränge entstand, das sich zu einer Panik auswuchs und die zahlreichen Todesfälle verursachte, da keiner den Käfigen entkommen konnte.
Die Untersuchungskommission verlangte deshalb, die Gitter wieder zu entfernen, um bei vergleichbaren Ereignissen Fluchtwege zu bieten. Sie forderte auch die Abschaffung von Stehplätzen, die wegen des engen Nebeneinanders der Zuschauer als besonders gefährlich galten und durch Sitzplätze ersetzt wurden. In den oberen Ligen gibt es in britischen Stadien deshalb heute nur noch Sitzplätze, eine Regelung, welche die UEFA mittlerweile allen Mannschaften vorschreibt, die an einem europäischen Wettbewerb teilnehmen. Das gilt auch für deutsche Vereine, die nur noch in den heimischen Ligen Stehplätze anbieten, da diese preiswerter sind und nach Meinung der Fans eine bessere Stimmung entstehen lassen. Bei internationalen Begegnungen hingegen werden Sitzplätze angebracht, um die Anforderungen der UEFA und der FIFA zu erfüllen - und um höhere Eintrittspreise fordern zu können. |
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10. Februar 2012
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Schriftenreihe (Bd. 519) |
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Fußball unterm Hakenkreuz
Der Historiker Nils Havemann beschreibt in seiner Darstellung, mit welchen Mitteln es den Nationalsozialisten gelang, den vordergründig "unpolitischen" Volkssport Fußball zur Stabilisierung ihres Systems zu missbrauchen. |
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