Der Wiederaufbau der deutschen Literatur
Der Wiederaufbau der deutschen Literatur in den Westzonen war geprägt von der Auseinandersetzung mit der "Inneren Emigration", der Exilliteratur und der Literatur des Widerstandes.Einleitung
In einem 1985 veröffentlichten Gespräch mit Hans Dieter Zimmermann charakterisierte Hans Werner Richter die Mitgliedschaft bei der Gruppe 47 folgendermaßen: "Wer im Nationalsozialismus wirklich mitgemacht hatte, konnte nicht bei der Gruppe 47 sein! Bei einigen jungen Leuten, die einmal an den Nationalsozialismus geglaubt hatten, habe ich das allerdings übersehen; das konnte man übersehen, die hatten ja keine andere Chance gehabt. Streng galt aber die Regel: Wer im Dritten Reich mitgeschrieben hatte war nicht eingeladen! Später habe ich festgestellt, eigentlich erst in jüngster Zeit, dass einige doch im Dritten Reich publiziert hatten; es waren Lyriker, die ab und zu mal ein Gedicht veröffentlichten."[1]
Der Versuch, jeden Zusammenhang zwischen dem Nationalsozialismus und der Gruppe herunterzuspielen, die Geste des großzügigen Hinwegsehens über die Fehlbarkeit des einen oder anderen jungen Schriftstellers oder das Eingeständnis, dass der eine oder andere Dichter jenes sonderbare Gedicht publiziert hatte, sollte den Eindruck verstärken, dass die Gruppe einen klaren Bruch mit der NS-Vergangenheit verkörperte, einen Neubeginn für die deutsche Literatur nach dem Krieg. Detaillierte Studien über die Vergangenheit einzelner Schriftsteller, die zum Großteil von amerikanischen und britischen Wissenschaftlern stammen, sowie zum Beispiel das von Günter Grass "Beim Häuten der Zwiebel" geäußerte Bekenntnis zu seiner Verbindung mit der Waffen-SS haben ein heilsames Korrektiv für diese "Stunde-Null"-Theorie geliefert. Es mag nichtdeutschen Gelehrten leichter fallen, diese unangenehmen Tatsachen aufzugreifen, doch sollte nicht vergessen werden, dass das Schwinden des britischen und amerikanischen Engagements für die Entnazifizierung mit Beginn des Kalten Krieges wesentlich zum Entstehen der Kultur des Totschweigens der Vergangenheit beigetragen hat.
Wenn ich mein Hauptaugenmerk hier auf die frühen Treffen der Gruppe und auf deren Gründerväter Alfred Andersch und Hans Werner Richter lenke, ist es von Interesse, zu beleuchten, wie und warum die Gruppe sich so entwickelte, wie sie es tat. Es stellt sich heraus, dass die Verbindungen zur Vergangenheit und die Art und Weise, wie das schriftstellerische Schaffen in der "Inneren Emigration" und im Exil beurteilt wird, für den Erfolg der Gruppe von grundlegender Bedeutung sind. Richters laxe Umsetzung seiner strengen Regeln trug wesentlich dazu bei, dass die Unterschiede zwischen jenen Autoren, die in der Vergangenheit publiziert hatten, und jenen, die einen echten Neuanfang nach 1945 symbolisierten, verschwammen.
In "Im Etablissement der Schmetterlinge" gibt Richter im Abschnitt über Andersch einen erhellenden Einblick in ihre gemeinsame Erfahrung: "Wir hatten beide das Dritte Reich überstanden, ohne Konzessionen zu machen, wir hatten uns beide demütigen lassen, ohne nachzugeben."[2] Der Begriff "Demütigung" muss zu denken geben; beide Gründer der Gruppe hatten viel mehr Konzessionen gemacht, als sie anfangs zugeben wollten. Beide hatten schon vor 1945 - wenn auch bescheidene - literarische Karrieren begonnen; beide konnten also noch eben als Vertreter der "Inneren Emigration" angesehen werden, was ihr zwiespältiges Verhältnis zu den Werken der besser bekannten "inneren Emigranten" erklärt. Sowohl Andersch als auch Richter widmeten den Großteil ihres literarischen Schaffens der Neubewertung ihrer persönlichen Erfahrungen im Dritten Reich, spielten rückblickend mögliche Reaktionen auf den Nationalsozialismus durch, rechtfertigten und erklärten ihr Versäumnis, Widerstand zu leisten (oder ins Exil zu gehen) und stellten sich als psychologische Opfer eines totalitären Regimes dar.[3] Es war ihnen bewusst, dass es der Kommunismus versäumt hatte, den Nazis wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. Aus dieser Erkenntnis rührte ihr tiefes Misstrauen gegenüber den kommunistischen Regimes in Osteuropa nach 1945, ja gegenüber Ideologien überhaupt. Nach ihrer Vorstellung sollte die neue (west-)deutsche Literatur im Interesse einer neuen politischen und literarischen Zukunft den Versäumnissen der Vergangenheit ins Auge sehen. Dass Andersch und Richter während des Dritten Reiches in Deutschland geblieben waren und dass trotz ihrer literarischen Ambitionen vor 1945 wenig von ihnen publiziert wurde, schuf für beide exzellente Voraussetzungen, als Sprachrohr der jungen Generation anerkannt zu werden.
Fußnoten
- Hans Dieter Zimmermann, Gespräch mit Hans Werner Richter, in: Neue Rundschau, 96 (1985), S. 125 - 126.
- Hans Werner Richter, Im Etablissement der Schmetterlinge. Einundzwanzig Portraits aus der Gruppe 47, München 1986, S. 44.
- Vgl. Rhys W. Williams, Survival without Compromise? Reconfiguring the Past in the Works of Hans Werner Richter and Alfred Andersch, in: Neil H. Donahue/Doris Kirchner (Eds.), Flights of Fantasy. New Perspectives on Inner Emigration in German Literature 1933 - 1945, New York-Oxford 2003, S. 211 - 222.

