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Männer als Opfer von Gewalt


17.12.2004
Gewalt gegen Männer (durch Männer) ist eine weit verbreitete und eine zugleich weitgehend nicht wahrgenommene Realität. Sie wird von vielen Betroffenen verleugnet und nicht als soziales und schon gar nicht als politisches Problem erkannt.

Gewalt und Männer



Auf der Ebene der deutschen Kriminalstatistik[1] bildet sich seit langem ab, dass zwei von drei Tatverdächtigen Männer sind. So waren beispielsweise in der neuesten verfügbaren Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) aus dem Jahre 2003 85,5 Prozent aller Tatverdächtigen von leichten, gefährlichen und schweren Körperverletzungen Männer.[2] Weil die Gewaltbereitschaft von Männern zum Standardrepertoire der herrschenden Männlichkeitsvorstellungen gehört, erscheint männliche Gewalttätigkeit als "normal". In einer Analyse der männlichen Sozialisation arbeiten Lothar Böhnisch und Reinhard Winter[3] acht Bewältigungsprinzipien des Mannseins heraus: Externalisierung, Gewalt, Benutzung, Stummheit, Alleinsein, Körperferne, Rationalität, Kontrolle. In diesen Prinzipien drückt sich aus, dass die männliche Form der Weltaneignung auf Herrschaft und Kontrolle beruht und sich in einem verhängnisvollen patriarchalen Kulturbegriff vermittelt. In immer neuen Variationen dreht sich dieser um Unterwerfung, Aneignung, Sicherheben über ein Gegebenes oder um gewaltsame Veränderung eines Gegebenen.[4]




Dies ist alles bekannt und gilt weithin als "normal". Weniger bekannt hingegen ist, dass sich die mehrheitlich von Männern ausgeübte Gewalt auch überwiegend gegen Männer selbst richtet. Mit der Ausnahme von Sexualstraftaten[5] sind Männer als Opfer bei allen Delikten in der Überzahl. "Bei Mord und Totschlag, Raub und insbesondere bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung überwiegen männliche Opfer."[6]

Insbesondere für Jungen und junge Männer besteht ein höheres Risiko als für Mädchen und junge Frauen, Opfer von anderen Jungen oder Männern zu werden. "Die Opferziffer der männlichen 14- bis unter 18-Jährigen hat seit Mitte der achtziger Jahre um etwa das Zehnfache zugenommen, die der Mädchen um etwa das Fünffache."[7] Der Anteil ist in den Altersgruppen der 14- bis 18-jährigen und der 18- bis 21-jährigen Jungen bzw. jungen Männer am größten, wie aus der Grafik ersichtlich wird.

Auffallend an diesem Schaubild ist der Anstieg der Opferziffern bei den 14- bis 21-Jährigen im Zeitraum von 1985 bis 1999. Dies ist ein Zeichen der gesunkenen Toleranzschwelle gegenüber Gewalt und einer zunehmend bedrängten Männlichkeit. Die Erfahrung des Verletztwerdens gehört zu jedem Männerleben, insbesondere aber in und nach der Pubertät. Niederlage, Erniedrigung oder Demütigung sind tägliche Unterwerfungserfahrungen unter die Übermacht vor allem anderer Männer. Die verschiedenen Lebensbereiche, in welchen Männer vorwiegend Verletzungserfahrungen machen bzw. gemacht haben, verlaufen entlang der für ihre Entwicklung relevantenSozialisationsinstanzen wie Herkunftsfamilie, Gleichaltrigengruppe, Schule, Bundeswehr, Partnerschaft und Beruf. Deren offener Lehrplan lautet: "Männer werden systematisch dazu konditioniert, Schmerzen zu ertragen ... "[8] Sie lernen so, ihre Empfindungen von Verletzungen und das Leiden daran zu verbergen. Der Satz "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" scheint noch immer aktuell zu sein.


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Fußnoten

1.
Vgl. http://www.bka.de. Die Polizeiliche Kriminalstatistik bietet bislang die einzigen verlässlichen Zahlen. Sie wird aufgrund der Strafgesetze in der Bundesrepublik Deutschland in Form der polizeilichen Strafverfolgungsstatistik des Bundeskriminalamtes und der Strafvollzugstatistik des Statistischen Bundesamtes erstellt. Weil die PKS eine Verdachtstatistik und ein Arbeitsnachweis der Polizei ist, sind Datenerhebung, Dunkelfeldforschung und die Aussagekraft von Kriminalstatistiken jedoch nicht unproblematisch.
2.
Vgl. Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2003, hrsg. vom Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2004, S. 25.
3.
Lothar Böhnisch/Reinhard Winter, Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebensverlauf, Weinheim 1993, S. 128.
4.
Vgl. hierzu Carola Meier-Seethaler, Ursprünge und Befreiungen - eine dissidente Kulturtheorie, Zürich 1988.
5.
Der Männeranteil wird hierbei als sehr gering angesehen beträgt er (in der PKS von 2003 ist es ein Prozent). Dieser Bereich ist der Bereich, der durch Scham am stärksten verdeckt wird und mit dem die Strafverfolgungsbehörden am wenigsten rechnen. Vermutlich zeigt sich in der Polizeistatistik deshalb nur ein Bruchteil der sexuellen Übergriffe, denen Männer ausgesetzt waren.
6.
PKS 2003 (Anm.2), S. 7.
7.
PSB 2001, S. 493. Der Periodische Sicherheitsbericht (PSB) beruht auf der Polizeilichen Kriminalstatistik, vgl. http://www.bmi.bund.de/dokumente/ (11.10.2004).
8.
Sam Keen, Feuer im Bauch - Über das Mann-sein, Hamburg 1992, S. 57.

 
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