APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Japans


20.8.2003
Das "japanische Modell" ist im letzten Jahrzehnt gründlich entzaubert worden. Wie in Deutschland zeigen sich auch in Japan die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gruppen großenteils unfähig, den wirtschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen der Globalisierung zu begegnen.

Deutschland und Japan heute - ein Vergleich lohnt



Es ist von einem "verlorenen Jahrzehnt" zu berichten, in dem das "japanische Modell" gründlich entzaubert wurde - wenn es denn je eines gegeben hat. Das Fazit der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts ist ernüchternd: Der Bogen innenpolitischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung Japans spannt sich vom dynamischen Aufbruch 1993/94 (nach Überwindung schwerer Korruptionskrisen) bis hin zu einem lähmenden Reformstau am Beginn des 21. Jahrhunderts. Japan sieht sich in diesen Tagen mit denselben Problemen konfrontiert, an denen die zwei erfolgreichsten und scheinbar unschlagbaren "Nachkriegsmodelle" kranken. Länder, die nach 1945 den Frieden gewannen - Japan und Deutschland - zeigen sich heute in ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gruppen großenteils unfähig (und nicht zuletzt wohl auch unwillig), den wirtschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen der Globalisierung zu begegnen und zugleich ein eigenes sicherheitspolitisches Profil zu entwickeln. Gerade Japan und Deutschland müssen ihre Wirtschaftsstrukturen und Unternehmensverfassungen umbauen: Die USA definieren ihre globale Rolle ohne Rücksicht auf die nationalen Interessen ihrer wichtigsten Verbündeten völlig neu, und so sind Deutschland und Japan unerwartet vor die Aufgabe gestellt, eine Wahl zu treffen zwischen vorbehaltloser Unterstützung jedweder amerikanischer Position und einer eigenständigen Strategie, u.U. auch gegen die außenpolitischen und weltwirtschaftlichen Positionen der USA. Zu nennen sind hier die Nahost-Politik, der Krieg gegen den Irak und nicht zuletzt die globale Umweltpolitik. Japan und Deutschland mussten unvermittelt globale Verantwortung übernehmen, worauf sie aufgrund der Tradition ihrer politischen Kultur nur unzureichend vorbereitet waren. Das Schlüsseldatum für Japan war der 11. September 2001, für Deutschland setze die sicherheitspolitische Emanzipation mit den verschiedenen Krisen auf dem Balkan ein. Aus den "Riesenzwergen" Japan und Deutschland wurden so gezwungenermaßen weitgehend selbstständige und damit gleichberechtigt handelnde Akteure auf der globalen Bühne - an der Seite der USA und mit neuen, unerwarteten Verantwortungen. Deutschland hat diese Herausforderung einer eigenständigen Politik im Rahmen der EU mit allen Konsequenzen angenommen - Japan entschied sich unter Ministerpräsident Junichirô Koizumi für einen bedingungslosen Schulterschluss mit den USA. Dabei ist zu betonen, dass Japan sicherheitspolitisch letztlich nur eine Garantie hat: den bilateralen Bündnisvertrag mit den USA, während Deutschland in eine Reihe von (kollektiven) Bündnissystemen eingebunden ist.




Es zeigte sich (und zeigt sich auch heute im Irak), dass eine einzige verbliebene Supermacht eben nicht allein eine neue Weltordnung aufbauen und lenken kann, vielmehr sind mittelgroße und wirtschaftlich leistungsfähige Staaten auch für die USA als Bündnispartner unverzichtbar. Im ersten Golfkrieg waren Japan und Deutschland die Parias, die sich damals nicht an den Kriegshandlungen gegen Saddam Hussein beteiligen wollten, viel geschmäht von den "patriotischen Massenmedien" ihrer jeweiligen Bündnispartner. Es wird im Folgenden zu zeigen sein, dass Japan eben nicht nur "der Geldautomat ist, der einen Tritt braucht, um Geld auszuspucken"[1]: Die ohnehin brüchige politische Kultur Japans erhielt 2003 einen weiteren Knacks, als die Regierung Koizumi sich weit vorn in die Reihen der "Willigen" stellte und schließlich im Juli 2003 sogar bereit war, 1 000 Mann der so geannten "Selbstverteidigungsstreitkräfte" (SDF) in den Irak zu entsenden - gegen den ausdrücklichen Willen der Bevölkerungsmehrheit.

Viel zu oft und viel zu leicht tauchte früher in vergleichenden Wirtschaftsanalysen der Begriff vom "Modell Japan" auf. Gerade Beobachter asiatischer Entwicklungen wurden zur Verwendung dieses Terminus verführt, weil Politiker in der Region selbst immer wieder davon sprachen, dem "japanischen Modell" folgen zu wollen. Am bekanntesten ist vielleicht der malaysische Regierungschef Mohamad Mahathir, der mit seiner "Look East!"-Politik Japan zum Modell erhoben hatte. Aber schon vor ihm trieb der Staatsgründer Singapurs und harte Verfechter "asiatischer Werte", Lee Kuan Yew, die Bürger seines Stadtstaates mit dem Vorbild Japan in eine erfolgreiche Modernisierung. Wer immer von einem "japanischen Modell" sprach, hatte seine eigene Auffassung davon - und kaum eine dieser Auffassungen entsprach jemals wirklich der Realität. Aber ihnen war eines gemeinsam: Die Verfechter des "Modells Japan" instrumentalisierten diesen Begriff, um in ihren Staaten Entwicklungsstrategien umzusetzen, von denen sie sich vergleichbare Wirtschaftserfolge wie in Japan erhofften. Dabei übersahen sie häufig die gravierenden historischen, kulturellen und sozialen Unterschiede zu Japan bzw. spielten diese bei der Instrumentalisierung des "japanischen Modells" ganz bewusst herunter.

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hat das japanische Modell an Glanz verloren, es gehört zu offenkundig in eine andere, eindeutig vergangene Zeit wirtschaftspolitischer Entwicklungsstrategien. Es wäre jedoch ein schwerer Fehler, angesichts der strukturellen Krisen in Japan und Deutschland die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit beider Länder zu übersehen: Die "Japan AG" wie auch der "Rheinische Kapitalismus" haben Voraussetzungen geschaffen, die Japan und Deutschland in ihren Regionen nach wie vor zu den stärksten Wirtschaften machen; Japan steht dabei unverändert als Wirtschaftsnation weltweit hinter den USA auf Platz zwei. Ein wenig zynisch ließe sich sagen: Japan und Deutschland haben große Probleme, diese aber auf hohem Niveau.



Fußnoten

1.
Vgl. Kazuo Funabashi, in: Asahi Evening News vom 4. 3. 1992.