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Informationen zur politischen Bildung - aktuell

Nordkaukasien - von Widerstand geprägt


Uwe Halbach
Inhalt

Einleitung

Bevölkerungsbewegung

Ethnische und sprachliche Vielfalt

Historische Entwicklung

Sezessionskonflikt mit Tschetschenien

Politische und ökonomische Besonderheiten

Historische Entwicklung
Als mit der russischen Armee im 19. Jahrhundert im Dienste des Zaren stehende Völkerkundler in die Region kamen, waren sie von der Vielfalt historischer Entwicklungszustände bei den dortigen Völkern fasziniert. Neben sozialen und politischen Systemen mit starker Ständegliederung und feudaler Fürstenherrschaft fanden sie politisch dezentral organisierte und freie Gemeinden vor. Gebirgszüge trennten die Volksgruppen voneinander. Dennoch gab es wirtschaftliche und kulturelle Berührungen zwischen ihnen, die sich in ähnlichen kulturellen, sozialen und gewohnheitsrechtlichen Institutionen (Ältestenrat, Blutrache, Rituale der Gastfreundschaft) widerspiegelten. Anders als im Südkaukasus, wo Georgier, Armenier und Aserbaidschaner auf frühe Staatsbildungen zurückblicken, gab es im Nordkaukasus keine Staatenbildung auf einheimischer Grundlage, die über engste lokale Grenzen hinausreichte. Wenn nordkaukasische Völker in größere staatliche Zusammenhänge integriert waren, dann handelte es sich um externe Reichsbildungen wie zuletzt das Zarenreich und die Sowjetunion.

Widerstand gegen russische Kolonialisierung

Die Berührung mit Russland beginnt im 16. Jahrhundert mit der Gründung von Kosakengemeinden an den Flüssen Terek und Kuban. Im 17. und 18. Jahrhundert kommt es zu wichtigen Veränderungen - einerseits zur verstärkten Verbreitung des Islam unter den Bergvölkern, andererseits zur Ausweitung russischer Kolonisation im Vorgebirge. Der Widerstand gegen die systematische russische Expansionspolitik regte im 19. Jahrhundert ein gewisses Maß politisch-religiöser Einigung unter den Bergvölkern an. Die Kaukasuskriege zwischen 1817 und 1864 schleusten einige hunderttausend russische Soldaten durch die "kaukasische Gefechtsschule" und belasteten die Finanzen des Zarenreichs. Während die südkaukasischen Länder schon weitgehend unter zaristische Herrschaft gelangt waren und die Kaukasusarmee vor allem in Georgien Quartier bezog, leisteten nordkaukasische Muslime den vehementesten Widerstand, auf den Russland in seiner gesamten Kolonialgeschichte seit dem 16. Jahrhundert gestoßen war.

In Dagestan und Tschetschenien wurde dieser Widerstand von Imamen geleitet und als Ghazawat (von arab.: ghazw = Angriff, Expedition) definiert. Gemeint war damit der militärische Aspekt von Dschihad als bewaffneter Glaubenskampf, der besonders im Fall der Abwehr eines Angriffs durch eine nicht-islamische Macht zur religiösen Pflicht wird. In Europa und besonders in England, das sich in kolonialer Konkurrenz mit Russland um die Herrschaft im Vorderen Orient und in Indien befand, wurde der Widerstand der Dagestaner und Tschetschenen unter der Führung des Imam Schamil gegenüber der russischen Kaukasusarmee zwischen 1834 und 1859 aufmerksam verfolgt. Auf seiner Basis entstand auf dem Gebiet der heutigen Teilrepubliken Dagestan und Tschetschenien ein regelrechter "islamischer Staat" (Imamat) im östlichen Nordkaukasus. Im westlichen Teil der Region kämpften einheimische Volksgruppen - in Europa kollektiv als "Tscherkessen" bezeichnet - mit türkischer und britischer Unterstützung gegen russische Festungen am Schwarzen Meer und hielten den Widerstand auch nach der Kapitulation Schamils noch fünf Jahre lang aufrecht.

1864 gilt als das Jahr für die Unterwerfung der gesamten Region unter die zaristische Oberherrschaft. Nachfolgend versuchte Russland seine neuen Herrschaftsgebiete im kaukasisch-kaspischen Raum zu "befrieden": Dies geschah teils durch Verdrängung ihrer Bevölkerung mit Hilfe der Ansiedlung russischer Kolonisten (vor allem im Westteil), teils durch Zusammenarbeit mit den Adelsschichten einiger Völker, zum Teil aber auch durch brutale Strafexpeditionen. Die tscherkessische Volksgruppe, bis dahin die zahlenmäßig stärkste im Nordkaukasus, wurde bis auf einen geringen Überrest (1897: 44000) aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als eine Million kaukasische Muslime flohen in Gebiete des Osmanischen Reichs. Ihre Nachfahren leben heute vor allem in der Türkei, in Jordanien und anderen Teilen des Mittleren Ostens (zwischen 3,5 und fünf Millionen Menschen). Statt eine nachhaltige "Befriedung" der Region zu erreichen, war die russische Kolonialherrschaft immer wieder mit aufflackerndem Widerstand konfrontiert.

Sowjetische Herrschaft

Nach 1917 kam es zu kurzlebigen Staatsbildungen auf autonomer Grundlage (1918 "Imamat der Bergvölker", "Nordkaukasische Föderative Republik" im Westen, 1919 "Nordkaukasisches Emirat" im Osten) . Im November 1920 wurde die Sowjetrepublik der Bergvölker (Gorskaja Respublika) ausgerufen, wobei Dagestan einen eigenen Republikstatus erhielt. Aus der neuen Bergvölker-Republik wurden in den folgenden Jahren einzelne autonome Gebiete und Republiken im Bestand der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ausgegliedert. Die bis dahin vorwiegend russischen Verwaltungskader wurden im Zuge der Leninschen Nationalitätenpolitik der "Einwurzelung" durch Einheimische ersetzt. In den Schulen gab es Unterricht in lokalen Sprachen, die in vielen Fällen erstmals auch schriftlich kodifiziert wurden. Doch gegen Ende der zwanziger Jahre griffen die sowjetischen Behörden immer brutaler in die Lebensverhältnisse der kleinen Völker ein, um ihre Vorstellungen von "Modernisierung" und Gleichschaltung durchzusetzen. Sie beseitigten lokale Rechts- und Verwaltungsorgane, autonome Dorfgerichte und islamische Bildungs- und Rechtsinstitutionen. 1928 begann die Kollektivierung der Landwirtschaft, die im Nordkaukasus mit Zwangsumsiedlungen von Gebirgs- in Talregionen begleitet war.

Die Antwort auf diese gewaltsamen Eingriffe war eine Serie von Aufständen 1928 bis 1931, die nach sowjetischen Quellen als "Banditentum" bezeichnet wurden. Die sowjetischen Machtorgane führten eine "allgemeine Operation zur Ausmerzung antisowjetischer Elemente" im Nordkaukasus durch. In Tschetschenien setzten sich die Unruhen jedoch bis in die Zeit des "Großen Vaterländischen Krieges" (1941-1945) fort. Seit Januar 1940 formierte sich hier erneut bewaffneter Widerstand unter Führern wie dem Schriftsteller Hassan Israilow.

Den Höhepunkt stalinistischer Gewalt markierten die Deportationen ganzer Völker in den Jahren 1943/44. Es begann mit der Zwangsumsiedlung des karatschaiischen Volkes vom November 1943 bis Februar 1944 (rund 70000 Deportierte). Dann folgten im Februar 1944 Tschetschenen und Inguschen (380000 bzw. 91000 Deportierte) und im März 1944 Balkaren (rund 37000 Deportierte). Diese nordkaukasischen Völker stehen in einer Reihe mit anderen unterdrückten Volksgruppen, die dem stalinistischen Deportationsterror anheim fielen - darunter Deutsche (1,2 Millionen von 1941-1944), Krimtataren (mehr als 200000 im Mai 1944) und südkaukasische Ethnien. Die Deportierten wurden unter entsetzlichen Umständen bei Frost, in überfüllten Güterzügen und Viehwaggons mit den Aufschriften "Banditen" und "Volksfeinde" nach Zentralasien und Sibirien transportiert. Bei diesem Massentransport in die Deportationsgebiete kam ein beträchtlicher Teil der Deportierten ums Leben, weitere starben nach der Ankunft. Allein die Stärke des tschetschenischen Volkes nahm zwischen den Volkszählungen von 1939 und 1959 um 22 Prozent ab. Bis heute gilt der 23. Februar in Erinnerung an die Deportation 1944 in Inguschetien und Tschetschenien als Volkstrauertag.

Dieser Akt genozider Gewalt ging mit dem Verbot jeder weiteren Erwähnung der deportierten Völker einher. Doch selbst unter diesen Umständen wahrten insbesondere das tschetschenische und inguschetische Volk an ihren Deportationsorten in Usbekistan und Kasachstan ihr kulturelles und religiöses Erbe und entwickelte dort so etwas wie nationalen Zusammenhalt. Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn hob die tschetschenische Nation als eine hervor, die sich in der Deportation am konsequentesten weigerte, "die Psychologie der Unterwerfung zu akzeptieren". Ihre zunächst illegale Rückwanderung nach dem Tode Stalins 1953 verdeutlichte diesen Widerstandswillen.

In der Zeit nach Stalin wurden zwar die meisten deportierten Völker rehabilitiert und in ihre Heimat zurückgelassen. Neue Konflikte waren jedoch bereits vorprogrammiert. Denn nach ihrer Deportation waren Territorien ihrer autonomen Gebietskörperschaften teilweise an umliegende Verwaltungseinheiten übertragen worden und bei ihrer Rückkehr stießen die Deportierten mit den Ansprüchen der Neuansiedler zusammen. Das begründete territoriale Revisionsansprüche, die nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder virulent wurden, und zum Beispiel 1992 zu einem blutigen Konflikt zwischen Inguschen und Osseten um einen Gebietsteil bei Wladikawkas führten.

Zugleich bemühten sich die sowjetischen Behörden in der Zeit nach Stalin, die Bergvölker von ihrer Kultur und Geschichte und vor allem von der Erinnerung an den Widerstand ihrer Vorfahren zu trennen. So wurde 1950 der Ghazawat, der bis dahin auch in sowjetischen Geschichtsbüchern noch als "antikolonialer Widerstand" gegolten hatte, in einen Aufstand reaktionärer volksfeindlicher Kräfte umgedeutet. Doch nationale und religiöse Traditionen entzogen sich der behördlichen Kontrolle: Nordkaukasische Muslime praktizierten außerhalb offizieller religiöser Verwaltungs- und Bildungsorgane einen Brauchtums-Islam, der von Traditionen und Organisationsformen des Sufi-Ordenswesens geprägt war; ein beträchtlicher Teil der Gläubigen - vor allem im östlichen Teil der Region (Dagestan, Tschetschenien) - war in religiösen Bruderschaften (tariqat) organisiert.

Souveränitätsbestrebungen in der Russischen Föderation

Nach der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 sah sich die Politik in Russland unter dem neuen Präsidenten Boris Jelzin mit erheblichen Übergangsproblemen konfrontiert. Dies galt besonders für die kaukasische Peripherie, da Moskau gegenüber dieser problematischen Region keine konsequente und kohärente Politik praktizierte. In dieser Periode nahm der eskalierende Konflikt mit Tschetschenien seinen Ausgangspunkt.

Mit der Verstärkung nationaler Bewegungen unter den Völkern der sich auflösenden Sowjetunion und später innerhalb der Russischen Förderation gerieten auch die ethno-politischen und territorialen Verhältnisse im Nordkaukasus in Bewegung. Im nordkaukasischen Völkerlabyrinth tauchten zahlreiche nationale Volksfronten auf, die für die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Belange ihrer jeweiligen Volksgruppe eintraten, wobei es zu gegenläufigen Prozessen kam: Einerseits gerieten politische Organisationen einzelner Volksgruppen untereinander in Konflikt oder begaben sich, wie im Falle Tschetscheniens, in Konfrontation zur geschwächten russischen Zentralgewalt. Andererseits versuchten transethnische regionale Bewegungen die Völker auf der Basis historischer, kultureller und religiöser Gemeinsamkeiten zu vereinigen. Aber mannigfache interethnische Spannungen und Konflikte in der Region ließen solche Einigungsideen als utopisch erscheinen. Die Kämpfe zwischen Osseten und Inguschen um den Bezirk Prigorodnyj bei Wladikawkas machten dies 1992 deutlich. Sie waren aus Moskauer Sicht "der erste bewaffnete Konflikt auf dem Territorium Russlands" nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Dem Trend der Unionsrepubliken folgend, gaben seit 1990 auch autonome Gebiete und Republiken der RSFSR von Karelien im Norden bis zur kaukasischen Peripherie im Süden Souveränitätserklärungen ab. Unter "Souveränität" verstanden sie dabei nicht die volle staatliche Unabhängigkeit unter Lostrennung von Russland, sondern lediglich den Anspruch auf mehr kulturelle, wirtschaftliche und politische Autonomie. Unter diesen Erklärungen befand sich auch eine "Deklaration über die staatliche Souveränität der Tschetscheno-Inguschischen Republik" vom 27. November 1990. Sie erregte bei der allgemeinen "Souveränitätsparade" kaum Aufmerksamkeit. Doch in der Folgezeit entwickelte sich zwischen diesem Landesteil und Moskau der blutigste Konflikt innerhalb der zerfallenen Sowjetunion.
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09. Februar 2012
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