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Über die „unvergleichbare Krim“ | Krim | bpb.de

Krim Editorial Zwischen Angst und Widerstand. Leben auf der Krim Rekonstruktion einer Annexion Gibt es ein Russland ohne Krim? Die Krim und die Krimtataren Schatten der Weltkriege. Die Deutschen und die Krim Kurze Geschichte einer besonderen Halbinsel

Über die „unvergleichbare Krim“ Kurze Geschichte einer besonderen Halbinsel

Kerstin S. Jobst

/ 15 Minuten zu lesen

Die Krim war und ist kulturell divers, zu allen Zeiten multikonfessionell und heterogen. Ihre Geschichte verweigert sich daher allen exklusiven nationalen oder religiösen Versuchen der Einvernahme, wie sie zuletzt vor allem vonseiten Russlands gewaltsam durchgesetzt wurde.

Als Truppen der Russländischen Föderation ab Ende Februar 2014 auf die im nördlichen Schwarzen Meer gelegene ukrainische Halbinsel Krim vorstießen, verletzten sie internationales Recht, hat sich die Völkergemeinschaft doch unter anderem in Art. 2 Abs. 4 der UN-Charta grundsätzlich auf die friedliche Lösung von Konflikten verständigt. Den Mitgliedstaaten der UN verbietet dieser Passus bereits die Androhung von Gewalt, etwa zur Durchsetzung territorialer Ansprüche. Er garantiert die territoriale Unversehrtheit eines Staates und dessen politische Unabhängigkeit; so zumindest in der oft grauen Theorie. In der Realität belegen die ständigen Verstöße dagegen, wie wenig sich viele Regimes um die Einhaltung dieser Norm scheren, wenn sie machtpolitische, territoriale oder wirtschaftliche Ziele verfolgen. Moskaus Angriff auf die Krim 2014 und weitere Gebiete im Osten der seit 1991 unabhängigen Ukraine markiert den Beginn der mittlerweile sprichwörtlich gewordenen „Zeitenwende“: Seit dem 24. Februar 2022 überzieht die Russländische Föderation die gesamte Ukraine mit einem Krieg, der genozidales Ausmaß angenommen hat.

Die „unvergleichbare Krim“, so bezeichnete sie aufgrund ihrer landschaftlichen und bevölkerungsstrukturellen Vielfalt unter anderem der sowjetische Futurist Wladimir W. Majakowski (1893–1930), nimmt vor allen Dingen in der russischen, aber auch in der ukrainischen Literatur als schöner, exotischer und unveräußerlicher Ort eine wichtige Position ein. Nicht das erste Mal in ihrer Geschichte ist die Halbinsel wieder Teil eines Schlachtfelds geworden – wie zuvor bereits im Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts und in den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert –, auf dem ukrainische wie russische Soldat:innen und Zivilist:innen zu Tausenden ihr Leben lassen. Hinzu kommen Söldner wie die der berühmt-berüchtigten Gruppe Wagner auf russischer Seite oder ausländische Freiwillige, die, teils aus Solidarität mit dem überfallenen Land, teils aus finanziellen Gründen, auf ukrainischer Seite kämpfen.

Auf der annektierten Krim sind seit Februar 2022 die Auswirkungen des von Moskau geführten Krieges nochmals deutlich spürbarer geworden, zumal beide Seiten vermehrt auf den Einsatz von Drohnen setzen. In dem Konflikt geht es nicht nur um reale Machtansprüche, sondern auch um die Vorstellung von der Krim als zarischer und (post-)sowjetischer „Schatz“ oder gar „Perle des Imperiums“, das in das russische kollektive Bewusstsein eingeschrieben ist. Auch aktuell speist sich daraus die Überzeugung vieler Russinnen und Russen, dass die Krim „unser“ (Krym nasch) sei. Kyjiw seinerseits darf schon aus Gründen der Staatsraison und zur Untermauerung seiner legitimen Ansprüche auf die Unverletzlichkeit seiner Grenzen nicht auf die Halbinsel verzichten, vorerst zumindest.

Mit Beginn der menschlichen Besiedlung wurde die Krim ein Wirtschafts-, Kultur- und Mythen-Raum, der seit der Antike von den jeweiligen dominierenden politischen und ökonomischen Akteuren beeinflusst wurde. Zahllose Bevölkerungsgruppen, deren Selbstbezeichnungen in vielen Fällen nicht mehr feststellbar sind, kennen wir nur durch die Namen, die griechische oder römische Autoren ihnen gegeben haben. Die Gebiete der Halbinsel und der im Norden angrenzenden Region wurden durchzogen, erobert, besiedelt und wieder verlassen. Und nicht alle haben historiografisch fassbare schriftliche Quellen hinterlassen, sehr wohl aber archäologische oder andere. Soviel steht fest: Die Krim war und ist kulturell divers, zu allen Zeiten multikonfessionell und heterogen. Ihre Geschichte verweigert sich allen exklusiven nationalen oder religiösen Versuchen der Einvernahme, wie sie zuletzt vor allem vonseiten Russlands und ihrem Präsidenten Wladimir Putin formuliert und gewaltsam durchgesetzt wurde.

Frühe Herrschaften und mittelalterliche Kolonien

Über die Zeitläufte hinweg war die Krim durch ihre geografische Lage an den Rändern verschiedener Großreiche und Imperien geprägt. Dies trug dazu bei, dass die Region als ein Gebiet mit mythischem Potenzial wahrgenommen wurde. Den Zugriffsversuchen der Zentren entzog sie sich jedoch immer wieder. Nicht final feststellbar ist die Herkunft ihres Namens, ob dieser etwa auf das mongolisch-tatarische Wort kerim (Festung) zurückgeht, auf das krimtatarische Wort qrım (Felsen) oder auf die in der Antike als Kimmerier bezeichneten Bewohner:innen.

Eine der ersten überlieferten Erzählungen über die Tauris, also die Krim, und ihre in griechischen Quellen als Skythen bezeichneten Bewohner, stammt von Herodot, der im 5. vorchristlichen Jahrhundert wirkte und häufig als „Vater der Geschichtswissenschaft“ bezeichnet wurde. Seit dem 7./6. Jahrhundert v. Chr. entstanden an den Küsten des nördlichen Schwarzen Meeres pontosgriechische Kolonien. Diese pflegten sowohl friedliche ökonomische als auch kriegerische Kontakte mit den (halb-)nomadischen Großgruppen des nördlichen eurasischen Raumes, die auch auf die Krim gelangten. Die Halbinsel war eine wichtige Kontaktzone zwischen der griechisch-römisch geprägten Welt und den sogenannten Barbaren. Diese abendländische, zumeist abwertende Sicht auf das Andere ist dem Reden und Schreiben über die Krim bis heute immanent. Im 3./2. Jahrhundert v. Chr. gelangten weitere (halb-)nomadische Stämme auf die Halbinsel, welche die Siedlungskolonien herausforderten. Städte wie Chersones (griechisch: Chersonesos, heute Vorort von Sewastopol) und Theodosia (heute Feodossija) waren Teil des Bosporanischen Reiches geworden, dessen Zentrum Pantikapaion (heute Kertsch) im Osten der Halbinsel wurde. Bald unterstellte es sich dem Königreich Pontos. Dessen sagenumwobener Herrscher Mithridates VI. (ca. 134–63 v. Chr.) versuchte, seinen Einfluss auf Kleinasien auszuweiten, was zu Konflikten mit Rom führte. 63 v. Chr. siegte Rom schließlich, und Pontos wurde dessen abhängiger Klientelstaat. Küstenstädte wie Chersones wurden oligarchische Republiken. Sie bildeten die Basis römischer Herrschaft über die Krim und weitere Gebiete.

Häufig als Goten titulierte germanische Stämme berührten um 255 n. Chr. erstmalig die Region. Mehrheitlich wanderten sie weiter nach Westen. Die Verbliebenen, als Krimgoten bezeichneten, verbanden sich politisch und kulturell mit Ostrom und christianisierten sich. In der Bergregion der Halbinsel formierte sich das Fürstentum Theodoro, welches bis zur vollständigen Eroberung der Halbinsel durch die Krimtataren um 1475 bestand.

Ende des 7. Jahrhunderts wurden turkstämmige Chasaren für fast drei Jahrhunderte – neben dem unter anderem noch über Chersones herrschenden Ostrom – zu einer Ordnungsmacht auf der Krim. Sie kooperierten mit Konstantinopel, wenn Bündnisse gegen eindringende nomadisierende Gruppen wie die Petschenegen, Alanen oder auch das Sassanidenreich notwendig waren. Die im 10. Jahrhundert auf der Krim auftauchende Kyjiwer Rus wurde für die Chasaren eine Herausforderung: In den 960er Jahren beispielsweise versetzte der Großfürst Swjatoslaw I. (ca. 942–972) den Chasaren einen entscheidenden Schlag, eine dauerhafte slawische Dominanz in der Region entwickelte sich aber nicht. Intensive Handelskontakte zwischen der Rus und Byzanz entstanden dennoch, doch immer wieder kam es zu Raubzügen der Rus gegen Konstantinopel.

Um das Jahr 988 führte der Kyjiwer Großfürst Wladimir einen Feldzug gegen Chersones und nahm etwa zeitgleich das Christentum byzantinischer Prägung an. Folgt man altostslawischen Chroniken, fand Wladimirs Taufe in Chersones statt. Aus russischer Perspektive wird auch gegenwärtig daraus der nicht sehr valide „Beweis“ abgeleitet, dass die Krim schon im Mittelalter russisch gewesen sei. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang das slawische Fürstentum Tmutarakan auf der Halbinsel Taman, das aus der griechischen Gründung Hermonassa hervorgegangen war und Ende des 10., Anfang des 11. Jahrhunderts unter die Herrschaft der Rjurikiden-Dynastie gelangte. 1094 wurde es letztmalig in russischen Chroniken erwähnt und als weiterer Beleg einer schon früh slawisch geprägten nördlichen Schwarzmeerregion angeführt.

Ab dem 13. Jahrhundert gründeten die Seerepubliken Venedig und Genua an der Küste des Schwarzen Meeres Handelskolonien wie Kaffa, das ehemalige Theodosia. Kaffa nahm im Handel eine wichtige Rolle ein, unter anderem auch im Sklavenhandel. Ethnisch, kulturell und religiös war es außerordentlich vielfältig: Italiener, Griechen, Slawen, Armenier und muslimische Gruppen bewohnten die Region.

Im 14. Jahrhundert schließlich erodierte der einstmals mächtige eurasische Konglomeratstaat der sogenannten Goldenen Horde. Aus dieser gingen verschiedene Khanate hervor, von denen das Krim-Khanat das wichtigste wurde. Im nordöstlichen Gebiet der Halbinsel zwischen Bergland und Steppe lag die Stadt Staryj Krym ("Alt-Krim“ beziehungsweise krimtatarisch: Eski Kırım, „Alte Festung"), die zum wirtschaftlichen und religiösen Zentrum der Krimtataren wurde. Davon zeugen bis heute die Überreste der steinernen Moschee. Später wurde das weiter westlich in den Bergen liegende Bachtschissarai (krimtatarisch: Bağçasaray) Hauptstadt und kulturell-religiöses Zentrum. Die sunnitischen Akteure machten mehrere Küstenstädte tributpflichtig, andere kamen Ende des 15. Jahrhunderts als eyalet (Provinzen) unter osmanische Verwaltung. Damit war das Schicksal der italienischen Kolonien besiegelt: Die Bevölkerung akzeptierte die Herrschaft der muslimischen Tataren; zugleich wurde der multiethnische und -religiöse Charakter der Krim bewahrt, da die Khane die religiösen Praktiken ihrer neuen Untertanen tolerierten, ihnen im Gegenzug aber spezielle Steuern auferlegten.

Krim-Khanat und russische Annexion

Das bis zur russischen Annexion 1783 bestehende Krim-Khanat wurde eine relevante Ordnungsmacht am nördlichen Schwarzmeerufer. Ziel der Khane und der einflussreichen Clans war es, die Länder der ehemaligen Goldenen Horde unter ihre Herrschaft zu bringen und dort keine andere Macht zu stark werden zu lassen. Sie schlossen Allianzen wechselweise mit Polen (ab 1569 Polen-Litauen) und mit dem Moskauer Staat. Mit dem Osmanischen Reich zogen sie nach Norden, forderten Tribute und machten Sklaven. 1571 verheerten krimtatarische Truppen Moskau. Ab 1478 unterstand das Khanat der Hohen Pforte, also der Regierung des Osmanischen Reiches, allerdings in einem privilegierten Souveränitätsverhältnis, und die Halbinsel wurde ein bedeutendes Zentrum islamischer Kultur. Das regelmäßige Vordringen der Krim-Truppen nach Norden verhinderte die dauerhafte agrarische Nutzung der fruchtbaren Steppengebiete durch Polen und Russland, woran die von Moskau und der polnischen Krone zur Grenzsicherung eingesetzten Kosakenverbände nichts ändern konnten.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurden die Kosaken sogar ein weiterer regionaler Unruhefaktor, griffen sie doch auf dem Wasser- und Landweg das Khanat und die Hohe Pforte wiederholt an. Die muslimischen Akteure waren also nicht das einzige „räuberische“ Element in der Region. Obgleich der Sklavenhandel bereits in der Antike ein wesentliches Element der Schwarzmeer-Ökonomie gewesen war, resultierte das negative Bild des Khanats (und des Osmanischen Reiches) in der christlichen Welt auch daraus. Der Sklavenhandel verhinderte mittelfristig notwendige Innovationen wie im Bereich frühindustrieller Produktion. So machten sich Modernisierungsdefizite des Khanats auch auf militärischem Gebiet im Vergleich mit dem Zarenreich zunehmend bemerkbar, und nicht zuletzt deshalb stand die Einnahme des nördlichen Schwarzmeerufers in Russland schon bald auf der politischen Agenda.

Nach anfänglich nur zeitweisen Erfolgen Ende des 17. Jahrhunderts markierte der Frieden von Küçük Kaynarca 1774 zwischen dem Russischen und dem Osmanischen Reich schließlich die Trendwende: Sankt Petersburg drang dauerhaft ans Schwarze Meer vor, und die Hohe Pforte musste Gebietsverluste am Buh und Dnipro hinnehmen. Das Krim-Khanat wurde formal vom Sultan unabhängig, Khan Şahin Giray (1745–1787) herrschte von Russlands Gnaden. Gegen ihn und den Einfluss Russlands regte sich Widerstand auf der Halbinsel, und das Zarenreich griff wiederholt militärisch zu seinen Gunsten ein. Zarin Katharina II. (1729–1796) beendete nun ihr Experiment der Ausübung indirekter kolonialer Herrschaft und annektierte 1783 die Krim. Das Khanat wurde aufgelöst und in die Strukturen des Zarenreichs eingepasst. Die Politik der aufgeklärt absoluten Herrscherin Katharina II. war tolerant gegenüber den Angehörigen der ehemaligen Titularnation und pragmatisch – den eigenen Maximen entsprechend. Durch die Besiedlungspolitik Katharinas und ihres Nachfolgers, Alexanders I. (1777–1825), kamen unter anderem deutsche, schweizerische und italienische Migranten auf die Krim. Später, besonders unter Zar Alexander III. (1845–1894), wurden orthodoxe Neusiedler bevorzugt.

Russische Herrschaft

Die Geschichte der russischen Krim ist ohne die Erwähnung der 1783 gegründeten Hafen- und Garnisonsstadt Sewastopol (griechisch: „die Erhabene") nicht verständlich. Die ambitionierten außenpolitischen Pläne zum Schaden Istanbuls hatten Katharina II. zum Aufbau einer militärischen Infrastruktur auf der Krim veranlasst, und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Sewastopol Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Dass Russland die nördliche Schwarzmeerküste dauerhaft den Osmanen und Tataren entrissen hatte, war ein Erfolg, den es auch militärisch zu sichern galt.

Dennoch fiel die Bilanz der russischen Herrschaft über die Krim gemischt aus: Die großen wirtschaftlichen Erwartungen erfüllten sich nur teilweise, wurde doch das westlich gelegene Odessa zum eigentlichen ökonomischen Motor der Region, nicht Sewastopol. Auch zeigte sich, dass die Stadt, die Festung und ihr Hafen (wie die Krim überhaupt) von gegnerischen Armeen eingenommen werden konnten, wie sich im Krimkrieg und in beiden Weltkriegen zeigte. Diese Niederlagen schmälerten allerdings nicht die militärisch-heroische Aufladung Sewastopols und der Halbinsel im russischen kollektiven Bewusstsein. Denn die Bedeutung der Krim gründet nicht unwesentlich auf dem Nimbus, den die Stadt und ihre Bevölkerung durch die heldenhafte, letztlich erfolglose Verteidigung erlangten: Im Krimkrieg leistete die Feste über 349 Tage Widerstand, ehe den alliierten Truppen – Frankreich und Großbritannien an der Seite des Osmanischen Reiches, ab 1855 zudem Sardinien-Piemont – die Besetzung gelang.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts war die Krim ohne Zweifel „russischer“ geworden: Viele krimtatarische Bewohner:innen verließen aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen die unter die Herrschaft der sogenannten Ungläubigen gefallene Heimat in Richtung Osmanisches Reich. Nach dem Krimkrieg misstraute ihnen auch die zarische Staatsmacht und trieb die Emigration weiter voran. Zudem förderte Sankt Petersburg die Anwerbung christlicher Kolonisten, die als nützlich und innovativ galten, wie Deutsche, Schweizer oder Schweden, oder weil sie das orthodoxe Element auf der Halbinsel stärkten, wie Russen, Ukrainer, Bulgaren und Griechen.

Die in russischen Debatten fast nie als Kolonie bezeichnete Krim ist dennoch als solche einzuschätzen, denn trotz der im russischen Kontext nicht unüblichen Kooption der indigenen Eliten sind Merkmale kolonialer und direkter Hegemonie deutlich. Der ehemaligen krimtatarischen Titularnation war das Handlungsprimat weitgehend entzogen worden: Die russische Macht gestaltete aktiv den angeeigneten Raum, etwa durch den Bau von Städten (gradostroenie) oder Kolonisierung und Umsiedlungspolitik (pereselenie).

Revolutionen und Weltkriege

Im Ersten Weltkrieg gab es im Schwarzmeerraum anfänglich nur geringe Truppenbewegungen und vereinzelte Operationen zur See. Auch der Umsturz der Zarenherrschaft im Zuge der Februarrevolution 1917 verlief auf der Krim vergleichsweise ruhig. Bevölkerung und Repräsentanten der neuen Ordnung entfremdeten sich aber, und wie in anderen Teilen des russländischen Imperiums kam es zu einem Politisierungsschub nationaler Minderheiten. Wollten sich zum Beispiel Krimtatar:innen noch im Frühjahr 1917 mit kultureller Autonomie innerhalb eines demokratischen Russlands zufriedengeben, forderten sie bald die Unabhängigkeit. Nach dem Oktoberumsturz im selben Jahr eskalierte die Situation, als „Revolutionäre“ gegen bürgerliche Russ:innen vorgingen und sich Partisanen einschalteten. Die Ukrainische Volksrepublik (Ukrajinska Narodna Respublika), erhob Anspruch auf das Gebiet, und krimtatarische Politiker forderten einen unabhängigen Krim-Staat, der sich später mit dem Osmanischen Reich verbinden sollte. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den sogenannten Mittelmächten (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien) Anfang 1918 besetzten kaiserlich-deutsche Truppen die Krim. Im November 1918 griffen Weißgardisten und mit ihnen verbündete, alliierte Truppen ein. Eine Zeitlang erschien es möglich, dass die sogenannten Weißen sich zumindest auf der Krim würden halten können, aber die Bolschewiki erwiesen sich letztlich als resilienter.

1921/22 wütete wie in anderen Teilen des verheerten Osteuropas auch auf der Krim eine Hungersnot. Erst in den Jahren darauf und durch die „Neue Ökonomische Politik“ (Nowaja ekonomitscheskaja politika) des Sowjetregimes wurde auch dort die Lage besser. Die 1921 gegründete krimtatarische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik war Teil der unionsweiten Indigenisierungspolitik (russisch: korenizacija, „Einwurzelung"), die die nichtrussischen Nationalitäten prosowjetisch stimmen sollte. Bis Anfang der 1930er Jahre nutzte diese Politik den Krimtataren auf den Gebieten der Kultur und der politischen Teilhabe. Die harte Repressionspolitik Josef Stalins aber traf dann auch die Krim und ihre Bewohner:innen. Überhaupt zeigte sich wie bereits in zarischer Zeit, dass die Krim im Guten wie im Schlechten integraler Teil eines russischen Staates geworden war, egal welcher weltanschaulichen Ausrichtung die Regierung in Moskau anhing. Ein Beispiel waren die antireligiösen Kampagnen der 1920er Jahre in der Sowjetunion sowie die allgemein antireligiöse Haltung des Regimes. Diese setzte alle Glaubensgemeinschaften der Halbinsel unter Druck, obgleich der Islam in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht so massiv verfolgt wurde wie die Orthodoxie.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde die Krim bald Schauplatz von Kampfhandlungen. Das Besatzungsregime von 1942 bis Frühjahr 1944 offenbarte die ganze Bandbreite des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges. Das auf einer langen Tradition beruhende Judentum auf der Krim wurde komplett ausgelöscht, während die ebenfalls auf der Krim beheimateten nichtrabbinischen (aber sich als jüdisch verstehenden) Karäer der Vernichtung weitgehend entgingen. Die Nationalsozialisten versuchten, die krimtatarische Bevölkerung, die zuvor auch die Repressionen des stalinistischen Terrors erfahren hatte, in ihr Kollaborationssystem einzupassen, was partiell gelang. Die meisten Bewohner:innen verhielten sich, soweit das möglich war, passiv oder leisteten als Partisanen Widerstand.

Bei der Belagerung Sewastopols durch die 11. Armee der Wehrmacht unter General Erich von Manstein hielten die Sowjetarmee und die Männer und Frauen der Stadt den Angreifern 250 Tage lang stand. Der Name der Stadt gilt seither als Synonym für kollektiven Beharrungswillen im Angesicht eines militärisch, nicht aber moralisch überlegenen Gegners. Dies zeigt sich bis heute in der Gestaltung des öffentlichen Raumes mit zahlreichen Denkmälern und Erinnerungstafeln sowie die Auszeichnung als „Heldenstadt“ (Gorod geroj) während der Sowjetzeit. Nach der Rückeroberung der Halbinsel durch die Rote Armee 1944 erhob das sowjetische Regime gegenüber der krimtatarischen Bevölkerung den Vorwurf der Massenkollaboration mit den Nationalsozialisten. In seiner Absolutheit war dieser haltlos, dennoch diente er als Rechtfertigung für die brutale Deportation der fast 200000 Krimtataren sowie anderer, „fremder“ Nationalitäten wie der Krimgriechen nach Zentralasien.

Von der „unvergleichbaren“ zur „verlorenen Krim“?

Die Nachkriegsjahre auf der Krim standen im Zeichen der Beseitigung der massiven Kriegsschäden und der forcierten Industrialisierung der Halbinsel. Neben der Agrarwirtschaft entwickelte sich eine der größten Kur- und Tourismusindustrien der Sowjetunion. 1954 wurden unter Parteichef Nikita Chruschtschow die Feiern des 300. Jahrestages des Vertrages von Perejaslaw begangen, bei dem die Saporoger Kosaken 1654 einen Treueeid auf den russischen Zaren Alexander I. abgelegt hatten. Im Zuge dessen wurde die Krim aus der Russischen Sowjetrepublik herausgelöst und von da an durch die Ukrainische Sowjetrepublik administriert. Russischerseits – keineswegs aber vonseiten der Ukraine – wird der historische Treueeid der Saporoger Kosaken als immerwährende Vereinigung zweier Brudervölker interpretiert.

Solange die Sowjetunion existierte, war die Übertragung der Krim von geringer Relevanz; nach ihrem Zerfall aber erwuchsen daraus erhebliche Probleme, mit Auswirkungen bis heute. Debatten über die staatsrechtliche Legalität der „Chruschtschow’schen Schenkung“, der Streit um die Aufteilung der Schwarzmeerflotte und die Nutzung Sewastopols als russische Militärbasis sowie zuweilen gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den mehrheitlich russophonen, slawischen Krimbewohnern und den sukzessive aus Zentralasien zurückgekehrten Tataren prägten zwischen 1991 und 2014 die Geschichte der Krim. Da es die Ukraine in den mehr als drei Jahrzehnten seit ihrer Unabhängigkeit nicht vermochte, das Land und damit auch die Krim prosperieren zu lassen, war die Begeisterung, mit der sich eine Mehrheit der slawischen Bevölkerung 2014 für den Anschluss der Krim an die Russländische Föderation aussprach, zum Teil auch wirtschaftlich motiviert. Sie rechtfertigt dennoch in keiner Weise das russische Vorgehen gegenüber der Ukraine vor allem seit Februar 2022. Die slawischen Krimbewohner:innen hatten sich übrigens bei einem vorherigen Referendum im Dezember 1991 mit 54 Prozent für den Verbleib der der Krim als Teil der unabhängigen Ukraine ausgesprochen.

Um den separatistischen Tendenzen den Wind aus den Segeln zu nehmen, erhielt die Krim 1992 schließlich als einziges Gebiet innerhalb der Ukraine den Status einer Autonomen Republik mit gewissen Hoheitsrechten im Bereich der Finanzen, Verwaltung und Justiz sowie ein Regionalparlament. Nach der Annexion von 2014 wurde die Halbinsel eines der insgesamt 85 Unionssubjekte der Russländischen Föderation, und Sewastopol hat, wie bereits in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als dritte Stadt nach Moskau und Sankt Petersburg den Status einer „Stadt föderalen Ranges“. Doch es bleibt festzuhalten: Völkerrechtlich ist die Halbinsel ein Bestandteil des ukrainischen Staates.

Das im Süden der Halbinsel milde Klima ließ die verschiedenen russischen Herrscher große wirtschaftliche Erwartungen hegen, die allerdings nur teilweise erfüllt wurden, zumal die russische Administration des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Infrastruktur und zielgerichteter Wirtschaftsförderung eklatante Versäumnisse zuließ. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich allmählich der Tourismus, der insbesondere in sowjetischer Zeit konsequent gefördert wurde. Die Krim avancierte zu einem der beliebtesten Urlaubsziele innerhalb der UdSSR; bis Ende der 1980er Jahre verbrachten jährlich bis zu acht Millionen Menschen dort ihren Urlaub. Neben einer ausgeprägten Kultur der Jugendpionierlager, die sich mit dem Hauptlager „Artek“ verbindet, entstand eine Sanatoriums- und Gewerkschaftsreiseindustrie. Zugleich zog die Krim auch zahlreiche Individualtourist:innen an, die im sowjetischen Kontext „wilde Touristen“ genannt wurden.

Nach dem Ende der Sowjetunion brach der Tourismus deutlich ein, erholte sich aber nach der Orangen Revolution 2004/05 und der Einführung der Visumfreiheit für viele Reisende aus dem Westen. Dadurch suchten auch diese vermehrt die Krim auf; nach der Annexion durch Russland 2014 ist die Zahl der westlichen Tourist:innen jedoch wieder eingebrochen und seit Februar 2022 fast völlig zum Erliegen gekommen. Gänzlich abschrecken von einer Reise zu diesem russischen Sehnsuchtsort lassen sich zumindest Staatsbürger:innen der Russländischen Föderation aber selbst in Zeiten des Krieges nicht.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Das heutige Russland ist – genauso wie das Zarenreich und die UdSSR – ein Vielvölkerstaat. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, wird der Staat in der offiziellen russischsprachigen Diktion als „Russländische Föderation“ (Rossijskaja Federazija) bezeichnet. Anders als das Adjektiv „russisch“ (russkij) bezieht sich „russländisch“ (rossijskij) dabei nicht auf eine ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit, sondern allein auf die Untertanen- beziehungsweise Staatsbürgerschaft.

  2. Vgl. Kerstin S. Jobst, Geschichte der Krim. Iphigenie und Putin auf Tauris, Berlin–Boston 2020, S. 21–32.

  3. Vgl. Stefan Goertz, Die russische „Gruppe Wagner“. Hybridakteur des Systems Putin, in: Österreichische Militärische Zeitschrift 6/2022, S. 733–738; Christoph B. Schiltz, 2800 Euro für die erste Reihe an der Front – wie auch Kiew um Söldner wirbt, 3.11.2023, Externer Link: http://www.welt.de/plus248323466.

  4. Vgl. Massive ukrainische Drohnen-Attacken auf Krim, 6.12.2023, Externer Link: http://www.focus.de/_id_259403057.html.

  5. Vgl. dazu ausführlich Kerstin S. Jobst, Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich, Konstanz 2007.

  6. Putin betont regelmäßig, dass die Übergabe der Krim an die Ukraine durch den damaligen sowjetischen Kremlchef Nikita Chruschtschow 1954 ein historischer Fehler gewesen sei, den es zu korrigieren gelte. Vgl. z.B. Putin zu Krim: Reparatur eines Fehlers, 8.4.2017, Externer Link: https://oe1.orf.at/artikel/369527.

  7. Ich folge hier im Wesentlichen meiner Darstellung für den Eintrag „Krim“ im Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2019, Externer Link: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/regionen/krim.

  8. Vgl. Jan Kusber, Katharina die Große. Legitimation durch Reform und Expansion, Stuttgart–Wien 2021.

  9. Vgl. Kerstin S. Jobst, „Einnahme unmöglich"? Sevastopol’ als Geschichte eines (Miss-)Erfolgs, in: Oliver Auge/Doris Tillmann (Hrsg.), Kiel und die Marine 1865–2015. 150 Jahre gemeinsame Geschichte, Kiel 2017, S. 161–182.

  10. Vgl. Jobst (Anm. 7).

  11. So der von der Krim stammende, unter Pseudonym schreibende Autor Dmitri Vysotkin, Glauben an Sicherheit, 13.7.2023, Externer Link: https://taz.de/Krim-Tourismus-in-Kriegszeiten/!5947052.

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Weitere Inhalte

ist Professorin für Gesellschaften und Kulturen der Erinnerung im östlichen Europa am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. 2020 erschien ihr Buch "Geschichte der Krim. Iphigenie und Putin auf Tauris".