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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 39/2004)

Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa


Eine transnationale Herausforderung
Konrad H. Jarausch
Inhalt

Einleitung

Defizite eines europäischen Geschichtsbewusstseins

Paradoxe von Forschung ohne Resonanz

Ungelöste inhaltliche Probleme

Ansätze zu einer kritischen Europageschichte

Methodische Umsetzung

Herausforderungen der Europäisierung

Einleitung
Das Thema Europa geistert durch die Medien meist in Form von moralischen Appellen zur überfälligen Überwindung des Nationalstaats.[1] In Sonntagsreden entwerfen Politiker wie Joschka Fischer grandiose Visionen eines vereinigten Europas, das stark genug für eine einheitliche Außen- und Sicherheitspolitik und vielfältig genug für die Bewahrung kultureller Unterschiede sein soll. Dagegen zeigt sich die Öffentlichkeit eher desinteressiert, während Intellektuelle über die Probleme des Integrationsprozesses wie das Demokratiedefizit der "Brüsseler Bürokratie" diskutieren.[2] Deswegen fordert der Regensburger Politologe Jerzy Mackow analog zur Entwicklung des Nationalismus im 19. Jahrhundert den Entwurf einer "europäischen Idee", die er "Europäismus" nennt: Um durch Rückgriff auf die Geschichte eine gemeinsame Identität jenseits von "einem Haufen von nationalen Erzählungen und Legenden" zu schaffen, "müssen die Europäer europäische Geschichte lernen und verstehen".[3]

Zur Person
Konrad H. Jarausch
Ph.D., geb. 1941; Professor und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam; Lurcy Professor of European Civilization, University of North Carolina, Chapel Hill/USA.
Anschrift: ZZF, Am Neuen Markt 1, 14467 Potsdam.
E-Mail: jarausch@zzf-pdm.de

Veröffentlichungen u.a.: The Rush to German Unity, Oxford-New York 1994; Die unverhoffte Einheit 1989 - 1990, Frankfurt/M. 1995; (Hrsg. zus. mit Martin Sabrow) Weg in den Untergang. Der innere Zerfall der DDR, Göttingen 1999; (zus. mit Michael Geyer) Shattered Past: Reconstructing German Histories, Princeton, NJ 2003.


Die Europäische Union (EU) hat die Strategie einer Legitimation von Integration durch Stiftung eines gemeinsamen Geschichtsbildes bisher kaum berücksichtigt. Zwar handelten die Gründungsväter aus dem expliziten Wunsch, die Wiederholung der historischen Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Schaffung von Gemeinsamkeiten jenseits des Nationalstaats zu verhindern.[4] Aber der Verfassungsentwurf des Europäischen Konvents vom Sommer 2003 enthält nur vage Anspielungen auf die "kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen", die eine Wertegemeinschaft begründen, sowie auf die Notwendigkeit, trotz des Stolzes auf die "nationale Identität und Geschichte (...) die alten Trennungen zu überwinden". Es fehlt jede Erwähnung der Nationalitätenkonflikte, ethnischen Säuberungen, Weltkriege sowie Genozide. Der Abschnitt über Kultur enthält nur eine Absichtserklärung, zur "Verbesserung der Kenntnis und Verbreitung der Kultur und Geschichte der europäischen Völker" einen Beitrag leisten zu wollen.[5]

Auch die Subdisziplin der Zeitgeschichte ist denkbar schlecht dafür gerüstet, die Erarbeitung eines europäischen Geschichtsbildes in Angriff zu nehmen, da sie noch immer primär nationalhistorisch ausgerichtet ist. Grundsätzliche Überlegungen zu ihrer Entwicklung und Periodisierung von Hans-Günter Hockerts und anderen sind hauptsächlich auf die Aufarbeitung der NS-Diktatur sowie das langsame Entstehen einer eigenständigen Nachkriegsgeschichte fokussiert.[6] Durch den Zusammenbruch des Kommunismus kam das Thema der zweiten deutschen Diktatur hinzu, so dass die Zeitgeschichte sich mit einer "doppelten Vergangenheitsbewältigung" herumschlagen muss.[7] Erst in letzter Zeit haben einige Autoren wie Christoph Kleßmann "Europäische Zeitgeschichte als Problem" erkannt und auf die Notwendigkeit einer systematischeren Auseinandersetzung mit dem westlichen und östlichen Kontext sowie dem europäischen Integrationsprozess hingewiesen.[8] Inhaltliche Konsequenzen haben diese Aufrufe jedoch kaum gehabt.

Wie sollen Zeithistoriker mit der Treitschke-Versuchung umgehen, den Integrationsprozess durch die Konstruktion einer europäischen Meistererzählung zu rechtfertigen? Der Kölner Historiker Jürgen Elwert beantwortet diese Frage eindeutig positiv: "So wie die Nationalhistorie des 19. Jahrhunderts wesentliche Teile des Stoffes geliefert hatte, aus der die nationalen Identitäten gemacht wurden, muss eine moderne europäische Geschichtsforschung dazu beitragen, den europäischen Integrationsprozess flankierend-argumentativ zu unterstützen."[9] Jedoch warnen Euroskeptiker vor einer vorzeitigen Verabschiedung vom Nationalstaat und einer weiteren politischen Selbstinstrumentalisierung der Geschichtswissenschaft.[10] Um Distanz für eine selbstreflexive Beurteilung zu gewinnen, werden die folgenden Bemerkungen zunächst einige Defizite des Geschichtsbildes andeuten, sodann die fehlende Resonanz der Europaforschung thematisieren, noch zu lösende intellektuelle Probleme ansprechen und schließlich inhaltliche wie methodische Alternativen skizzieren.
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08. Februar 2012
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Inhalt
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Nation und Nationalismus
Editorial
Zeitgeschichte zwischen Nation und Europa
Nation und Nationalismusin der deutschen Geschichte
Ethnonationalismus und das politische Potenzial nationalistischer Bewegungen
"Behausung des Menschen in einer unbehausten Welt"
Die Deutschen - eine Nation?
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